Laudatio zum 65. Geburtstag von Univ.-Prof. Dr. Martin Hasitschka SJ
(Univ. - Prof. Dr. Jozef
Niewiadomski)
Immer wieder sieht ein Rabbi
einen Mann rennen. Eines Tages spricht er ihn an: “He Mann! Immer wenn
ich Sie erblicke, rennen Sie.Wo rennen Sie denn hin?Wem rennen Sie
denn nach?” Ganz außerAtemantwortet derMann: “Ich renne der Zukunft
entgegen. Ich renne der Karriere nach, dem Geld, der Top-Position -
diese werden ja immer rarer. Ich renne dem Glück nach!” “Ja - sagt der
Rabbi - und was ist, wenn dasGlück hinter Ihnen ist. Dann rennen Sie
ständig dem Glück davon. Schauen Sie sich doch einmal um. Blicken Sie
zurück auf das, was hinter Ihnen ist!” Meine Damen und Herren, sollten
Sie schon einmal auf der Innpromenade den vorbeiflitzenden Kollegen
Martin Hasitschka gesehen haben, sollte er Ihnen beimBergsteigen
begegnet sein, oder aber beim Langlaufen, bei einer Skitour, oder gar
im Universitätssportinstitut beim Schwimmen, so wäre es nicht ganz
abwegig gewesen, wenn Sie ähnlich reagiert hätten wie der Rabbi:
“Martin, wo rennst du denn hin? Wem rennst du nach?” Der Anblick eines
Mannes, der noch schnell vor dem Sonnenaufgang die Serles, oder gar
den Habicht gleichsam en passant mitgenommen hat, um am späteren
Vormittag im Vorlesungshörsaal zu sitzen - “Jugendsünde” - nennt er
das heute - dieser Anblick verleitet dazu, in ihm den typisch modernen
Menschen zu erblicken, einen Menschen, der seinen Zielen nachrennt und
dem Glück nachjagt, weil er Angst hat, etwas zu verpassen. Vor mehr
als 25 Jahren bin auch ich einmal Langlaufen gegangen - das hat mir
auch gereicht - auf die Olympialoipe in Seefeld. Martin rannte los,
ich ihm japsend und keuchend nach. Immer und immer wieder drehte sich
Martin um und fragte: “Geht's noch?” Im Psalm 23: “Der Herr ist mein
Hirte” heißt es: “Ich fürchte kein Unheil, denn Du bist bei mir”...
und dann gewissermaßen als Folge dieses Vertrauens: “Lauter Güte und
Huld werden mir folgen mein Leben lang!” Man könnte es auch
übersetzen: Gnade und Glück werden mich verfolgen mein Leben lang,
wenn der Herr mein Hirte ist. Lieber Martin, obwohl du in Sachen
Sport geradezu süchtiges Verhalten an den Tag legst, rennst du nicht
irgendeinem modernen Ziel nach, du rennst weder dem Geld nach, noch
der Topposition. Die 65 Jahre deines Lebens können auch schwerlich mit
dem Prädikat “modern” qualifiziert werden. Du schautest ja immer
zurück auf das, was hinter dir ist und entdecktest immer neu,
dass Gnade und Huld dich dein Leben lang verfolgten.
Schon zu Hause musste der älteste Sohn zurückschauen auf jene
Geschwister, die hinter ihm kamen. Sieben an der Zahl - wie die sieben
Kühe imTraumdes biblischen Josefs.Ob es fette oder magere waren, das
vermag der Laudator nicht zu beurteilen. Übrigens: Wussten Sie, was
das Wesenselement des Lobes ist? Laudatio ist ja ein Lob. “Ein
Wesenselement des Lobes ist das Erhöhen, d.h. im Loben bin ich ganz
auf den gerichtet, den ich lobe, blicke von mir weg, gebe ihm Raum in
mir, verehre und bewundere ihn” - so Martin Hasitschka in einem
Beitrag zum Thema: “Das Gotteslob als Grundhaltung des Glaubens”.
Seine Lobdefinition zielt freilich auf Gott hin: “Anlass und
Gegenstand des Lobes ist im Grunde immer ein einziger: Gott (aber) in
seinem vielfältigen Handeln am Menschen.” “Also lasst uns loben -
Schwestern und Brüder -, lasst uns loben immer loben Gott den Herrn,
der ihn erhoben und so wunderbar erwählt”, ihn den Steirer Buben (die
Familie war ja aus Wien kriegsbedingt in die Steiermark gezogen), den
Buben, dessen Kindheit durch das Ministrantenglück geprägt war, dermit
vierzehn nach Graz ging, in die Welt der Technik eintauchte,
Maschinenbau lernte, mit dem Studium an der Technischen Hochschule in
Graz begann und mit Jesuiten in Verbindung kam. “Marianische
Kongregation”: Das war der Beginn der Lebensgeschichte des zukünftigen
Jesuiten.
