1. Impuls
Der Blick auf die gegensätzliche Kräfte im
Menschen.
Die Zwei-Banner-Betrachtung des
Ignatius von Loyola
(Dr. Melanie Wolfers SDS)
1. Das Leben ist dynamisch
„Der Blick auf die gegensätzlichen
Kräfte im Leben“ - was kann damit gemeint sein?
Zunächst besagt der Titel ganz
schlicht: Das Leben ist in sich dynamisch strukturiert. Leben ist kein
Stillstand, sondern Leben heißt, von Kräften bewegt zu werden.
Vorlieben und Abneigungen, Haltungen, aber auch bestimmte Deutungen
von Wirklichkeit entfalten ihre eigene Kraft, ihre Eigenlogik. Auf
anschauliche Weise drückt die Legende vom „modernen“ Menschen eine
solche sich verselbständigende Dynamik aus:
Ein „moderner“ Mensch verirrte sich in
der Wüste. Die unbarmherzige Sonnenglut hatte ihn ausgedörrt. Da sah
er in einiger Entfernung eine Oase. Aha, eine Fata Morgana, dachte er,
eine Luftspiegelung, die mich narrt. Denn in Wirklichkeit ist gar
nichts da. Er näherte sich der Oase, aber sie verschwand nicht. Er sah
immer deutlicher die Dattelpalmen, das Gras und vor allem die Quelle.
Natürlich eine Hungerphantasie, die mir mein halb wahnsinniges Hirn
vorgaukelt, dachte er. Solche Phantasien hat man bekanntlich in meinem
Zustand. Jetzt höre ich sogar das Wasser sprudeln. Eine
Gehör-Halluzination. Wie grausam die Natur ist. Kurze Zeit später
fanden ihn zwei Beduinen tot. „Kannst du so etwas verstehen?“, sagte
der eine zum anderen, „die Datteln wachsen ihm beinahe in den Mund.
Und dicht neben der Quelle liegt er verhungert und verdurstet. Wie ist
das möglich?“ Da antwortete der andere: „Er war ein moderner Mensch.“
Am Anfang ist der Zweifel vielleicht
noch gar nicht so groß, doch er wächst mit der Zeit. Einmal eingespurt
in die Deutung, dass es in der Wüste gar kein Wasser geben könne und
dass die Oase nur ein grausames Phantasiegebilde sei, eine Projektion
des eigenen Durstes, wird der Blick für die Wirklichkeit immer
verschatteter. Bis schließlich der Zweifel irgendwann in völlige
Blindheit umschlägt: Wiewohl der Mensch an der Quelle liegt und ihm
die Datteln in den Mund wachsen, stirbt er an Hunger und Durst.
In bildreicher Sprache wird hier etwas
ausgedrückt, was sich in verschiedenen Lebensbereichen wiederfindet:
Kräfte entfalten ihre Eigenlogik, ihre Eigendynamik: Wer
beispielsweise Menschen tendentiell mit Misstrauen begegnet, der wird
in ihrem Verhalten schnell etwas entdecken, was sein Misstrauen
bestärkt. Dies wiederum wirkt zurück auf die weiteren Begegnungen.
Nun gibt es natürlich auch das Wachsen
in einer positiven Dynamik. Wer sich beispielsweise den Ratschlag des
Ignatius zu Herzen nimmt, mehr darum bemüht zu sein, die Aussage eines
anderen zu retten als zu verurteilen, der wird hellhörig für das, was
der andere zu sagen hat. Dies wiederum wirkt auf seine Grundhaltung
zurück, dem anderen wohlwollend zu begegnen. Die Haltung wird ihm
gewissermaßen zur zweiten Natur. Oder: Wer wahrhaftig mit sich selbst
umgeht, dessen Sensibilität für bislang Verborgenes im eigenen Leben –
und zwar für Helles und Dunkles - wächst. Das redliche Bemühen um
einen wahrhaftige Umgang mit sich selbst befähigt zu einer je tieferen
Wachheit und Wahrhaftigkeit.
Diese Eigendynamik eines Wachsens im
Guten und eines Wachsens im Weniger-Guten, ja Schlechten bringt die
Ehik im Gedanken von Tugend und Laster zur Sprache.
