Besinnungswochenende zur 2. Exerzitienwoche im Canisianum  4.- 5. März 2006

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  Predigt im Canisianum 1. Fastensonntag

(Dr. Melanie Wolfers SDS)
Lukas 4, 1-13

Das Besinnungswochenende steht unter dem Leitgedanken, dass der Mensch im Spannungsfeld gegensätzlicher Kräfte steht. Das Kirchenjahr weiß um die Herausforderung, nach dem Wesentlichen fragen und dem Leben eine Richtung geben zu müssen. Es rechnet damit, dass wir im Gehen Neues entdecken, dass sich Ungereimtheiten in unser Leben einschleichen und wir immer wieder neu vor der Aufgabe stehen, unseren Alltag gut zu gestalten und uns an Jesus Christus zu orientieren. Um uns darin zu unterstützen, kennt das liturgische Jahr geprägte Wochen wie die Fastenzeit. Diese steht unter dem Vorzeichen, den Alltag zu entschleunigen und aufmerksam zu werden auf den eigenen status quo. Sie steht unter dem Vorzeichen, hellsichtiger nach dem Wesentlichen zu suchen und - wo notwendig – gegenzusteuern und Kurskorrekturen vorzunehmen. Die Fastenzeit will helfen, umzukehren und Gott unser Angesicht zuzuzwenden.

Das heutige Evangelium erzählt von den Versuchungen Jesu in der Wüste. An diese Perikope anknüpfend lässt sich sagen, dass die österliche Bußzeit ermutigen möchte, sich vom Geist Gottes in die Wüste locken zu lassen, so wie es von Jesus heißt, dass er „vom Geist erfüllt“ in der Wüste herumgeführt wird.

Bevor wir die Erzählung genauer betrachten, lohnt es sich, einen Blick auf ihre Vorgeschichte zu werfen: Nach 30 Jahren verborgenen Lebens in Nazareth lässt Jesus sich von Johannes im Jordan taufen. Zuinnerst erfährt Jesus: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich mein Gefallen gefunden“ (Lk 3,22). Die Erfahrung, unbedingt geliebt zu sein, ist das Fundament, auf dem das Leben Jesu aufruht und die Basis seines Daseins. In Gott, seinem Vater, verankert zu sein, ist das Zentrum seiner Existenz. „Amor ergo sum“ – ich bin geliebt, und daraus lebe ich, darum bin ich. Die Erfahrung geliebt zu sein, ist der Boden, in dem die Identität Jesu verwurzelt ist.

Doch die Gewissheit, unbedingt geliebt zu sein, bleibt nicht unangefochten. Auch Jesus wurde, wie es im Hebräerbrief heißt, „in allem wie wir in Versuchung geführt“ (Hebr 4,15). Von drei paradigmatischen Versuchungen erzählt der Evangelist.

 

Zunächst die Versuchung, vom Brot allein zu leben. Das Brot kann als Sinnbild gelesen werden für alles Sinnliche und Begehrenswerte, für das Haben- und Genießenwollen. Für das, was jemand besitzt: Geld, Kleider, Wissen ... Natürlich sind all diese Dinge nicht in sich schlecht, ganz im Gegenteil. Sie bekommen jedoch eine Schräglage, wenn sie zur alleinigen Lebensquelle hochstilisiert werden; wenn sie das Zentrum sind, um das sich das ganze Leben dreht.

Wer allein von dem lebt, was er hat und kann, ist scheinbar unabhängig und frei. Doch das täuscht. Denn unweigerlich ist er in der Gefahr, zunehmend der Eigengesetzlichkeit der Dinge und der Logik des Habens zu verfallen. Was ist damit gemeint? – Pascal spricht davon, dass der Mensch den Menschen um ein Unendliches übersteigt. Vor allem in unserem Streben erweist sich dies als zutreffend: Wir suchen nach einem Wert, für den es sich lohnt zu leben, für den wir morgens gerne aufstehen und abends gerne müde sind. In der Tiefe unseres Herzens lebt eine Sehnsucht, unsere eigenen, oft so banalen Sorgen zu relativieren und uns statt dessen an etwas hinzugeben, das größer ist als wir. Etwas, das all unser Tun mit Sinn erfüllt. Wir suchen nach mehr, als uns die Erde geben kann und erfahren, dass kein Besitz auf Dauer befriedigt.

