2.Impuls „Bitte um Armut und Schmach“ Warum diese Übertreibung, Ignatius?
(Dr. Melanie Wolfers SDS)
Ausgehend von der Zwei-Banner-Betrachtung habe ich
gestern begonnen, die gegensätzlichen Grundkräfte des menschlichen
Lebens zu charakterisieren. In der persönlichen Besinnung waren Sie
eingeladen, anhand der Bilder der Frage nachzugehen: Wo entdecke ich
in meinem Leben die Logik der Gabe, beschenkt mich selber schenken
wollen? Wo prägt mich die Dynamik des Heiles? Und wo ist die Dynamik
der falschen Selbstsicherung und die Verschlossenheit gegenüber dem Du
am Werk?
Ich möchte diese erste Annäherung an die
Zwei-Banner-Betrachtung mit einem Wort von Franz Baader
zusammenfassen, in dem er sehr treffend ausdrückt, welch
unterschiedliches Selbstverständnis diesen gegesätzlichen Kräften
zugrundliegt. In Absetzung von Descartes Grundsatz „Cogito ergo sum“,
„Ich denke, also bin ich“ – man könnte auch sagen: „Ich leiste, also
bin ich. Ich bin beliebt, ich bin fromm, also bin ich“ – gießt Baader
das christliche Selbstverständnis in die Formulierung „Cogitor ergo
sum“ – „Ich bin erkannt, also bin ich.“ „Amor ergo sum“ – „Ich bin
geliebt, also bin ich.“ Eine solche Umkehr, ja ein solcher
Paradigmenwechsel im eigenen Selbstverständnis ist Geschenk der Gnade
Gottes, aber auch Frucht geduldigen Ringens.
Wir stehen – und dies war gestern ein zweiter
Grundgedanke – immer wieder neu vor der Herausforderung, uns für
Christus zu entscheiden; wir sind herausgefordert, uns zu entscheiden
für ein Leben aus der Gnade und gegen ein Leben aus der
Selbstrechtfertigung, für ein Wachsen vom Ich zum Du und
gegen die ängstliche oder stolze Selbstverschlossenheit; für
das Leben und gegen den Tod. Weil wir bleibend in dieser
Entscheidungssituation stehen, stellt sich mit großer Dringlichkeit
die Frage: „Wie kann ich einen mich treffenden Ruf Gottes von einem
falschen Antrieb unterscheiden? Und was kann helfen, mich auf Gott hin
auszurichten?“ Ein vertiefter Blick auf die Zwei-Banner-Betrachtung
kann in dieser Frage weiterbringen. Denn sie stellt einerseits die
Technik der Verführung vor Augen und andererseits die Weise göttlichen
Drängens - mit dem Ziel, in der anstehenden Wahl die gegensätzlichen
Kräfte unterscheiden zu können und die richtige Wahl zu treffen:
nämlich das Leben zu wählen; anders gesagt: den für mich richtigen Weg
der Nachfolge zu ergreifen. Diese positive Intention im Auge zu
behalten ist wichtig.
1. Die Zwei-Banner-Betrachtung (Exerzitienbuch Nr.
136-147)
Die Zwei-Banner-Betrachtung ist eine
Doppelbetrachtung. Das erste Bild zeigt Luzifer, „den Feind des
menschlichen Lebens“, der seine Sendlinge aussendet, um die Menschen
zu verführen. Als Mittel dazu trägt er ihnen auf, die Menschen erst
zum Streben nach Reichtum, dann zu weltlicher Ehre und
schließlich zu Hochmut zu verleiten. Von diesen drei Stufen
gehen alle anderen Laster aus, die im Menschen sind (vgl. Nr. 142).
Anders Christus: Er spricht zu seinen Freunden, sie sollen die
Menschen motivieren zu höchster geistlicher und, so Gott will, zu
höchster konkreter Armut, zum Wunsch nach Schmähung und
Geringschätzung und schließlich zu Demut, wie sie Jesus
Christus selbst geprägt hat. Von diesen drei Stufen aus sollen die
Menschen zu allen anderen Tugenden geführt werden (vgl. Nr. 146).