Auch im geistlichen Leben lassen sich
diese Dynamiken, diese entgegengesetzten Kräfte wiederfinden. In der
einen schreitet, wie Ignatius sagt, ein Mensch voran vom Guten zum
Besseren und in der anderen vom Schlechten zur schweren Sünde. So kann
es sein - und dass ist sehr schön bei Menschen zu erleben - , dass
jemandem im Laufe der Zeit Dinge möglich werden, die ihm vorher
schlichtweg undenkbar erschienen. Ja, dass sie ihm vielleicht sogar
zur Quelle von Freude werden. Ein Beispiel dafür ist Franziskus von
Assisi. Er, der vermögende Lebemann, ekelte sich vor Aussätzigen, und
auch nach seiner Bekehrung war seine Abneigung gegenüber diesen
Menschen noch sehr groß. Doch irgendwann hatte er die Kraft, sich zu
überwinden: Er stieg vom Pferd und umarmte den Aussätzigen. Mit der
Zeit wurde das, was Franziskus bitter war, zur Süße: Besonders im
Armen und Kranken entdeckte er Jesus. Von der Gesinnung Jesu zunehmend
geprägt wurde Franziskus das, was ihm anfangs nur mit
Selbstüberwindung möglich war, immer leichter; ja er konnte
schließlich kaum anders, als die Herrin Armut zu preisen. Sie wurde
für ihn zur Quelle von Freude.
Nehmen wir in einem zweiten Schritt
die gegensätzlichen Kräfte, die das menschliche Leben prägen, genauer
in den Blick und nehmen dabei die Zwei-Banner-Betrachtung des Ignatius
zur Hand.
2. Die Zwei-Banner-Betrachtung: Der Ruf Christi und
der Ruf Luzifers
In der Zwei-Banner-Betrachtung stellt
Ignatius zwei Heerführer und Heerlager einander gegenüber: Auf der
einen Seite, an einem lieblichen Ort in der Nähe von Jerusalem, steht
Jesus Christus, der „alle unter sein Banner ruft“ (Exerzitienbuch Nr.
137) und die Menschen in die ganze Welt sendet, damit sie seine frohe
Botschaft verkünden (Nr. 145). Nahe Babylon hat Luzifer seinen Thron
aus Feuer und Rauch (Nr. 140). Auch er ruft alle unter sein Banner und
sendet Unzählige, damit sie die Menschen an ihn binden.
Ignatius skizziert mit diesem Bild der
zwei Banner eine Situation, die vor die Entscheidung stellt: Unter
welches Banner lasse ich mich rufen? In wessen Namen will ich
unterwegs sein: im Namen Jesu oder im Namen seines Gegners?
Es ließe sich denken, dass diese Frage
für alle hier im Raum Anwesenden geklärt ist. Denn müsste man nicht
selbstverständlich über den Eingang eines Priesterseminares, über den
Eingang einer Kommunität von Jesuiten oder Salvatorianerinnen
schreiben: „Im Namen des Herrn unterwegs“?! Haben Sie sich nicht alle
dafür entschieden, im Geiste Jesu leben zu wollen?!
Blicken wir auf das Exerzitienbuch.
Die Zwei-Banner-Betrachtung befindet sich in der zweiten Woche der
Exerzitien. Der Exerzitant oder die Exerzitantin ist also schon einen
intensiven geistlichen Prozess gegangen und strebt danach, ihr Leben
ganz aus der Beziehung mit Gott zu gestalten. Dennoch legt Ignatius
die Betrachtung der Zwei Banner vor. Warum?
Weil Ignatius davon ausgeht, dass auch
dieser Mensch sich in der Einflusssphäre beider Kräfte bewegt.
Ignatius will klar machen, dass die Nachfolge Jesu nicht mit einer
einmaligen Entscheidung geklärt, sondern eine lebenslange
Entscheidungsgeschichte ist. Der Mensch steht bleibend im Feld zweier
gegensätzlicher Kräfte. Die Herausforderung, das Tauf-Ja zu Gott zu
bestätigen und in die „kleine Münze des Alltags“ umzusetzen und den
lebensfeindlichen und gottwidrigen Tendenzen zu widersagen, bleibt.
Keiner kommt daran vorbei, in den kleinen und großen Weichenstellungen
seines Lebens entweder dem Ruf Jesu sein Ohr zu leihen oder den
Stimmen, die von Gott wegführen.
Mit Ignatius’ Bild gesprochen: Der
Kampf zwischen Christus und Luzifer findet also nicht nur draußen in
der Welt statt, sondern mitten im eigenen Herzen. Wir stehen bleibend
im Spannungsfeld zweier gegensätzlicher Kräfte.