Wer im Ästhetischen oder im Besitz seinen Hunger nach Glück stillen will, braucht daher mehr desselben. Immer schneller muss der nächste Kick kommen. Schöner muss das Auto, kleiner das Handy, größer der Erfolg sein. „More and More – Eine Lebensphilosophie“. Dies ist nicht nur der Name einer zumindest in Deutschland verbreiteten Boutique-Kette, sondern bezeichnet eine Lebensdynamik: die Logik eines Lebens aus dem Besitz. Und diese Logik ist zerstörerisch – sowohl in weltweiter als auch in biographischer Perspektive!

Häufig geht der Versuch, aus dem zu leben, was ich habe oder kann, mit einer tiefsitzenden und knechtenden Angst einher. Denn wer sein Selbstwertgefühl an seinem Besitz festmacht, muss angstvoll schauen, ob er noch im neuesten Trend liegt. Oder: In was für eine angstbesetzte Spirale geraten diejenigen, die ihre Identität im Letzten in ihrer Leistung verankern?! In der Tiefe lauert nämlich die angstvolle Frage: „Was ist, wenn ich nicht gut genug bin? Wenn ich versage, krank oder alt bin?“ – Bohrende Gedanken, die einen wie in einem Hamsterrad rennen und rennen lassen, bis man dann irgendwann an Herzversagen stirbt.

Und Jesus? - Seine konkrete, wiewohl nicht unangefochtene Lebenserfahrung ist: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern, „von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Mt 4,4). Mit einem Psalmvers gesprochen: In der Beziehung mit Gott wird satt seine Seele. In seinem Vater erfährt Jesus sich geborgen, gewinnt seine Existenz Stand. In der Hingabe an ihn findet er seinen Halt und den eigentlichen Sinn seines Lebens, aus dem und für den es sich lohnt zu leben.

Österliche Bußzeit kann beinhalten, den Mut zur Wüste aufzubringen, sich in die Stille und Einsamkeit zu wagen und sich zu fragen: Woran hängt mein Herz? Woran klebe ich? Bin ich besessen von etwas, was ich besitze oder kann, und was würde hier bedeuten, mich einem Mehr an Leben zu öffnen? Muss ich die innere Leere mit Konsum oder Aktivismus zudecken? Wo bin ich getrieben von der Angst, niemand zu sein? – Um Gott zu suchen und um seiner Lebensbotschaft überhaupt die Chance zu geben, dass sie tatsächlich Bedeutung für unser Leben gewinnt, müssen wir uns auf unser Inneres einlassen - auch auf das, was daran dunkel, wirr und bedrohlich ist. In diesem Inneren muss ein wirkliches Umkehren geschehen, damit Gott in unser Herz eintreten kann. Ein inneres Heilwerden, damit wir zu österlichen Menschen werden.

 

Als zweites wird Jesus durch die Macht versucht. Alle Reiche zu besitzen und über andere zu bestimmen, ist eine Grundversuchung des Menschen. Auf vielerlei Weise üben Menschen Macht über andere aus. Nun ist Macht zunächst nichts Negatives, wenn sie einfach bedeutet, bestimmte Fähigkeiten zu „beherrschen“ oder zu einem Amt „bevollmächtigt“ zu sein, etwa in einer Organisation oder in einer Gemeinschaft wie der Kirche. Anderseits hat Macht auch etwas Verführerisches an sich. Der Roman und der Film „Der Herr der Ringe“ stellen dies in epischer Breite dar: Wer einmal von der Macht gekostet hat, ist derart fasziniert von dem Gedanken, andere beherrschen zu können, dass er selber von dieser Vorstellung ganz beherrscht wird. Und selbst die Gutgesinnten würden letztlich der bösen Macht verfallen, wenn sie sich der Fähigkeiten bedienen würden, die jener geheimnisvolle Ring seinem Träger verleiht.

Macht hat ein gefährliches Potential in sich, da wir Menschen in der Gefahr sind, sie zu egoistischen Zwecken zu missbrauchen – auf weltpolitischer Ebene ebenso wie in den sublimenen Machtspielchen zwischenmenschlicher Beziehungen. Manche Menschen, Organisationen oder Nationen neigen dazu, ihre Macht zu zeigen und damit ihre eigene Wichtigkeit unter Beweis zu stellen. Macht über andere scheint die eigene Bedeutung aufzuwerten. Macht gibt mir das Gefühl, dass ich jemand bin. Wenn ich Macht habe, dann bin ich nicht mehr minderwertig. Macht weckt Lust- und Allmachtsgefühle.

