Besinnungswochenende zur 2. Exerzitienwoche im Canisianum  4.- 5. März 2006

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1. Impuls Der Blick auf die gegensätzliche Kräfte im Menschen.

Die Zwei-Banner-Betrachtung des Ignatius von Loyola

(Dr. Melanie Wolfers SDS)

 

1. Das Leben ist dynamisch

„Der Blick auf die gegensätzlichen Kräfte im Leben“ - was kann damit gemeint sein?

Zunächst besagt der Titel ganz schlicht: Das Leben ist in sich dynamisch strukturiert. Leben ist kein Stillstand, sondern Leben heißt, von Kräften bewegt zu werden. Vorlieben und Abneigungen, Haltungen, aber auch bestimmte Deutungen von Wirklichkeit entfalten ihre eigene Kraft, ihre Eigenlogik. Auf anschauliche Weise drückt die Legende vom „modernen“ Menschen eine solche sich verselbständigende Dynamik aus:

Ein „moderner“ Mensch verirrte sich in der Wüste. Die unbarmherzige Sonnenglut hatte ihn ausgedörrt. Da sah er in einiger Entfernung eine Oase. Aha, eine Fata Morgana, dachte er, eine Luftspiegelung, die mich narrt. Denn in Wirklichkeit ist gar nichts da. Er näherte sich der Oase, aber sie verschwand nicht. Er sah immer deutlicher die Dattelpalmen, das Gras und vor allem die Quelle. Natürlich eine Hungerphantasie, die mir mein halb wahnsinniges Hirn vorgaukelt, dachte er. Solche Phantasien hat man bekanntlich in meinem Zustand. Jetzt höre ich sogar das Wasser sprudeln. Eine Gehör-Halluzination. Wie grausam die Natur ist. Kurze Zeit später fanden ihn zwei Beduinen tot. „Kannst du so etwas verstehen?“, sagte der eine zum anderen, „die Datteln wachsen ihm beinahe in den Mund. Und dicht neben der Quelle liegt er verhungert und verdurstet. Wie ist das möglich?“ Da antwortete der andere: „Er war ein moderner Mensch.“

Am Anfang ist der Zweifel vielleicht noch gar nicht so groß, doch er wächst mit der Zeit. Einmal eingespurt in die Deutung, dass es in der Wüste gar kein Wasser geben könne und dass die Oase nur ein grausames Phantasiegebilde sei, eine Projektion des eigenen Durstes, wird der Blick für die Wirklichkeit immer verschatteter. Bis schließlich der Zweifel irgendwann in völlige Blindheit umschlägt: Wiewohl der Mensch an der Quelle liegt und ihm die Datteln in den Mund wachsen, stirbt er an Hunger und Durst.

In bildreicher Sprache wird hier etwas ausgedrückt, was sich in verschiedenen Lebensbereichen wiederfindet: Kräfte entfalten ihre Eigenlogik, ihre Eigendynamik: Wer beispielsweise Menschen tendentiell mit Misstrauen begegnet, der wird in ihrem Verhalten schnell etwas entdecken, was sein Misstrauen bestärkt. Dies wiederum wirkt zurück auf die weiteren Begegnungen.

Nun gibt es natürlich auch das Wachsen in einer positiven Dynamik. Wer sich beispielsweise den Ratschlag des Ignatius zu Herzen nimmt, mehr darum bemüht zu sein, die Aussage eines anderen zu retten als zu verurteilen, der wird hellhörig für das, was der andere zu sagen hat. Dies wiederum wirkt auf seine Grundhaltung zurück, dem anderen wohlwollend zu begegnen. Die Haltung wird ihm gewissermaßen zur zweiten Natur. Oder: Wer wahrhaftig mit sich selbst umgeht, dessen Sensibilität für bislang Verborgenes im eigenen Leben – und zwar für Helles und Dunkles - wächst. Das redliche Bemühen um einen wahrhaftige Umgang mit sich selbst befähigt zu einer je tieferen Wachheit und Wahrhaftigkeit.

Diese Eigendynamik eines Wachsens im Guten und eines Wachsens im Weniger-Guten, ja Schlechten bringt die Ehik im Gedanken von Tugend und Laster zur Sprache.