Die Grundalternative zwischen Christus
und Luzifer drückt die Bibel in vielfältigen Bildern aus: In dem
johanneischen Bild von Licht und Finsternis; in dem unvereinbaren
Gegensatz von Gott und Götze (ist Israel dem Bund mit Jahwe treu oder
tanzt es um das goldene Kalb?). Oder auch in dem Begriffspaar von
Leben und Tod: Im Buch Deuteronomium legt Gott dem Volk Israel Leben
und Tod zur Wahl vor und fordert auf: „Wähle das Leben“ (Deut
30,19).
Die klare Erkenntnis von Leben und
Tod, von Licht und Finsternis soll also helfen, das Leben zu wählen.
Entsprechend will die Zwei-Banner-Betrachtung befähigen, die
gegensätzlichen Kräfte deutlicher zu unterscheiden, um so im Geiste
Jesu entscheiden zu können.
3. Ein Blick auf Jesus Christus, den
„wahren Menschen“
Was meint nun die Rede von den
gegensätzlichen Kräften, vom Ruf Christi und Ruf Luzifers inhaltlich?
Um ein Gespür für den Ruf Jesu Christi
und das Drängen seines Geistes zu entwickeln, bietet sich ein Blick
auf Jesus selbst an, der, wie das Zweite Vatikanum formuliert, der
„wahre Mensch“ ist. Jesus lebte in einer von Vertrauen
geprägten Ich-Du-Beziehung zu seinem himmlischen Vater. In Jesus
begegnet uns ein Mensch, der wie selbstverständlich davon ausgeht,
dass er auf der Seite Gottes und Gott auf seiner Seite steht. Aus
dieser Verwurzelung in Gott erwächst eine erstaunliche Souveränität
und eine nicht weniger atemberaubende Gelassenheit. Das „Sorget nicht“
der Bergpredigt kommt nur deshalb so glaubwürdig aus seinem Mund, weil
er es selbst gelebt hat. Jesus hat erfahren, dass Angst, Sorge und
Misstrauen in dem Maße weichen, in dem ein Mensch von innen her weiß,
dass Gott die Sorge für das eigene Leben übernommen hat. Nur wer der
Sorge um sich selbst enthoben ist, ist wahrhaft frei. Frei von Furcht
– und frei für Gott und die anderen. Derart gegründet in seinem Vater
und verwurzelt in der Liebe Gottes vermochte Jesus ein Mensch für
andere zu sein. Die Pro-existenz kennzeichnet sein Leben.
Doch das bedeutet nun nicht, dass Jesus unangefochten
und in ungetrübtem Glück über die Erde geschritten wäre. Er hat mit
Ängsten, Sorgen und Anfechtungen gekämpft. So ist Jesus selbst die
beste Gewährsperson für die Annahme des Ignatius, dass der Mensch in
seinem Herzen von verschiedenen Kräften bewegt wird und um die
Grundausrichtung seines Lebens ringt.
Sie kennen die Versuchungsgeschichte
in der Wüste, in der eine leise Stimme flüstert: „Du kannst doch die
Steine zu Brot verwandeln. Warum tust du es nicht und lebst so ganz
aus deiner eigenen Kraft?! Du kannst dich doch von der Mauer des
Tempels stürzen. Warum machst du es nicht und sicherst dir so
Bewunderung und Glauben?! Du kannst dich doch vor mir niederwerfen.
Warum gehst du nicht vor mir in die Knie und erlangst so Herrschaft
und Macht?!“ Der Kitzel setzt an beim Drang zu zeigen - sich, anderen
und vielleicht auch Gott -: „Ich bin jemand!“ Die subtile
Verführunskraft des Versuchers setzt am beim Wunsch, das eigene Ich
abzusichern, Leiden zu vermeiden und das Glück aus eigener Kraft zu
gewährleisten.
Die Versuchungsgeschichte zeigt: Jesus
war Mensch wie wir – und dennoch gab es einen entscheidenden
Unterschied: Er hatte den „inneren Willen“, immer wieder zu der Quelle
zurückzukehren: zu dem ihm liebenden göttlichen Du. Er hatte die
„freie Entschiedenheit“, allein aus der Beziehung mit seinem Vater zu
leben; allein aus der Liebe Gottes zu leben und allein die
Liebe Gottes zu leben.