Jesus weist diese Versuchung mit der eindeutigen Antwort zurück: Allein Gott ist allmächtig und allein ihm kommt es zu, angebetet zu werden. Worin gründet die Kraft Jesu, der Macht und dem Geltenwollen zu widerstehen? – Ich denke, in dem, was er verdichtet in seiner Taufe erfährt. Jesus lebte aus dem Geheimnis des Kindseins „Du bist mein geliebter Sohn“. Er musste sich nicht durch Machtausübung einen Namen schaffen, sondern er glaubte, dass er von Gott einen Namen empfangen hat. Sein Selbstwertgefühl entsprang nicht der Überlegenheit über andere, sondern es genügte ihm, dass er von Gott geliebt war. Seine ganze Identität ruhte darin, dass der Vater ihn liebt, selbst in Schwäche, Ohnmacht und Tod.

Zugehen auf Ostern meint, uns hinkehren zu Gott; uns der Wirklichkeit öffnen, die wir in der Tauferneuerung in der Osternacht bekennen: Kind Gottes zu sein.

Als Kind Gottes leben heißt: „Ich bin in den Augen Gottes kostbar und das genügt. Ich lebe daraus, dass Gott mich annimmt und liebt.“ Wer so glaubt, kann darauf verzichten, größer sein zu wollen als andere. Der oder die kann darauf verzichten, durch Machtausübung auf Kosten anderer das eigene Ego zu stärken. Das befreit zu einer universalen Geschwisterlichkeit. Und es befähigt, Macht und Verantwortung zu übernehmen, um Aufbau von Gemeinschaft und das Wohl von anderen zu verwirklichen. Wo Macht dazu eingesetzt wird, die Freiheit der anderen zu vermehren, dort spiegelt sich im Menschen das Antlitz Gottes wieder.

 

Die dritte Versuchung Jesu: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann stürze dich von den Zinnen, denn Gott wird dich auffangen.“ Es kitzelt Jesus die Vorstellung, die eigene spirituelle Größe zu demonstrieren. Es lockt ihn der Gedanke, Gott auf die Probe zu stellen; sich seiner Liebe zu vergewissern; ja, einen Liebesbeweis zu erzwingen.

Doch Liebe kann nicht auf Probe gelebt werden. Die Tragfähigkeit einer Beziehung ist nicht experimentell nachprüfbar. Liebe kann allein frei geschenkt und angenommen werden. Sie hat ihren Ursprung in der unableitbaren Freiheit des Anderen. Nur denen, die das Wagnis eingehen zu vertrauen, erschließt sich daher überhaupt, was Lieben und Geliebtwerden ist. Und allein, wer sich selber wagt in der Beziehung mit einem Menschen, in der Beziehung mit Gott, allein der oder die kann erfahren, dass die Liebe trägt. In einem Gedicht zur Versuchung Jesu bringt Andreas Knapp dies eindringlich zur Sprache:

 

„Es gibt keine Liebesbeweise

und Gnade ist nicht nachprüfbar

in Experimenten mit dem freien Fall

Wirst du jedoch schon mitten im Absturz

wie von unsichtbarer Hand noch einmal aufgefangen

dann glaube an das Wunder der Liebe“[1]

 

„[M]itten im Absturz / wie von unsichtbarer Hand noch einmal aufgefangen“ – diese Erfahrung radikalisiert sich im Sterben und Auferstehen Jesu. Auf Ostern zugehen bedeutet, immer mehr an das Wunder der Liebe zu glauben. Wer mehr und mehr aus der Liebe lebt, dessen Dasein gewinnt einen österlichen Glanz. In ihm spiegelt sich das Antlitz Gottes wieder.

Ich möchte in dieser Eucharistiefeier darum beten, dass uns die österliche Bußzeit verhilft, zu erlösten, österlichen Menschen zu werden.


 


[1] Andreas Knapp, Weiter als der Horizont. Gedichte über alles hinaus, Regensburg 2002, 39.

 

 

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