 Auch im geistlichen Leben lassen sich diese Dynamiken, diese entgegengesetzten Kräfte wiederfinden. In der einen schreitet, wie Ignatius sagt, ein Mensch voran vom Guten zum Besseren und in der anderen vom Schlechten zur schweren Sünde. So kann es sein - und dass ist sehr schön bei Menschen zu erleben - , dass jemandem im Laufe der Zeit Dinge möglich werden, die ihm vorher schlichtweg undenkbar erschienen. Ja, dass sie ihm vielleicht sogar zur Quelle von Freude werden. Ein Beispiel dafür ist Franziskus von Assisi. Er, der vermögende Lebemann, ekelte sich vor Aussätzigen, und auch nach seiner Bekehrung war seine Abneigung gegenüber diesen Menschen noch sehr groß. Doch irgendwann hatte er die Kraft, sich zu überwinden: Er stieg vom Pferd und umarmte den Aussätzigen. Mit der Zeit wurde das, was Franziskus bitter war, zur Süße: Besonders im Armen und Kranken entdeckte er Jesus. Von der Gesinnung Jesu zunehmend geprägt wurde Franziskus das, was ihm anfangs nur mit Selbstüberwindung möglich war, immer leichter; ja er konnte schließlich kaum anders, als die Herrin Armut zu preisen. Sie wurde für ihn zur Quelle von Freude.

 Nehmen wir in einem zweiten Schritt die gegensätzlichen Kräfte, die das menschliche Leben prägen, genauer in den Blick und nehmen dabei die Zwei-Banner-Betrachtung des Ignatius zur Hand.

 

2. Die Zwei-Banner-Betrachtung: Der Ruf Christi und der Ruf Luzifers

In der Zwei-Banner-Betrachtung stellt Ignatius zwei Heerführer und Heerlager einander gegenüber: Auf der einen Seite, an einem lieblichen Ort in der Nähe von Jerusalem, steht Jesus Christus, der „alle unter sein Banner ruft“ (Exerzitienbuch Nr. 137) und die Menschen in die ganze Welt sendet, damit sie seine frohe Botschaft verkünden (Nr. 145). Nahe Babylon hat Luzifer seinen Thron aus Feuer und Rauch (Nr. 140). Auch er ruft alle unter sein Banner und sendet Unzählige, damit sie die Menschen an ihn binden.

Ignatius skizziert mit diesem Bild der zwei Banner eine Situation, die vor die Entscheidung stellt: Unter welches Banner lasse ich mich rufen? In wessen Namen will ich unterwegs sein: im Namen Jesu oder im Namen seines Gegners?

Es ließe sich denken, dass diese Frage für alle hier im Raum Anwesenden geklärt ist. Denn müsste man nicht selbstverständlich über den Eingang eines Priesterseminares, über den Eingang einer Kommunität von Jesuiten oder Salvatorianerinnen schreiben: „Im Namen des Herrn unterwegs“?! Haben Sie sich nicht alle dafür entschieden, im Geiste Jesu leben zu wollen?!

Blicken wir auf das Exerzitienbuch. Die Zwei-Banner-Betrachtung befindet sich in der zweiten Woche der Exerzitien. Der Exerzitant oder die Exerzitantin ist also schon einen intensiven geistlichen Prozess gegangen und strebt danach, ihr Leben ganz aus der Beziehung mit Gott zu gestalten. Dennoch legt Ignatius die Betrachtung der Zwei Banner vor. Warum?

Weil Ignatius davon ausgeht, dass auch dieser Mensch sich in der Einflusssphäre beider Kräfte bewegt. Ignatius will klar machen, dass die Nachfolge Jesu nicht mit einer einmaligen Entscheidung geklärt, sondern eine lebenslange Entscheidungsgeschichte ist. Der Mensch steht bleibend im Feld zweier gegensätzlicher Kräfte. Die Herausforderung, das Tauf-Ja zu Gott zu bestätigen und in die „kleine Münze des Alltags“ umzusetzen und den lebensfeindlichen und gottwidrigen Tendenzen zu widersagen, bleibt. Keiner kommt daran vorbei, in den kleinen und großen Weichenstellungen seines Lebens entweder dem Ruf Jesu sein Ohr zu leihen oder den Stimmen, die von Gott wegführen.

Mit Ignatius’ Bild gesprochen: Der Kampf zwischen Christus und Luzifer findet also nicht nur draußen in der Welt statt, sondern mitten im eigenen Herzen. Wir stehen bleibend im Spannungsfeld zweier gegensätzlicher Kräfte.