4. Die zwei gegensätzlichen Kräfte im
menschlichen Leben
4.1 Die „Logik der Gabe“ (Paul
Ricoeur)
Sich im Kraftfeld des Geistes Jesu zu bewegen bedeutet
vor allem und zuallererst: Sich hineinnehmen zu lassen in die von ihm
eröffnete Gottesbeziehung. Sich ergreifen zu lassen von seiner
Lebensbotschaft, von Gott gewollt zu sein. „Weil ich von Gott geliebt
bin vorgängig vor all meiner Leistung und trotz meiner Schuld, darum
lebe ich“ - bei wem diese verborgene Wirklichkeit existentiell
ankommt, bei dem ereignet sich das in christlicher Sicht
Entscheidende: Er lässt Gott im eigenen Leben ankommen, er lässt sich
von ihm ergreifen. In seinem Selbstverständnis weiß ein solcher Mensch
sich im Tiefsten angenommen und gerechtfertigt, gewollt und erlöst.
In diesem Sinn
versteht Franz Baader das menschliche Gewissen, das tiefer als eine
moralische Instanz ein Begegnungsgeschehen ist: „Gewissen ist mein
Wissen darum, dass ich von Gott gewusst bin.“ Ein Mensch mit einem
solchen Gewissen kann auf ein nervöses Selbstbehauptungsstreben
verzichten. Denn aus der Erfahrung unumstößlicher Geborgenheit
erfließt eine Weise innerer Wachheit, die die eigenen selbstsichernden
Tendenzen wahrnimmt und überwindet. Die Freiheit von
angstgetriebenen Versuchen der Selbstrechtfertigung wächst, und
gleichsinnig damit wächst die Freiheit für ein gelöstes
Sein-Können mit anderen und für andere.
Um das beispielhaft zu konkretisieren: Wer aus dem
Vertrauen lebt, dass er von Gott her jemand ist, der steht nicht unter
dem Zwang, sich selbst und anderen beweisen zu müssen, jemand zu sein.
Eine solche Person kann sich anderen zumuten, ohne sich verstellen zu
müssen. Sie braucht sich weder zu überheben, noch zu verkleinern. Sie
kann Kritik akzeptieren und Lob annehmen. Und sie vermag umgekehrt
freimütig Kritik zu üben und angstlos zu widersprechen. Gottes Ja
entlastet von der Angst zu kurz zu kommen und von der Sorge um sich
selbst.
Wer sich derart auf die Beziehung zu Gott einlässt,
wird empfänglicher für das Geschenk des Lebens. Und je
mehr eine Person den Geschenkcharakter ihres Lebens, der Welt und vor
allem den Gabecharakter der Zuwendung Gottes erfährt, um so mehr
versucht sie, mit ihrem Leben auf dieses Geschenk zu anworten. Sie
streckt sich danach aus, in ihrem Leben der „Logik der Gabe“
(Paul Ricœur) zu folgen. Diese besteht darin, beschenkt sich selber
schenken zu wollen. Die „Logik der Gabe“ wird zum Vorzeichen allen
Handelns. Oder anders gesagt: Die Herzenslogik der Liebe wird
zunehmend zur treibenden Grundkraft des Lebens. Ein solcher Mensch
wird immer mehr ein Mensch mit anderen und für andere.
Mich dem Geist Jesu zu öffnen
bedeutet, die Liebe Gottes in meinem Leben wirklich ankommen zu lassen
und – derart beschenkt - mein Dasein als Antwort auf die Liebe Gottes
zu gestalten. In diesem Sinne ist es immer wieder wichtig und gut,
sich auf die Suche nach diesen Heilsspuren im eigenen Leben zu machen.
So kann der abendliche Tagsrückblick, den Ignatius ja so sehr
empfiehlt, zur Quelle von Dankbarkeit werden, dass Gott in meinem
Leben wirkt und ich ihn wirken lasse.
4.2 Die Logik der Selbstsicherung
Zugleich wird ein ehrlicher Blick auf das eigene Leben
auch anderes zu Tage befördern: Die Tendenz der Selbstsicherung und
der Abschottung gegenüber Gott. Diese Tendenz habe ich anhand der
Versuchungsgeschichte Jesu kurz skizziert.
Der Wunsch, jemand zu sein, prägt wie
ein Wasserzeichen unsere Existenz. Und das darf auch so sein. Im
Gegenteil, dieser Drang ist sogar ein Ausdruck des Schöpfungswillen
Gottes, denn wir sind in den Augen Gottes jemand. „Weil du in meine
Augen teuer und wertvoll bist, und weil ich dich liebe, darum gebe ich
Ägypten als Kaufpreis für dich her.“ (vgl. Jes 43). Wir sind vor Gott
jemand und er will, dass wir immer mehr zu der Person heranreifen, die
wir nach seinem Bild sein können.
Doch wo die Tendenz, jemand zu sein,
eine fiebrig-zwanghafte Dynamik bekommt, wird es schräg. Beispiele
lassen sich dafür leicht finden.
