Besinnungswochenende zur 2. Exerzitienwoche im Canisianum  4.- 5. März 2006

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  2.Impuls   „Bitte um Armut und Schmach“  Warum diese Übertreibung, Ignatius?

(Dr. Melanie Wolfers SDS) 

Ausgehend von der Zwei-Banner-Betrachtung habe ich gestern begonnen, die gegensätzlichen Grundkräfte des menschlichen Lebens zu charakterisieren. In der persönlichen Besinnung waren Sie eingeladen, anhand der Bilder der Frage nachzugehen: Wo entdecke ich in meinem Leben die Logik der Gabe, beschenkt mich selber schenken wollen? Wo prägt mich die Dynamik des Heiles? Und wo ist die Dynamik der falschen Selbstsicherung und die Verschlossenheit gegenüber dem Du am Werk?

Ich möchte diese erste Annäherung an die Zwei-Banner-Betrachtung mit einem Wort von Franz Baader zusammenfassen, in dem er sehr treffend ausdrückt, welch unterschiedliches Selbstverständnis diesen gegesätzlichen Kräften zugrundliegt. In Absetzung von Descartes Grundsatz „Cogito ergo sum“, „Ich denke, also bin ich“ – man könnte auch sagen: „Ich leiste, also bin ich. Ich bin beliebt, ich bin fromm, also bin ich“ – gießt Baader das christliche Selbstverständnis in die Formulierung „Cogitor ergo sum“ – „Ich bin erkannt, also bin ich.“ „Amor ergo sum“ – „Ich bin geliebt, also bin ich.“ Eine solche Umkehr, ja ein solcher Paradigmenwechsel im eigenen Selbstverständnis ist Geschenk der Gnade Gottes, aber auch Frucht geduldigen Ringens.

 Wir stehen – und dies war gestern ein zweiter Grundgedanke – immer wieder neu vor der Herausforderung, uns für Christus zu entscheiden; wir sind herausgefordert, uns zu entscheiden für ein Leben aus der Gnade und gegen ein Leben aus der Selbstrechtfertigung, für ein Wachsen vom Ich zum Du und gegen die ängstliche oder stolze Selbstverschlossenheit; für das Leben und gegen den Tod. Weil wir bleibend in dieser Entscheidungssituation stehen, stellt sich mit großer Dringlichkeit die Frage: „Wie kann ich einen mich treffenden Ruf Gottes von einem falschen Antrieb unterscheiden? Und was kann helfen, mich auf Gott hin auszurichten?“ Ein vertiefter Blick auf die Zwei-Banner-Betrachtung kann in dieser Frage weiterbringen. Denn sie stellt einerseits die Technik der Verführung vor Augen und andererseits die Weise göttlichen Drängens - mit dem Ziel, in der anstehenden Wahl die gegensätzlichen Kräfte unterscheiden zu können und die richtige Wahl zu treffen: nämlich das Leben zu wählen; anders gesagt: den für mich richtigen Weg der Nachfolge zu ergreifen. Diese positive Intention im Auge zu behalten ist wichtig.

 1. Die Zwei-Banner-Betrachtung (Exerzitienbuch Nr. 136-147)

Die Zwei-Banner-Betrachtung ist eine Doppelbetrachtung. Das erste Bild zeigt Luzifer, „den Feind des menschlichen Lebens“, der seine Sendlinge aussendet, um die Menschen zu verführen. Als Mittel dazu trägt er ihnen auf, die Menschen erst zum Streben nach Reichtum, dann zu weltlicher Ehre und schließlich zu Hochmut zu verleiten. Von diesen drei Stufen gehen alle anderen Laster aus, die im Menschen sind (vgl. Nr. 142). Anders Christus: Er spricht zu seinen Freunden, sie sollen die Menschen motivieren zu höchster geistlicher und, so Gott will, zu höchster konkreter Armut, zum Wunsch nach Schmähung und Geringschätzung und schließlich zu Demut, wie sie Jesus Christus selbst geprägt hat. Von diesen drei Stufen aus sollen die Menschen zu allen anderen Tugenden geführt werden (vgl. Nr. 146).

