Festakt zur Seligsprechung von Kardinal Clemens August von Galen
Predigt von Bischof Manfred Scheuer
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Seliger
Clemens August Kardinal von Galen Clemens August Graf von Galen, Löwe von Münster, selig gesprochen am 9. Oktober 2005 im Petersdom in Rom, war in der Einschätzung seines entfernten Verwandten, des Berliner Bischofs Konrad von Preysing, „ein ganz durchschnittlicher Zeitgenosse von durchaus beschränkten Geistesgaben, der bis in die jüngste Zeit hinein nicht gesehen hat, wohin die Reise geht, und daher immer zum Paktieren geneigt hat.“ Der durchschnittliche Zeitgenosse hat 1898-1903 hier in Innsbruck studiert. Beim Studium musste er sich recht plagen. Es waren nicht seine wissenschaftlichen und akademischen Qualitäten, die Universität und Fakultät 1937 veranlassten, ihm die Ehrendoktorwürde zu verleihen, es waren seine Verdienste in der Seelsorge. In entscheidenden Stunden der Geschichte hat Galen Zivilcourage bewiesen und sein Leben aufs Spiel gesetzt. Anders als viele Intellektuelle seiner Zeit hatte er die rechte Urteilskraft gegenüber dem Nationalsozialismus und hat er die Wahrheit auch öffentlich bekannt. Galen realisierte die Widerstandskraft des Glaubens gegenüber einem barbarischen System der Menschenverachtung und der Gottlosigkeit. Bereits 1934 brandmarkte Galen das Bekenntnis der Nationalsozialisten zum so genannten positiven Christentum als „Täuschung der Hölle“ und verfasste ein Vorwort zu einer wissenschaftlichen Widerlegung von Pamphleten Alfons Rosenbergs. Im Sommer 1941 protestierte er öffentlich gegen Klosterzwangsräumungen in seinem Bistum. Und am 3. August 1941 prangerte Galen den organisierten Mord an altersschwachen und Geisteskranken an und bewirkte damit, dass die Nazis ihr Euthanasieprogramm zumindest stark einschränkten. Galen. „Jene unglücklichen Kranken müssen sterben, weil sie nach dem Urteil irgendeines Amtes, nach dem Gutachten irgendeiner Kommission ‚lebensunwert’ geworden sind, weil sie nach diesem Gutachten zu den ‚unproduktiven Volksgenossen’ gehören. Man urteilt: sie können nicht mehr Güter produzieren, sie sind wie eine alte Maschine, die nicht mehr läuft, sie sind wie ein altes Pferd, das unheilbar lahm geworden ist, sie sind wie eine Kuh, die nicht mehr Milch gibt. Was tut man mit solch einer Maschine? Sie wird verschrottet. Was tut man mit einem lahmen Pferd mit solch einem unproduktiven Stück Vieh? Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, von anderen als produktiv anerkannt werden? Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den unproduktiven Menschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden.“[1] Was es heißt, Lebensrecht und Lebenswert z. B. von Behinderten nach Produktivität und ökonomischem Nutzen einzuschätzen, das zeigt in dämonischer Weise die so genannte „Hartheimer Statistik“. In Hartheim in Oberösterreich wurden in der NS Zeit etwa 30 000 Menschen ermordet. Der US-Offizier Charles H. Dameron fand am 21. Juni 1945 in einem Stahlbehälter die „Hartheimer Statistik“. Darin werden die „Unkosten“ errechnet, die entstanden wären, wenn die 70 273 in den Euthanasieanstalten Deutschlands getöteten Menschen noch am Leben sein würden. 