Es stehen also drei Stufen einander gegenüber: Armut
gegen Reichtum, Schmähung oder Geringschätzung gegen weltliche Ehre
und Demut gegen Hochmut. Der Rat, nach Armut, Schmach und Demut zu
streben, den Ignatius Christus in den Mund legt, klingt nicht nur
sperrig, sondern fast nach einer krankhaften Neigung zur
Selbstquälerei. Und zu allem Überdruss, so könnte man sagen, lässt
Ignatius am Ende der Gebetszeit den Exerzitanten noch in einem
Gespräch mit Maria, dann mit Jesus und dem Vater bitten, dass er in
Armut, Geringschätzung und Demut unter dem Banner des Kreuzes stehen
dürfe.
Warum das alles? Warum diese Übertreibung, Ignatius?
Reicht es nicht, aus der Haltung des „amor ergo sum“ zu leben und
darin radikal offen zu sein für Gott? Können wir die Göttlichkeit
Gottes tiefer anerkennen, als wenn wir verfügbar sind für ihn? - Der
Hinweis auf Nachfolgeworte Jesu wie „Wer mein Jünger sein will, der
verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“
gibt keine befriedigende Antwort. Denn Jesus fordert nicht auf, das
Kreuz zu suchen (das wäre Masochismus oder eine ungute Leidensmystik),
sondern die Bereitschaft, das Kreuz weder zu fliehen noch
zurückzuschlagen, wenn es sich einem unabweisbar auferlegt.
Die Zwei-Banner-Betrachtung ist für mich sehr
herausfordernd und ich werde in meinem Leben sicher nie an ein Ende
mit ihr kommen. Drei Antwortrichtungen deuten sich für mich an und ich
möchte versuchen, sie aufzuzeigen.
2. Der Versuchung „auf den Leim gehen“ oder frei
werden für Gott
In der Vorliebe für Armut und Verachtung umschreibt
Ignatius konkretisierend die Grundhaltung des Glaubens: Nämlich alles
von Gott und nichts von sich selbst erwarten; sich an nichts
Innerweltliches absolut zu klammern, sondern sich im Letzten allein in
Gott festzumachen.
Sich glaubend Gott anvertrauen kann nun grundsätzlich
überall geschehen, wo jemand etwas loslässt, an das er sich sichernd
festklammert. Wo ich mich von etwas löse, worauf ich in unangemessener
Weise baue und daraus Selbstwert oder Sicherung beziehe. Eine solche
Sicherung kann sehr subtiler und geistiger Natur sein. Sie kann
bestehen in einer vermeintlichen Tugendhaftigkeit und Heiligkeit,
durch die jemand seinen Wert vor sich, vor anderen und vor Gott
begründen will. Sie kann bestehen in einem Streben nach Verantwortung,
in dem nicht allein der Blick auf Gott und das Wohl der anderen
leitend ist, sondern Machtgewinn und Prestige. Man kann aber auch
versuchen, das eigene Ich zu sichern, indem man soziale Bindungen
ablehnt oder sich auf keine wirkliche persönliche Beziehungen
einlässt. Faktisch können wir jedes konkrete Tun – und seien es der
Verzicht und das Leid – dazu benutzen, dass wir uns in uns selbst zu
begründen suchen. Und entsprechend ist es durchaus möglich, dass bei
jemandem der „neuralgische Punkt“, an dem er an sich selbst oder an
Innerweltlichem hängen bleibt, viel besser getroffen wird, wenn er an
die Stelle der Armut die Bereitschaft setzt, innere Mauern abzubauen
und sich wirklich auf Beziehungen einzulassen. Oder wenn jemand an die
Stelle der Schmach das ernsthafte Bemühen um Leistung setzt und so aus
seiner Faulheit und Bequemlichkeit herausspringt.
Johannes von Kreuz formuliert das eindringliche Bild
vom Vogel und der Leimrute: Mit einer mit Leim bestrichenen Rute
wurden in Spanien Vögel gefangen. Setzt sich nun ein Vogel auf den mit
Leim bestrichenen Ast, kann er nicht mehr fliegen. Und selbst wenn er
nur mit einer einzigen Feder an der Leimrute klebt, ist er nicht frei
und vermag nicht zu fliegen. Dieses Bild wendet Johannes v. K. auf den
Menschen an: Wo ein Mensch an etwas klebt - an Dingen, an Menschen, an
sich selbst -, kann er sich nicht frei dem Geist Gottes überlassen.