Es stehen also drei Stufen einander gegenüber: Armut gegen Reichtum, Schmähung oder Geringschätzung gegen weltliche Ehre und Demut gegen Hochmut. Der Rat, nach Armut, Schmach und Demut zu streben, den Ignatius Christus in den Mund legt, klingt nicht nur sperrig, sondern fast nach einer krankhaften Neigung zur Selbstquälerei. Und zu allem Überdruss, so könnte man sagen, lässt Ignatius am Ende der Gebetszeit den Exerzitanten noch in einem Gespräch mit Maria, dann mit Jesus und dem Vater bitten, dass er in Armut, Geringschätzung und Demut unter dem Banner des Kreuzes stehen dürfe.

Warum das alles? Warum diese Übertreibung, Ignatius? Reicht es nicht, aus der Haltung des „amor ergo sum“ zu leben und darin radikal offen zu sein für Gott? Können wir die Göttlichkeit Gottes tiefer anerkennen, als wenn wir verfügbar sind für ihn? - Der Hinweis auf Nachfolgeworte Jesu wie „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ gibt keine befriedigende Antwort. Denn Jesus fordert nicht auf, das Kreuz zu suchen (das wäre Masochismus oder eine ungute Leidensmystik), sondern die Bereitschaft, das Kreuz weder zu fliehen noch zurückzuschlagen, wenn es sich einem unabweisbar auferlegt.

Die Zwei-Banner-Betrachtung ist für mich sehr herausfordernd und ich werde in meinem Leben sicher nie an ein Ende mit ihr kommen. Drei Antwortrichtungen deuten sich für mich an und ich möchte versuchen, sie aufzuzeigen.

2. Der Versuchung „auf den Leim gehen“ oder frei werden für Gott

In der Vorliebe für Armut und Verachtung umschreibt Ignatius konkretisierend die Grundhaltung des Glaubens: Nämlich alles von Gott und nichts von sich selbst erwarten; sich an nichts Innerweltliches absolut zu klammern, sondern sich im Letzten allein in Gott festzumachen.

Sich glaubend Gott anvertrauen kann nun grundsätzlich überall geschehen, wo jemand etwas loslässt, an das er sich sichernd festklammert. Wo ich mich von etwas löse, worauf ich in unangemessener Weise baue und daraus Selbstwert oder Sicherung beziehe. Eine solche Sicherung kann sehr subtiler und geistiger Natur sein. Sie kann bestehen in einer vermeintlichen Tugendhaftigkeit und Heiligkeit, durch die jemand seinen Wert vor sich, vor anderen und vor Gott begründen will. Sie kann bestehen in einem Streben nach Verantwortung, in dem nicht allein der Blick auf Gott und das Wohl der anderen leitend ist, sondern Machtgewinn und Prestige. Man kann aber auch versuchen, das eigene Ich zu sichern, indem man soziale Bindungen ablehnt oder sich auf keine wirkliche persönliche Beziehungen einlässt. Faktisch können wir jedes konkrete Tun – und seien es der Verzicht und das Leid – dazu benutzen, dass wir uns in uns selbst zu begründen suchen. Und entsprechend ist es durchaus möglich, dass bei jemandem der „neuralgische Punkt“, an dem er an sich selbst oder an Innerweltlichem hängen bleibt, viel besser getroffen wird, wenn er an die Stelle der Armut die Bereitschaft setzt, innere Mauern abzubauen und sich wirklich auf Beziehungen einzulassen. Oder wenn jemand an die Stelle der Schmach das ernsthafte Bemühen um Leistung setzt und so aus seiner Faulheit und Bequemlichkeit herausspringt.