10 Jahres Aufwand für 70 273 Getötete: 885 439 800,00 RM (heute etwa 3,5 Milliarden Euro). Die Nationalsozialisten haben Millionen von Menschen einfach das Lebensrecht und den Lebenswert aberkannt. Als „lebenswürdig“ galt der starke Mensch. Schwache und Behinderte wurden als Parasiten angesehen und in eine wirtschaftliche Kosten-Nutzen Rechnung eingeordnet, für die man den „Gnadentod“ übrig hatte. Es wäre besser, kostengünstiger, wenn sie nicht geboren worden wären. Ehrfurcht vor dem Leben, Barmherzigkeit und Mitleid galten als Untugenden der Lebensverneinung, Selbstbehauptung hingegen als absoluter Wert. Clemens August von Galen: „’Du sollst nicht töten!’ Gott hat dieses Gebot in das Gewissen der Menschen geschrieben, längst ehe ein Strafgesetzbuch den Mord mit Strafe bedrohte, längst ehe Staatsanwaltschaft und Gericht den Mord verfolgten und ahndeten. … Dieses Gebot Gottes, des einzigen Herrn, der das Recht hat, über Leben und Tod zu befinden, war von Anfang an in die Herzen der Menschen geschrieben, längst bevor Gott den Kindern Israels am Berg Sinai sein Sittengesetz mit jenen lapidaren, in Stein gehauenen kurzen Sätzen verkündet hat, die uns in der Heiligen Schrift aufgezeichnet sind.“[2] „Du sollst nicht töten“, denn Leben ist heilig. Nicht durch uns wird es heilig. Es liegt nicht in unserer Verfügung zu sagen: Du bist lebenswürdig, Du bist es nicht. Es ist nicht unsere Großzügigkeit, unser Wohlwollen oder unsere Anerkennung, durch die Leben in seiner Heiligkeit und Unantastbarkeit begründet und gestiftet wird. Nicht durch uns wird Leben heilig, sondern durch den, der es schenkt, durch Gott. Vom Evangelium her beginnen Töten und Morden im eigenen Herzen: mit schlechten Gedanken, mit Verachtung, mit Hass. Anfangsignale sind: Eigentlich bist du unwichtig, überflüssig, ein Nichtsnutz. Oder: Das Leben wäre viel schöner und angenehmer, wenn du mir nicht in die Quere gekommen wärest. Oder: Ich sehe keinen rechten Grund, warum es dich unbedingt geben sollte. Insgeheim werden Schlüsselbotschaften ausgesendet: Du bist nichts wert, du bist hier nicht erwünscht, du bist der letzte Dreck, ein Abfallprodukt. - Du sollst nicht morden, denn Leben ist heilig. Auch Leben beginnt im Herzen mit der Grundüberzeugung von der Unantastbarkeit der Menschenwürde und der Ehrfurcht bzw. Achtung vor dem Leben des anderen. „Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Kain entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich denn der Hüter meines Bruders? (Gen 4,9)“ – Die Botschaft der Heiligen Schrift mutet uns zu, dass wir einander aufgetragen sind, einander Patron sind, füreinander sorgen, Verantwortung tragen, einander Hüter und Hirten sind. Das Evangelium traut uns zu, dass wir Freunde und Anwälte des Lebens sind. Die positive Haltung gegenüber der Bedrohung und Gefährdung der Menschenwürde ist der Segen. Bei Dietrich Bonhoeffer sind die Gedanken über den Segen aufs engste mit seiner eigenen Lebenssituation verknüpft, mit der Beteiligung am Widerstand gegen Hitler und mit der Haft: „Die Antwort des Gerechten auf die Leiden, die ihm die Welt zufügt, heißt: segnen. … Segnen, d.h. die Hand auf etwas legen und sagen: du gehörst trotz allem Gott. … Wer aber selbst gesegnet wurde, der kann nicht mehr anders als diesen Segen weitergeben, ja er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden; dieses Unmögliche ist der Segen Gottes.