 

Die Grundalternative zwischen Christus und Luzifer drückt die Bibel in vielfältigen Bildern aus: In dem johanneischen Bild von Licht und Finsternis; in dem unvereinbaren Gegensatz von Gott und Götze (ist Israel dem Bund mit Jahwe treu oder tanzt es um das goldene Kalb?). Oder auch in dem Begriffspaar von Leben und Tod: Im Buch Deuteronomium legt Gott dem Volk Israel Leben und Tod zur Wahl vor und fordert auf: „Wähle das Leben“ (Deut 30,19).

Die klare Erkenntnis von Leben und Tod, von Licht und Finsternis soll also helfen, das Leben zu wählen. Entsprechend will die Zwei-Banner-Betrachtung befähigen, die gegensätzlichen Kräfte deutlicher zu unterscheiden, um so im Geiste Jesu entscheiden zu können.

 

3. Ein Blick auf Jesus Christus, den „wahren Menschen“

Was meint nun die Rede von den gegensätzlichen Kräften, vom Ruf Christi und Ruf Luzifers inhaltlich?

Um ein Gespür für den Ruf Jesu Christi und das Drängen seines Geistes zu entwickeln, bietet sich ein Blick auf Jesus selbst an, der, wie das Zweite Vatikanum formuliert, der „wahre Mensch“ ist. Jesus lebte in einer von Vertrauen geprägten Ich-Du-Beziehung zu seinem himmlischen Vater. In Jesus begegnet uns ein Mensch, der wie selbstverständlich davon ausgeht, dass er auf der Seite Gottes und Gott auf seiner Seite steht. Aus dieser Verwurzelung in Gott erwächst eine erstaunliche Souveränität und eine nicht weniger atemberaubende Gelassenheit. Das „Sorget nicht“ der Bergpredigt kommt nur deshalb so glaubwürdig aus seinem Mund, weil er es selbst gelebt hat. Jesus hat erfahren, dass Angst, Sorge und Misstrauen in dem Maße weichen, in dem ein Mensch von innen her weiß, dass Gott die Sorge für das eigene Leben übernommen hat. Nur wer der Sorge um sich selbst enthoben ist, ist wahrhaft frei. Frei von Furcht – und frei für Gott und die anderen. Derart gegründet in seinem Vater und verwurzelt in der Liebe Gottes vermochte Jesus ein Mensch für andere zu sein. Die Pro-existenz kennzeichnet sein Leben.

Doch das bedeutet nun nicht, dass Jesus unangefochten und in ungetrübtem Glück über die Erde geschritten wäre. Er hat mit Ängsten, Sorgen und Anfechtungen gekämpft. So ist Jesus selbst die beste Gewährsperson für die Annahme des Ignatius, dass der Mensch in seinem Herzen von verschiedenen Kräften bewegt wird und um die Grundausrichtung seines Lebens ringt.

Sie kennen die Versuchungsgeschichte in der Wüste, in der eine leise Stimme flüstert: „Du kannst doch die Steine zu Brot verwandeln. Warum tust du es nicht und lebst so ganz aus deiner eigenen Kraft?! Du kannst dich doch von der Mauer des Tempels stürzen. Warum machst du es nicht und sicherst dir so Bewunderung und Glauben?! Du kannst dich doch vor mir niederwerfen. Warum gehst du nicht vor mir in die Knie und erlangst so Herrschaft und Macht?!“ Der Kitzel setzt an beim Drang zu zeigen - sich, anderen und vielleicht auch Gott -: „Ich bin jemand!“ Die subtile Verführunskraft des Versuchers setzt am beim Wunsch, das eigene Ich abzusichern, Leiden zu vermeiden und das Glück aus eigener Kraft zu gewährleisten.

Die Versuchungsgeschichte zeigt: Jesus war Mensch wie wir – und dennoch gab es einen entscheidenden Unterschied: Er hatte den „inneren Willen“, immer wieder zu der Quelle zurückzukehren: zu dem ihm liebenden göttlichen Du. Er hatte die „freie Entschiedenheit“, allein aus der Beziehung mit seinem Vater zu leben; allein aus der Liebe Gottes zu leben und allein die Liebe Gottes zu leben. 