Johannes von Kreuz formuliert das eindringliche Bild vom Vogel und der Leimrute: Mit einer mit Leim bestrichenen Rute wurden in Spanien Vögel gefangen. Setzt sich nun ein Vogel auf den mit Leim bestrichenen Ast, kann er nicht mehr fliegen. Und selbst wenn er nur mit einer einzigen Feder an der Leimrute klebt, ist er nicht frei und vermag nicht zu fliegen. Dieses Bild wendet Johannes v. K. auf den Menschen an: Wo ein Mensch an etwas klebt - an Dingen, an Menschen, an sich selbst -, kann er sich nicht frei dem Geist Gottes überlassen. Und mag der Faden, mit dem er an etwas gebunden ist, auch so dünn sein wie eine Feder, so kann er nicht fliegen. Erst wenn er „den Faden durchschneidet“ und die „Bindung zerreißt“, kann er sich vom Geist Gottes tragen lassen.

Den bindenden Kräften auf die Spur kommen, der Versuchung nicht „auf den Leim gehen“ und die Haftpunkte lösen, die mich an meinem eigenen Ich kleben bleiben lassen – so etwas geht nicht von heute auf morgen. Das ist ein geistlicher Prozess, auf dem es hilfreich ist, sich begleiten zu lassen. Entscheidend ist, sich auf den Weg zu machen und auf dem Weg zu bleiben.

3. Spirituelle „Globalstrategien“

Zurück zur Frage, warum Ignatius um Armut und Schmach bitten lässt. Sind diese Punkte lediglich ein Beispiel für die Glaubenshaltung, sich ganz Gott zu überlassen, und wir können getrost andere einsetzen? – Einerseits ja (dies habe ich gerade ausgeführt) und andererseits nein. Ignatius rückt mit gutem Grund Armut, Geringschätzung und Demut in den Mittelpunkt der Betrachtung und stellt sie dem Reichtum, der Ehre und dem Hochmut gegenüber. Denn damit nimmt er spirituelle „Globalstrategien“ in den Blick. Das heißt, er weist auf typische Punkte hin, an denen wir Menschen verführbar sind, und verdeutlicht typische Weisen, wie wir freier werden können für ein Leben mit Gott.

Beginnen wir zunächst mit der Verführungstechnik. In der Rede, die er Luzifer halten lässt, unterscheidet Ignatius drei Stufen der Verführung: die Verführung zum Reichtum, zur Ehre und zum Hochmut. Hier artikuliert sich die Einsicht, dass im Streben nach Reichtum, im Streben nach Ehre und im Hochmut Grunddynamiken menschlicher Ichsicherung liegen. Man kann sie in etwa mit dem Dreiklang Habenwollen, Geltenwollen und Seinwollen umschreiben.

Reichtum und Ehre sind Schwachstellen, an denen wir Menschen verführbar sind. Gerecht erworbener Reichtum ist in sich nicht etwas Schlechtes. Doch gerade deswegen ist er wie geschaffen dazu, um den Menschen unvermerkt daran zu gewöhnen, sich immer intensiver darauf einzulassen. „Es kann doch nicht schaden, wenn ich als Ordensfrau eine gute Kamera besitze. Es kann doch nicht schaden, wenn ich als Priester einen DVD-Player und eine große Wohnung habe.“ Freilich muss es mir nicht schaden. Aber ich kann mich an solche Dinge mehr und mehr verlieren. Und werde dadurch immer weniger frei für den Ruf Jesu. So wie der reiche junge Mann im Evangelium der Einladung Jesu zur Lebensgemeinschaft mit ihm nicht folgt, sondern traurig weggeht, weil er ein großes Vermögen hat (vgl. Mk 10).

Reichtum und Ehre sind Werte, an denen wir uns gewöhnlich festklammern und die daher eine wahre Hingabe an Gott erschweren oder ganz vereiteln. Doch wir können nicht aufrichtig Jesus nachfolgen wollen, ohne bereit zu sein, auf die Werte zu verzichten, die uns an der Nachfolge hindern. Ich kann nicht ehrlichen Herzens mein Leben an Jesus binden, ohne zugleich zu wünschen, von den Dingen frei zu werden, die mich davon abhalten. Die Kraft des Ja zu Gott zeigt sich in der Kraft des Nein zu Götzen.