Und mag der Faden, mit dem er an etwas gebunden ist, auch so dünn sein
wie eine Feder, so kann er nicht fliegen. Erst wenn er „den Faden
durchschneidet“ und die „Bindung zerreißt“, kann er sich vom Geist
Gottes tragen lassen.
Den bindenden Kräften auf die Spur kommen, der
Versuchung nicht „auf den Leim gehen“ und die Haftpunkte lösen, die
mich an meinem eigenen Ich kleben bleiben lassen – so etwas geht nicht
von heute auf morgen. Das ist ein geistlicher Prozess, auf dem es
hilfreich ist, sich begleiten zu lassen. Entscheidend ist, sich auf
den Weg zu machen und auf dem Weg zu bleiben.
3. Spirituelle „Globalstrategien“
Zurück zur Frage, warum Ignatius um Armut und Schmach
bitten lässt. Sind diese Punkte lediglich ein Beispiel für die
Glaubenshaltung, sich ganz Gott zu überlassen, und wir können getrost
andere einsetzen? – Einerseits ja (dies habe ich gerade ausgeführt)
und andererseits nein. Ignatius rückt mit gutem Grund Armut,
Geringschätzung und Demut in den Mittelpunkt der Betrachtung und
stellt sie dem Reichtum, der Ehre und dem Hochmut gegenüber. Denn
damit nimmt er spirituelle „Globalstrategien“ in den Blick. Das heißt,
er weist auf typische Punkte hin, an denen wir Menschen verführbar
sind, und verdeutlicht typische Weisen, wie wir freier werden können
für ein Leben mit Gott.
Beginnen wir zunächst mit der Verführungstechnik. In
der Rede, die er Luzifer halten lässt, unterscheidet Ignatius drei
Stufen der Verführung: die Verführung zum Reichtum, zur Ehre und zum
Hochmut. Hier artikuliert sich die Einsicht, dass im Streben nach
Reichtum, im Streben nach Ehre und im Hochmut Grunddynamiken
menschlicher Ichsicherung liegen. Man kann sie in etwa mit dem
Dreiklang Habenwollen, Geltenwollen und Seinwollen
umschreiben.
Reichtum und Ehre sind Schwachstellen, an denen wir
Menschen verführbar sind. Gerecht erworbener Reichtum ist in sich
nicht etwas Schlechtes. Doch gerade deswegen ist er wie geschaffen
dazu, um den Menschen unvermerkt daran zu gewöhnen, sich immer
intensiver darauf einzulassen. „Es kann doch nicht schaden, wenn ich
als Ordensfrau eine gute Kamera besitze. Es kann doch nicht schaden,
wenn ich als Priester einen DVD-Player und eine große Wohnung habe.“
Freilich muss es mir nicht schaden. Aber ich kann mich an solche Dinge
mehr und mehr verlieren. Und werde dadurch immer weniger frei für den
Ruf Jesu. So wie der reiche junge Mann im Evangelium der Einladung
Jesu zur Lebensgemeinschaft mit ihm nicht folgt, sondern traurig
weggeht, weil er ein großes Vermögen hat (vgl. Mk 10).
Reichtum und Ehre sind Werte, an denen wir uns
gewöhnlich festklammern und die daher eine wahre Hingabe an Gott
erschweren oder ganz vereiteln. Doch wir können nicht aufrichtig Jesus
nachfolgen wollen, ohne bereit zu sein, auf die Werte zu verzichten,
die uns an der Nachfolge hindern. Ich kann nicht ehrlichen Herzens
mein Leben an Jesus binden, ohne zugleich zu wünschen, von den Dingen
frei zu werden, die mich davon abhalten. Die Kraft des Ja zu Gott
zeigt sich in der Kraft des Nein zu Götzen.