4. Die zwei gegensätzlichen Kräfte im menschlichen Leben

4.1 Die „Logik der Gabe“ (Paul Ricoeur)

Sich im Kraftfeld des Geistes Jesu zu bewegen bedeutet vor allem und zuallererst: Sich hineinnehmen zu lassen in die von ihm eröffnete Gottesbeziehung. Sich ergreifen zu lassen von seiner Lebensbotschaft, von Gott gewollt zu sein. „Weil ich von Gott geliebt bin vorgängig vor all meiner Leistung und trotz meiner Schuld, darum lebe ich“ - bei wem diese verborgene Wirklichkeit existentiell ankommt, bei dem ereignet sich das in christlicher Sicht Entscheidende: Er lässt Gott im eigenen Leben ankommen, er lässt sich von ihm ergreifen. In seinem Selbstverständnis weiß ein solcher Mensch sich im Tiefsten angenommen und gerechtfertigt, gewollt und erlöst.

In diesem Sinn versteht Franz Baader das menschliche Gewissen, das tiefer als eine moralische Instanz ein Begegnungsgeschehen ist: „Gewissen ist mein Wissen darum, dass ich von Gott gewusst bin.“ Ein Mensch mit einem solchen Gewissen kann auf ein nervöses Selbstbehauptungsstreben verzichten. Denn aus der Erfahrung unumstößlicher Geborgenheit erfließt eine Weise innerer Wachheit, die die eigenen selbstsichernden Tendenzen wahrnimmt und überwindet. Die Freiheit von angstgetriebenen Versuchen der Selbstrechtfertigung wächst, und gleichsinnig damit wächst die Freiheit für ein gelöstes Sein-Können mit anderen und für andere.

Um das beispielhaft zu konkretisieren: Wer aus dem Vertrauen lebt, dass er von Gott her jemand ist, der steht nicht unter dem Zwang, sich selbst und anderen beweisen zu müssen, jemand zu sein. Eine solche Person kann sich anderen zumuten, ohne sich verstellen zu müssen. Sie braucht sich weder zu überheben, noch zu verkleinern. Sie kann Kritik akzeptieren und Lob annehmen. Und sie vermag umgekehrt freimütig Kritik zu üben und angstlos zu widersprechen. Gottes Ja entlastet von der Angst zu kurz zu kommen und von der Sorge um sich selbst.

Wer sich derart auf die Beziehung zu Gott einlässt, wird empfänglicher für das Geschenk des Lebens. Und je mehr eine Person den Geschenkcharakter ihres Lebens, der Welt und vor allem den Gabecharakter der Zuwendung Gottes erfährt, um so mehr versucht sie, mit ihrem Leben auf dieses Geschenk zu anworten. Sie streckt sich danach aus, in ihrem Leben der „Logik der Gabe“ (Paul Ricœur) zu folgen. Diese besteht darin, beschenkt sich selber schenken zu wollen. Die „Logik der Gabe“ wird zum Vorzeichen allen Handelns. Oder anders gesagt: Die Herzenslogik der Liebe wird zunehmend zur treibenden Grundkraft des Lebens. Ein solcher Mensch wird immer mehr ein Mensch mit anderen und für andere.

 

Mich dem Geist Jesu zu öffnen bedeutet, die Liebe Gottes in meinem Leben wirklich ankommen zu lassen und – derart beschenkt - mein Dasein als Antwort auf die Liebe Gottes zu gestalten. In diesem Sinne ist es immer wieder wichtig und gut, sich auf die Suche nach diesen Heilsspuren im eigenen Leben zu machen. So kann der abendliche Tagsrückblick, den Ignatius ja so sehr empfiehlt, zur Quelle von Dankbarkeit werden, dass Gott in meinem Leben wirkt und ich ihn wirken lasse.

 

4.2 Die Logik der Selbstsicherung

Zugleich wird ein ehrlicher Blick auf das eigene Leben auch anderes zu Tage befördern: Die Tendenz der Selbstsicherung und der Abschottung gegenüber Gott. Diese Tendenz habe ich anhand der Versuchungsgeschichte Jesu kurz skizziert.

Der Wunsch, jemand zu sein, prägt wie ein Wasserzeichen unsere Existenz. Und das darf auch so sein. Im Gegenteil, dieser Drang ist sogar ein Ausdruck des Schöpfungswillen Gottes, denn wir sind in den Augen Gottes jemand. „Weil du in meine Augen teuer und wertvoll bist, und weil ich dich liebe, darum gebe ich Ägypten als Kaufpreis für dich her.“ (vgl. Jes 43). Wir sind vor Gott jemand und er will, dass wir immer mehr zu der Person heranreifen, die wir nach seinem Bild sein können.

Doch wo die Tendenz, jemand zu sein, eine fiebrig-zwanghafte Dynamik bekommt, wird es schräg. Beispiele lassen sich dafür leicht finden.

