Festakt zur Seligsprechung von Kardinal Clemens August von Galen
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Ein Bischof in Auseinandersetzung
Univ. Prof. Dr. Karl H. Neufeld SJ
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„Löwe von Münster“? Ein Bischof in Auseinandersetzung Clemens August Graf von Galen: der Name hat in der neueren Geschichte des deutschen Katholizismus besonderen Klang und eigenen Stellenwert. Nach der Seligsprechung am 9. Oktober sprach Papst Benedikt XVI. von dem Geschenk, das Gott mit dieser Gestalt der Kirche gemacht habe, das Geschenk eines Mutes, der damals selten, ja, in dieser Deutlichkeit einmalig war. Mut ist eine Tugend, die wie alle Tugenden ohne die anderen nicht sein kann. Dennoch soll Papst Pius XII. in der Vorbereitung der Ernennung neuer Kardinäle 1945 einen Moment gezögert haben, Galen hinzuzunehmen: Vielleicht war ihm der vom Bischof von Münster bewiesene Mut doch etwas zu riskant. Angeblich hat ihm einer seiner Mitarbeiter die Bedenken genommen. Und so wurden es Anfang 1946 drei deutsche Kardinäle, die alle drei einen wesentlichen Teil ihrer Ausbildung an der Theologischen Fakultät und im Canisianum von Innsbruck bekommen hatten[1]. Mit einer mehr persönlichen Erinnerung möchte ich die Bemerkungen zum Leben und zur Bedeutung von Clemens August Kardinal Graf von Galen charakterisieren. Als der Bischof von Münster, der bislang erste und einzige Kardinal dieser Kirche, kurz nach der Erhebung zu dieser Würde sein Leben endete, begann für mich die Schulzeit. Dort wurde damals eine kleine Leistung jeweils mit einem so genannten Fleißkärtchen belohnt. Wir Schulkinder sammelten sie. Wenn einer zehn dieser Kärtchen beisammen hatte, durfte er sich beim Lehrer ein Bildchen abholen, das man selbst aus einer Sammlung auswählen durfte. Warum, weiß ich nicht mehr, aber ich wählte 1946 einmal eine Darstellung des gerade verstorbenen Bischofs meiner Heimatdiözese. Dieses Bildchen habe ich bis heute aufgehoben. Auf der Rückseite findet sich neben den Lebensdaten der Wahlspruch Galens „Nec laudibus, nec timore“ Weder durch Lob. Noch durch Furcht. Da Galen das gelebt hat, wurde er schon in den Jahren des Krieges als „Löwe von Münster“ bezeichnet, der losgebrüllt hatte, als er Trug und Unrecht nicht mehr hinzunehmen vermochte. Den Eindruck eines Löwen hatte er auf andere gemacht, die von außen verfolgten, was sich unter dem Nationalsozialismus in deutschen Ländern und in Europa tat. Galen selbst hat sich und seine Situation eher in einem anderen Bild gesehen und gezeichnet, worauf noch zurückzukommen ist. Wer er war, ist in den Tagen seiner Seligsprechung öfter in Erinnerung gerufen worden. Dass er aus einer Familie stammte, die nach dem 30jährigen Krieg im Oldenburger Münsterland ansässig wurde, als ein anderer Galen, nämlich Christoph Bernhard, Fürstbischof von Münster war und energisch, auch unter Einsatz militärischer Mittel in der Umgebung Folgen der Reformation zu überwinden suchte. Die Familie des künftigen Kardinals hatte noch 12 weitere Kinder. Der Vater war Abgeordneter im Reichstag und übte bestimmenden Einfluss in der Durchsetzung der ersten Sozialgesetzgebung aus; seine Mutter, die sich vor allem um die große Familie kümmerte, stammte aus dem Geschlecht von Spee, das ebenfalls im 17. Jahrhundert mit Friedrich von Spee ein bekanntes und hervorragendes Mitglied aufweist. Die Namensverbindung Clemens August geht übrigens auf einen Kurfürsten von Köln aus dem Hause Wittelsbach zurück. Trotz des adligen Standes lebte man in der Familie auf Burg Dinklage einfach. Dieses Elternhaus beherbergt seit dem II. Weltkrieg Benediktinerinnen und erweist sich nach wie vor als eher für ein Kloster geeignet. Clemens August erhielt seine Mittelschulausbildung in Feldkirch und in der Oldenburger Kreisstadt