Und darum geht es: Zu wachsen im kraftvollen Ja zu
Gott; zu wachsen in der Ergriffenheit von Jesus Christus. Denn Gott
braucht Menschen, die für ihn brennen. Er braucht und will keine
flügellahmen Menschen, sondern Frauen und Männer, von denen gilt: „Die
Freude an Gott ist unsere Kraft“ (Neh 8,10). Um zu einem solchen
Menschen heranzureifen, reicht es nicht, sich damit zufrieden zu
geben, sich mit einer bloß inneren Gesinnung an Gott zu übergeben.
Vielmehr muss man diese Gesinnung im konkreten Tun zum Durchbruch
kommen lassen.
Das Verlangen, oder besser noch: das von Ignatius
empfohlene Gebet, auf die Werte verzichten zu können, durch die man
sich vor Gott zu sichern sucht, ist somit eine Konsequenz des gelebten
Glaubensvollzugs. In diesem Gebet wird der ganze Ernst des Glaubens
sichtbar. Ignatius Aufforderung, um Armut und Gringschätzung zu
bitten, spiegelt etwas von der Radikalität Jesu, wenn er sagt: „Wenn
dich deine Hand oder dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau sie ab. Es
ist besser für dich, verstümmelt oder lahm in das Leben zu gelangen,
als mit zwei Händen und zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen zu
werden. Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus
und wirf es weg. Es ist besser, einäugig in das Leben zu gelangen, als
mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden“ (Mt 18, 8f.).
All das Ausgeführte wird schräg, wenn man das
Entscheidende überhört: Jesus rät, sich die Hand abzuhacken usw., um
dadurch zum wahren Leben zu gelangen. Es geht also nicht darum, sich
selbst zu verstümmeln, sondern darum, sich von dem abzukehren, was
einen daran hindert, dass Gottes Leben in einen einströmen kann. Es
geht nicht darum, sich todesverliebt selber zu quälen und die Welt zu
verachten, sondern darum, das Leben zu wählen. Sich von Fesselndem zu
lösen, um frei zu werden für Gott, kann schmerzhafte, einschneidende
Entscheidungen fordern. Eine Ent-scheidung für etwas ist immer auch
eine Scheidung von etwas; und dieses etwas kann durchaus bleibend
anziehend sein. Entscheidend ist der positive Sinn: Es geht darum,
für den Schatz im Acker die anderen Reichtümer zu lassen.
Allein in dieser positiven Intention ist die
Zwei-Banner-Betrachtung zu verstehen. Ignatius lässt um Armut und
Schmach nicht um ihrer selbst willen bitten. Armut und Schmach sind
kein Selbstzweck; sie tragen ihren Sinn nicht in sich selber. Das wäre
masochistisch oder eine komisch-ungute Leidenmystik. Der Sinn von
Armut und Schmach liegt jenseits ihrer: Weil wir Menschen die Tendenz
haben, uns an Reichtum und Ehre festzuklammern, können Armut und
Geringschätzung Tore sein, durch die Gott mehr in unser Leben
eintreten kann. Oder anders gesagt: Durch die wir mehr in die Weite
der Liebe Gottes hinaustreten können; durch die wir uns mehr dem
freien Wehen des Geistes überlassen können.
4. Freundschaft mit Jesus Christus
Der positive Sinn der Zwei-Banner-Betrachtung bekommt
seine letzte Tiefe, wenn Ignatius um Armut und Schmach bitten lässt,
um „darin ihn mehr nachzuahmen“(Exerzitienbuch Nr. 147). Hier spricht
einer, der von Jesus Christus berührt ist und der nichts mehr ersehnt,
als Jesus, der arm und verachtet gewesen ist, nahe zu sein.
Wer in den Fußstapfen des armen und vielfach
geschmähten Jesu geht, der lernt ihn immer tiefer kennen; der erspürt
von innen her das unglaubliche Geheimnis seiner Liebe und die
Maßlosigkeit seiner Barmherzigkeit. Der tiefste Sinn der Bitte um
Armut und Schmach ist also eigentlich die Bitte um Jesus Christus
selbst. Es geht darum zu wachsen in der Freundschaft mit dem Herrn.