- Ein
kleiner Junge erzählt seinen Freunden vom Besteigen eines 3000’er.
Doch der Berg war nur 2700 m hoch gewesen.
à
Der Wunsch vor anderen zu glänzen lässt ihn die Wahrheit ein wenig
verdrehen. Seinen Freunden zu imponieren gibt ihm das gute Gefühl,
jemand zu sein.
- Jemand
schweigt aus Angst vor Beziehungsverlust, weiß aber, dass er
eigentlich Stellung beziehen sollte.
-
Überlegenheit des eigenen Wissens ausspielen
à
Geltungsdrang; das Kleinersein anderer bestärkt das eigene Ich (Vgl.
die Frage der Jünger, wer unter ihnen der Größte sei).
Es ließen sich viele Dynamiken
aufzeigen - Geltungssucht, Kritikangst, Vermeiden von Versagen und
Leiden etc. -, in denen eine Logik der Selbstsicherung am Werk ist.
Besonders bei Menschen, die ihr Leben entschieden auf Gott ausrichten
wollen, gibt sich eine solche von Gott wegführende Kraft häufig nicht
unmittelbar zu erkennen, sondern tarnt sich geschickt unter dem „Schein
des Guten“. So kann sich beispielsweise unter dem Gewand besonders
eifriger Frömmigkeit der Wunsch nach religiösem Imagegewinn verbergen.
Oder hinter einer möglichst korrekten Beachtung aller religiösen und
kirchlichen Vorschriften kann der selbstsichernde Gedanke stehen: Wenn
ich dies alles erfülle, bin ich in Ordnung und habe einen Anspruch
gegenüber Gott.“ Der Prototyp für eine solche fromme Lebenslüge ist im
Neuen Testament der Pharisäer.
4.3 Gegensätzliche
Wachstumsrichtungen
Ein letzter Gedanken, bevor ich Ihnen
Anregungen für die stille Zeit mitgebe. Eingangs habe ich ausgeführt,
dass den gegensätzlichen Kräften im Leben eine eigene Dynamik
innewohnt. Sowohl die „Logik der Gabe“ als auch die „Logik der
Selbstsicherung“ kennt ein solches inneres Wachstumsgesetz.
Zur Logik der Gabe, beschenkt
sich selber schenken zu wollen: In einer modernen Fassung des “Prinzip
und Fundament“ (Exerzitienbuch Nr. 23) heißt es: „Ziel unseres
Lebens ist, für immer mit Gott zu leben. Gott gab uns Leben, weil er
uns liebt. Unsere eigene Antwort der Liebe ermöglicht es, dass Gottes
Liebe grenzenlos in uns hineinströmt.“ In wessen Leben dieses Prinzip
und Fundament existentiellen Gehalt bekommt, der versucht, auf diese
Liebe zu antworten. Und einem solchen Menschen vermag Gott sich tiefer
zu schenken. Und so fort. Eine solche Person schwingt ein in die
innere Unendlichkeit der Liebe. Oder anders gesagt: Sie schwingt ein
in die Dynamik des ignatianischen Magis, des Je-mehr. Liebende
werden am besten verstehen, was mit dieser „unendlichen Geschichte“
gemeint ist.
Wer geduldig hinschaut erkennt, dass
ebenso dem Versuch der Selbstsicherung eine selbstverstärkende
Kraft innewohnt: nämlich der Teufelskreis von Selbstsicherung und
Angst. Die selbstsichernde Leistung, oder anders gesagt: der Versuch,
sich selber zu rechtfertigen und allein aus dem Eigenen zu leben,
erzeugt immer auch Angst. Denn ein solcher Versuch konfrontiert über
kurz oder lang unausweichlich mit den Grenzen des eigenen Ich. Wir
vermögen nicht aus uns allein zu bestehen. Die Angst, niemand zu sein,
ist nun höchst bedrohlich und will wirksam überwunden werden. Und so
suchen wir wiederum nach dem Beweis (gegenüber anderen und vor uns
selbst), jemand zu sein. Und so fort…
Diese Spirale von Angst und
Selbstrechtfertigung entfernt zunehmend von Gott und den anderen
Menschen und führt zu einer wachsenden Verschlossenheit in sich
selbst. Bis sich jemand irgendwann ganz in das Spiegelkabinett des
eigenen Ich eingeschlossen hat und von sich sagt, was der Prophet
Zephanja über die sündige Stadt Ninive schreibt: „Schaut, das ist
Ninive, die fröhliche Stadt, die sagt: „Ich, und sonst niemand“ (Zeph
2,15).