“[3] Wir gedenken des seligen Clemens August von Galen an der Theologischen Fakultät. Das Gedächtnis der Opfer der Euthanasieprogramme und die memoria des Seligen brauchen das Denken und Beten. – Zunächst sträubt sich etwas in uns, wenn sich Philosophie und Theologie der Ereignisse aus der Zeit des Nationalsozialismus annehmen, wenn das Zeugnis Galens von systematischen Kategorien her bedacht wird. Ist denn mit Auschwitz, Mauthausen und Hartheim nicht das Ende aller Gedichte, aller Gebete, aller Moral und aller Theologie gegeben? Wird Rationalität und Vernunft den konkreten Opfern und ihrer Freiheit gerecht? Verstellen nicht Moral und Religion das Antlitz des Anderen?[4] Zu suchen ist eine Denkweise, die getragen ist vom Pathos des Namens, von der Berufung des Einzelnen, von der Begegnung.[5] Es geht um ein Denken, das zur Begegnung mit dem Anderen, besonders mit dem leidenden Anderen fähig macht und so eine neue, konkrete Weise der Intersubjektivität stiftet. Das Gedächtnis braucht das Denken, gerade um die Einzigartigkeit der Opfer zu wahren, um deren Würde zu schützen. Es braucht das Denken zur Läuterung, damit das Vergangene nicht zum Nährboden von Rache und Gewalt, von Heimzahlung und neuen Kriegen wird. Das Gedächtnis der Opfer braucht auch die betende Hoffnung, die sich nicht damit zufrieden gibt, dass die Erschlagenen in alle Ewigkeit erschlagen, die Verbrannten für immer Staub sind. Denn ein Gedächtnis der Opfer ohne Hoffnung wird zur Buchhaltung des Todes. Eine monologische Aufarbeitung oder Bewältigung der Vergangenheit wird zur Sisyphostätigkeit, deren Vergeblichkeit in Aggression oder Resignation umschlägt. Erinnerung an die Opfer lässt sich nur in der Hoffnung auf Gott durchhalten, der mit den Opfern etwas anfangen kann; ansonsten würde die Solidarität mit den Leidenden, mit den Opfern, an einem willkürlichen Punkt abrechen. Nach-denkende Erinnerung ist ein Unternehmen unterscheidender Spurenlese, ein Ausschau-Halten nach dem ausgesetzten Menschen, nach dem leidenden Gott. Die Seligsprechung Galens ist für die Kirche und auch für uns eine Verpflichtung, Anwälte der Menschenrechte zu sein. Sie ist eine Aufforderung zu einem erwachsenen Christentum, eine Aufforderung, den Mut zur Zivilcourage aufzubringen. Papst Benedikt XVI. hat Galen bei der Seligsprechung als Modell für den christlichen Mut bezeichnet. Der Glaube dürfe nicht auf ein privates Gefühl reduziert werden, er verlange auch konsequentes Zeugnis in der Öffentlichkeit für den Menschen, für Gerechtigkeit und Wahrheit. Sie ist verbunden mit der Zu-mutung, dass wir einander Hüter und Hirte sind. Und sie verweist uns auf eine Theologie im Angesicht der Anderen, der Behinderten, der Leidenden. „Weil du mich ansiehst und liebst, deshalb bin ich.“ (Nicolaus Cusanus)
Manfred Scheuer, Bischof von Innsbruck
[1] Clemens August Kardinal von Galen, Predigten in dunkler Zeit, hg. vom Bischöflichen Generalvikariat Münster 2005, 51-63. [2] Clemens August von Galen, Predigten in dunkler Zeit 58. [3] Dietrich Bonhoeffer, Gesammelte Schriften 4, 595f. [4] Theodor W. Adorno, Negative Dialektik 353ff; ders., Dialektik der Aufklärung 151-186. [5] Martin Buber, Werke I, Heidelberg-München 1960, 147f., 442ff., 654; II 1089ff.; Franz Rosenzweig, Stern der Erlösung, Den Haag 1988 161ff., 193ff; Das neue Denken, Ges. Schriften 3,150ff; Emmanuel Levinas, Totalität und Unendlichkeit, Freiburg/München 1987, 84ff, 247ff; Abraham Joshua Heschel, Gott sucht den Menschen. Eine Philosophie des Judentums, Neukirchen 1980, 109-119.
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