Und darum geht es: Zu wachsen im kraftvollen Ja zu Gott; zu wachsen in der Ergriffenheit von Jesus Christus. Denn Gott braucht Menschen, die für ihn brennen. Er braucht und will keine flügellahmen Menschen, sondern Frauen und Männer, von denen gilt: „Die Freude an Gott ist unsere Kraft“ (Neh 8,10). Um zu einem solchen Menschen heranzureifen, reicht es nicht, sich damit zufrieden zu geben, sich mit einer bloß inneren Gesinnung an Gott zu übergeben. Vielmehr muss man diese Gesinnung im konkreten Tun zum Durchbruch kommen lassen.

Das Verlangen, oder besser noch: das von Ignatius empfohlene Gebet, auf die Werte verzichten zu können, durch die man sich vor Gott zu sichern sucht, ist somit eine Konsequenz des gelebten Glaubensvollzugs. In diesem Gebet wird der ganze Ernst des Glaubens sichtbar. Ignatius Aufforderung, um Armut und Gringschätzung zu bitten, spiegelt etwas von der Radikalität Jesu, wenn er sagt: „Wenn dich deine Hand oder dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau sie ab. Es ist besser für dich, verstümmelt oder lahm in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen und zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen zu werden. Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg. Es ist besser, einäugig in das Leben zu gelangen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden“ (Mt 18, 8f.).

 

All das Ausgeführte wird schräg, wenn man das Entscheidende überhört: Jesus rät, sich die Hand abzuhacken usw., um dadurch zum wahren Leben zu gelangen. Es geht also nicht darum, sich selbst zu verstümmeln, sondern darum, sich von dem abzukehren, was einen daran hindert, dass Gottes Leben in einen einströmen kann. Es geht nicht darum, sich todesverliebt selber zu quälen und die Welt zu verachten, sondern darum, das Leben zu wählen. Sich von Fesselndem zu lösen, um frei zu werden für Gott, kann schmerzhafte, einschneidende Entscheidungen fordern. Eine Ent-scheidung für etwas ist immer auch eine Scheidung von etwas; und dieses etwas kann durchaus bleibend anziehend sein. Entscheidend ist der positive Sinn: Es geht darum, für den Schatz im Acker die anderen Reichtümer zu lassen.

Allein in dieser positiven Intention ist die Zwei-Banner-Betrachtung zu verstehen. Ignatius lässt um Armut und Schmach nicht um ihrer selbst willen bitten. Armut und Schmach sind kein Selbstzweck; sie tragen ihren Sinn nicht in sich selber. Das wäre masochistisch oder eine komisch-ungute Leidenmystik. Der Sinn von Armut und Schmach liegt jenseits ihrer: Weil wir Menschen die Tendenz haben, uns an Reichtum und Ehre festzuklammern, können Armut und Geringschätzung Tore sein, durch die Gott mehr in unser Leben eintreten kann. Oder anders gesagt: Durch die wir mehr in die Weite der Liebe Gottes hinaustreten können; durch die wir uns mehr dem freien Wehen des Geistes überlassen können.

4. Freundschaft mit Jesus Christus

Der positive Sinn der Zwei-Banner-Betrachtung bekommt seine letzte Tiefe, wenn Ignatius um Armut und Schmach bitten lässt, um „darin ihn mehr nachzuahmen“(Exerzitienbuch Nr. 147). Hier spricht einer, der von Jesus Christus berührt ist und der nichts mehr ersehnt, als Jesus, der arm und verachtet gewesen ist, nahe zu sein.

Wer in den Fußstapfen des armen und vielfach geschmähten Jesu geht, der lernt ihn immer tiefer kennen; der erspürt von innen her das unglaubliche Geheimnis seiner Liebe und die Maßlosigkeit seiner Barmherzigkeit. Der tiefste Sinn der Bitte um Armut und Schmach ist also eigentlich die Bitte um Jesus Christus selbst. Es geht darum zu wachsen in der Freundschaft mit dem Herrn.

 

 

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