Vechta, studierte anschließend Theologie in Fribourg und eben hier in Innsbruck als Alumne des damaligen Nikolaihauses, das seit 1911 als Canisianum bekannt ist. Nach seiner Priesterweihe in Münster 1904 half er zunächst einige Jahre seinem Onkel, dem Weihbischof Max Gereon von Galen, ehe er als Kaplan nach St. Matthias in Berlin geschickt wurde. Dort hat er sich als Seelsorger eingesetzt, wurde Kurat an St. Clemens – diese Kirche übernahmen nach der Aufhebung der letzten Kulturkampfgesetze die Jesuiten[2] - und schließlich Pfarrer an St. Matthias. Die Probleme der Großstadt, die Nöte nach dem I. Weltkrieg, die Diasporasituation und die Nähe zu den politischen Auseinandersetzungen dieser Jahre haben für Galen deutlich Gewicht gehabt. Dennoch fügte er sich so in das übliche kirchliche Leben ein, dass er nicht sonderlich auffiel. Sein Bischof rief ihn 1929 nach Münster zurück und vertraute ihm die Pfarrgemeinde St. Lamberti in der Bischofsstadt an. Aus der Aufgabe als Pfarrer und Seelsorger wurde er 1933 zum Bischof von Münster berufen[3]. Dass er ein offenes Auge für die Gefahren der Zeit hatte, zeigte sich an seinem großen Hirtenbrief von 1934 gegen das Neuheidentum, wie es Alfred Rosenberg im „Mythos des 20. Jahrhunderts“ vertrat und Teil der damaligen Naziideologie war[4]. Zur Märtyrer-Feier im Dom zu Xanten legte er schon 1936 die Prinzipien christlichen Widerstandes auseinander[5]. Kein Wunder, dass ihn Papst Pius XI. dann in der Vorbereitung der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ hinzuzog. Weltweit bekannt aber wurde er durch die drei Predigten im Sommer 1941, von denen die erste und die letzte in St. Lamberti, die zweite in der Überwasserkirche gehalten wurde, weil der Dom von Münster schon durch Bomben beschädigt war. Bei den Hörern, aber ebenfalls hinter den Kulissen lösten diese Predigten ein heftiges Echo aus, wie nach dem Krieg voll und ganz deutlich wurde. Die erste Predigt am 13. Juli[6] reagierte auf den Klostersturm und die Vertreibung von Ordensleuten; sie hatte den Führerbefehl vom 30. Juli an alle Gauleiter zur Folge, jede Aktion gegen Kirchengut sofort einzustellen. Die zweite Predigt in der Überwasserkirche vom 20. Juli[7] stellte das Unrecht an den Menschen und die Zerstörung von Vertrauen und Gemeinschaft in den Mittelpunkt, brandmarkte vor allem die Rechtlosigkeit gegenüber den Gewalt- und Willkürakten des Regimes. Sie ging auch auf die Erziehung der Jugend im Gegensatz zu den christlichen Traditionen ein. Hier hat Galen sein Bild entwickelt, in dem er die nötige Haltung, die eigene und die der Gläubigen, veranschaulichte: „Hart werden! Fest bleiben! Wir sind in diesem Augenblick nicht Hammer, sondern Amboss. Der Amboss kann nicht und braucht auch nicht zurückzuschlagen, er muss nur fest, nur hart sein“[8] „Was in dieser Zeit geschmiedet wird, sind fast ohne Ausnahme wir alle“[9]. Und der Bischof erwähnt, wie Menschen abhängig sind von vielen Personen und Dienststellen, „die nicht nur die Freiheit des Handelns beschränken, sondern auch die freie Unabhängigkeit der Gesinnung in schwere Gefahr und Versuchung bringen, wenn diese Personen und Dienststellen zugleich eine christentums-feindliche Weltanschauung vertreten“[10]. „Wir sind zur Zeit Amboss bei allen Schlägen, die auf uns niedersausen ...