- Ein kleiner Junge erzählt seinen Freunden vom Besteigen eines 3000’er. Doch der Berg war nur 2700 m hoch gewesen. à Der Wunsch vor anderen zu glänzen lässt ihn die Wahrheit ein wenig verdrehen. Seinen Freunden zu imponieren gibt ihm das gute Gefühl, jemand zu sein.

- Jemand schweigt aus Angst vor Beziehungsverlust, weiß aber, dass er eigentlich Stellung beziehen sollte.

- Überlegenheit des eigenen Wissens ausspielen à Geltungsdrang; das Kleinersein anderer bestärkt das eigene Ich (Vgl. die Frage der Jünger, wer unter ihnen der Größte sei).

Es ließen sich viele Dynamiken aufzeigen - Geltungssucht, Kritikangst, Vermeiden von Versagen und Leiden etc. -, in denen eine Logik der Selbstsicherung am Werk ist. Besonders bei Menschen, die ihr Leben entschieden auf Gott ausrichten wollen, gibt sich eine solche von Gott wegführende Kraft häufig nicht unmittelbar zu erkennen, sondern tarnt sich geschickt unter dem „Schein des Guten“. So kann sich beispielsweise unter dem Gewand besonders eifriger Frömmigkeit der Wunsch nach religiösem Imagegewinn verbergen. Oder hinter einer möglichst korrekten Beachtung aller religiösen und kirchlichen Vorschriften kann der selbstsichernde Gedanke stehen: Wenn ich dies alles erfülle, bin ich in Ordnung und habe einen Anspruch gegenüber Gott.“ Der Prototyp für eine solche fromme Lebenslüge ist im Neuen Testament der Pharisäer.

 

4.3 Gegensätzliche Wachstumsrichtungen

Ein letzter Gedanken, bevor ich Ihnen Anregungen für die stille Zeit mitgebe. Eingangs habe ich ausgeführt, dass den gegensätzlichen Kräften im Leben eine eigene Dynamik innewohnt. Sowohl die „Logik der Gabe“ als auch die „Logik der Selbstsicherung“ kennt ein solches inneres Wachstumsgesetz.

Zur Logik der Gabe, beschenkt sich selber schenken zu wollen: In einer modernen Fassung des “Prinzip und Fundament“ (Exerzitienbuch Nr. 23) heißt es: „Ziel unseres Lebens ist, für immer mit Gott zu leben. Gott gab uns Leben, weil er uns liebt. Unsere eigene Antwort der Liebe ermöglicht es, dass Gottes Liebe grenzenlos in uns hineinströmt.“ In wessen Leben dieses Prinzip und Fundament existentiellen Gehalt bekommt, der versucht, auf diese Liebe zu antworten. Und einem solchen Menschen vermag Gott sich tiefer zu schenken. Und so fort. Eine solche Person schwingt ein in die innere Unendlichkeit der Liebe. Oder anders gesagt: Sie schwingt ein in die Dynamik des ignatianischen Magis, des Je-mehr. Liebende werden am besten verstehen, was mit dieser „unendlichen Geschichte“ gemeint ist.

Wer geduldig hinschaut erkennt, dass ebenso dem Versuch der Selbstsicherung eine selbstverstärkende Kraft innewohnt: nämlich der Teufelskreis von Selbstsicherung und Angst. Die selbstsichernde Leistung, oder anders gesagt: der Versuch, sich selber zu rechtfertigen und allein aus dem Eigenen zu leben, erzeugt immer auch Angst. Denn ein solcher Versuch konfrontiert über kurz oder lang unausweichlich mit den Grenzen des eigenen Ich. Wir vermögen nicht aus uns allein zu bestehen. Die Angst, niemand zu sein, ist nun höchst bedrohlich und will wirksam überwunden werden. Und so suchen wir wiederum nach dem Beweis (gegenüber anderen und vor uns selbst), jemand zu sein. Und so fort…

Diese Spirale von Angst und Selbstrechtfertigung entfernt zunehmend von Gott und den anderen Menschen und führt zu einer wachsenden Verschlossenheit in sich selbst. Bis sich jemand irgendwann ganz in das Spiegelkabinett des eigenen Ich eingeschlossen hat und von sich sagt, was der Prophet Zephanja über die sündige Stadt Ninive schreibt: „Schaut, das ist Ninive, die fröhliche Stadt, die sagt: „Ich, und sonst niemand“ (Zeph 2,15).

 

 

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