[So ist] nach dem Wort zu handeln: Man muss Gott mehr gehorchen, als den Menschen“[11]. Und schließlich hielt er die Predigt am 3. August[12] gegen die Tötung des so genannten lebensunwerten Lebens, die Erinnerung an die Zehn Gebote Gottes als Grundlage menschlicher Existenz und menschlichen Zusammenlebens. Wie diese Worte über die unmittelbaren Hörer und jene, die sie verbreiteten, vor allem bei denen wirkten, auf die sie gemünzt waren, wurde nicht bekannt. Erst 1945 nach dem Zusammenbruch kamen Akten des Propagandaministeriums und der Partei ans Tageslicht, die über die Reaktionen in den entscheidenden Kreisen des Regimes Aufschluss gaben. Selbst ein Goebbels wusste nicht, wie man gleich reagieren sollte. Die Abrechnung mit dem Bischof von Münster wurde auf die Zeit nach dem Krieg vertagt. Mit Rücksicht vor allem auf die militärischen Auseinandersetzungen suchte man die Maßnahmen, die den Protest Galens ausgelöst hatten, zu reduzieren oder noch mehr zu verschleiern. Der Bischof von Münster blieb in Unkenntnis darüber, obgleich er ebenfalls bei Gerichten und Verantwortlichen seinen Protest in rechtlicher Form eingebracht hatte. Die Reaktionen, die ihn oder auch die Öffentlichkeit erreichten, blieben unbestimmt drohend und verhießen Schlimmstes. Auf die Vorgänge, die in der ersten Predigt herausgestellt wurden, reagierte der Regierungspräsident in Münster jedoch am 19. Januar 1942 mit einem Schreiben an Galen, das diesem am 1. Februar 1942 noch einmal Grund und Gelegenheit zu einer weiteren Predigt in St. Lamberti[13] und zu einer inhaltsgleichen Erklärung in allen Pfarrkirchen seines Bistums gab. Diese Äußerung hat es auch theologisch in sich und mag deshalb eigene Aufmerksamkeit finden. Der Bischof beginnt mit der wortwörtlichen Verlesung des Briefes, um die Gläubigen mit der Entscheidung des Reichsministers des Innern bekannt zu machen, die beschlagnahmten kirchlichen und klösterlichen Besitzungen seien als Vermögen von Reichsfeinden eingezogen. Das verdeutlicht er, indem er sich besonders auf das Kloster Vinnenberg bezieht, dessen Besitz zur Dotation des Bistums Münster gehört und den streng klausurierten Anbetungsschwestern lediglich zur Nutznießung überlassen war. Und Galen schließt daraus: „der Bischof von Münster, das Bistum Münster, in etwa ihr alle, werden wie Reichsfeinde behandelt, zu Reichsfeinden erklärt“[14].. „Als ich diese Worte las“, so fährt Galen fort, „da stieg mir das Blut zu Kopfe, da schlug mir das Herz bis zum Halse; da bin ich aufgesprungen von meinem Schreibtisch ... So empört war ich über diese Beschuldigung gegen mich, gegen euch, im Grunde gegen alle deutschen Katholiken. Wir sollen Reichsfeinde sein? So wagt man uns zu behandeln?“[15]. Am Ende bemerkt er: „Wir wollen uns nicht darüber aufregen, wollen nicht einmal uns wundern. Wir wollen uns daran erinnern, was Christus, unser Herr und Meister, seinen Jüngern vorausgesagt hat; wir wollen uns freuen, wenn solche Verfolgung uns als Jünger Christi erweist: “Wenn die Welt euch hasst, so wisset, mich hat sie vor euch gehasst ... (Joh 15,18)“[16]. Was Galen hier an Kirchenbewusstsein formuliert, nimmt vieles von dem vorweg, was schließlich auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil im Glaubensbewusstsein der Kirche ausdrücklich wurde. Bei dem enteigneten Besitz handle es sich – so der Bischof in seiner von den Kanzeln der Diözese Münster am gleichen Tag verlesenen Erklärung[17] - „ja nicht um den Besitz irgendeiner Privatperson, es handelt sich um den Besitz der Münsterischen Diözese, ja in gewissem Sinne um einen Besitz, an dem ihr alle, als Gläubige der Diözese Münster teilhabt. Dieser Besitz wurde ‚entsprechend dem Erlass des Führers und Reichskanzlers über das eingezogene Vermögen von Staatsfeinden’ enteignet. Ein Rechtsweg zur Anfechtung dieser Entscheidung ist leider nicht gegeben, und wir stehen somit dieser Beurteilung und Enteignung wehrlos gegenüber. Aber wir wollen die unwillkürlich aufsteigende Bitterkeit dadurch zu überwinden suchen, dass wir uns an die Vorhersage unseres Heilandes erinnern: ... Wie sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen .. (Joh 15,20)“. Dieses „Wir“ der Erklärung auf allen Kanzeln des Bistums in einer Extremsituation, hat der Bischof betont hervor gehoben und unterstrichen; dieses „Wir“ gilt auch angesichts des Schweigens der Verantwortlichen zu den anderen Vorwürfen und Anklagen Galens. Er stand nicht allein, und das wurde verstanden. Diese Gemeinsamkeit hatte sich spürbar ergeben, weil unter den Schlägen von außen sich Kirche und Gemeinde von Münster zusammenfand und sich der gemeinsamen Berufung und Verantwortung versicherte, soweit ihr das in diesem Augenblick überhaupt möglich war. Der Bischof hat Mut bewiesen, nicht nur als persönlichen Beitrag, sondern als Ausdruck innerer Haltung seiner Kirche. Was das in dieser Zeit bedeutete, wird wohl mehr durch jenes Bild verdeutlicht, das er in seiner zweiten Predigt vom Sommer 1941 entfaltet hatte, das vom Amboss. Als ich mein Elternhaus verließ, um Jesuit zu werden, nahm ich von daheim das kleine Handkreuzchen mit, das Clemens August von Galen beim Bildhauer Hans Dinnendahl in Auftrag gegeben hatte, um es allen seinen Theologen und Priestern, die in den Kriegsdienst gezogen wurden, mitzugeben. Zeichen der Verbindung mit dem Herrn, Zeichen der Verbindung mit Kirche und Bischof. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist dieses Kreuzchen für Kreise der katholischen Jugend im Bistum Münster weiter Zeichen der Verbundenheit geworden. Auch dieses Kreuzchen begleitet mich bis heute. Es macht darauf aufmerksam, worin das Kirchen-Wir Galens begründet war und begründet ist, gerade auch in Zeiten, wo wir nicht mehr nur Amboss zu sein haben. Aber wer kann das schon so klar unterscheiden? Galens Mut hat mit dem Kreuz des Herrn und mit der Verbundenheit mit diesem Herrn zu tun. In dieser Verbundenheit bildet sich das Kirchen-Wir heraus, hier bewährt es sich, hier kann es – das Beispiel Galens zeigt es – den Gegenmächten sogar wirksam entgegentreten. Bei seiner Rückkehr aus Rom hat der neue Kardinal in seiner Predigt im zerstörten Münster auch anklingen lassen, das Kirchen-Wir seiner Diözese habe ihn persönlich um die Chance des Martyriums gebracht. Das klang ein wenig bedauernd. Aber es ist gut, dass es auch diese Erfahrung in der katholischen Kirche gab, die Erfahrung eines Zeugnisses, das nicht nur in Zerstörung und Vernichtung endete, wie so viele andere, die gar keine Gelegenheit hatten, ausdrücklich Zeugnis zu werden. Von Zerstörung und Vernichtung gab es in Münster nach dem Zweiten Weltkrieg wahrlich mehr als genug Spuren. Heute ist Clemens August Kardinal von Galen ein Seliger der Kirche; das kann einer also auch ohne blutiges Martyrium werden, aber Martyrium als Zeugnis ist dafür und für seine Glaubwürdigkeit genau so unerlässlich. Die Gestalt, die es im Leben Galens bekam, gibt seinem Zeugnis bei aller Verwurzelung in den christlichen Grundprinzipien seit eh und je die besondere und die einzigartige Bedeutung für die Gegenwart und Zukunft. Zukunft. Dafür darf man dankbar sein. Univ. Prof. Dr. Karl H. Neufeld SJ [1] Neben C.A. von Galen waren das sein Vetter K. von Preysing, Bischof von Berlin, und der Erzbischof von Köln J. Frings. [2] Vgl. dazu Fr. Rensing, Clemens August Graf von Galen als Kuratus von St. Clemens und Kolpingpräses in Berlin, Münster 1948. [3] Die wichtigste Übersicht und Sammlung von Texten ist nach wie vor das schon 1946 erschienene Buch des ehemaligen bischöflichen Kaplans Heinrich Portmann, Der Bischof von Münster. Das Echo eines Kampfes für Gottesrecht und Menschenrecht, Münster 1946 u.ö. [4] Text ebd. 7-14. [5] Text ebd. 224-235. [6] Text ebd. 123-133. [7] Text ebd. 133-143. [8] Ebd. 139. [9] Ebd. 141. [11] Ebd. 142. [12] Text ebd. 143-155. [13] Text ebd. 211-218. [14] Ebd. 216. [15] Ebd. [16] Ebd. 217f. [17] Zitiert nach der Wiedergabe in Johannes Nowak/Günter Witthake, Die Katholische Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus in Warendorf, in: Kirchengeschichte der Stadt Warendorf III, Warendorf 1985 289-332; der Text der Vermeldung ebd. 324-327, das Zitat 327. |