1964 trat er in das Noviziat in St. Andrä im Lavanttal ein, erlebte
einen begnadeten Novizenmeister P. Josef Müllner, der später auch
ganze
Generationen von Canisianern als Spiritual begleitete. In den Orden
eingetreten konnte der Physikliebhaber seine Hände nicht lassen von
den physikalischen Formeln. Deswegen legte er die Blätter aus
Physikbüchern in das Liber Manualis: jenes dicke Buch, das mit Neumen
gefüllt ist und dem gregorianischen Chorgesang ein unentbehrlicher
Begleiter war, inzwischen aber nur den älteren unter uns noch ein
Begriff
bleibt. Nein! Chorgesang mochte er nicht, repetierte deswegen während
der Lobgesänge der Novizen Physik und lernte auch Griechisch. Ob
das der Grund ist, dass er später einen Aufsatz schrieb: “Das
gespaltene Ich in Röm 7,25b”? Schon im Noviziat begann also die andere
Sucht: Immer und immer wieder in der Bibel zu lesen. Kein Wunder, dass
der Student sich im Studium auf die Bibel konzentrierte. “Mit Furcht
und Zittern” gab er seine Dissertation im Jahre 1975 bei P. Nikolaus
Kehl ab. “Traditionsgeschichtliche Einordnung der synoptischen
Berichte von der Versuchung Jesu”. “Mit Furcht und Zittern”, weil man
- so OriginaltonM.H. - “weil man nie so recht wusste, was P. Kehl
dachte”. Das Doktoratsstudium stellte einen “sehr einsamen Weg” dar.
Da blickte der Doktorand oft auf jene zurück, die irgendwo hängen
geblieben sind: in den vielen Gletscherspalten der wissenschaftlichen
Bergtour zu den Gipfeln. “Gnade und Huld werden dich verfolgen dein
Leben lang!” Das Zurückblicken und das Nichtübersehen jener, die
hinter dir stehen, wurde dem späteren Professor fast zur
Lebensregel.Als
aufmerksamer Begleiter von Arbeiten zieht er Studierende geradezu an.
Zahlreiche DiplomandInnen, 18 fertige DissertantInnen und neun
angemeldete Doktoranden und unzählige Prüfungskandidaten erlebten und
erleben einen Professor, der nicht nur zurückblickt, sich nach ihnen
umschaut. Blicken die verunsicherten Studierenden selber zurück, so
entdecken sie hinter sich den hilfreichen Professor, der ihnen wie der
Inbegriff von Huld und Gnade folgt, ja sie geradezu verfolgt; ihr
ganzes Dissertanten-Leben lang; um ihnen zu helfen und sie auch
aufzufangen.
P. Müllner lud den jungen Doktoranden Hasitschka ins Canisianum ein:
eine Weichenstellung fürs Leben. Martin schlüpfte in alle möglichen
Rollen ein: “Stockpater” (nicht zu verwechseln mit P. Stock, den Sie
heute noch leibhaftig beim Festvortrag erleben werden), “Stockpater”,
der ständig zurückblicken muss, auf junge Seminaristen und
verunsicherte Doktoranden, der sie begleitet (nicht nur in die
Hausbar), ihnen
auch Exerzitienmeister ist. “Stockpater” und bald auch Assistent an
der Fakultät, wo er durch P. Stock die römische Atmosphäre lernen darf
(ich meine die Atmosphäre des Biblicums; Martin war ja nie als Student
in Rom). Mit dem Habilitationsprojekt erwacht die Liebe zu Johannes
auf eine kaum mehr zu übertreffende Art und Weise. “Befreiung von
Sünde nach dem Johannesevangelium.
Eine bibeltheologische Untersuchung”- lautet der Titel seiner
Habilitation, “Bibeltheologie - so Originalton M.H. - ist einerseits
nicht von der Exegese (und ihren Methoden) zu trennen, erfordert aber
anderseits ein spezifisches hermeneutisches Bewusstsein. Hilfreich
scheint mit dabei die klassische Lehre vom mehrfachen Sinn der
Schrift. ... Der sensus litteralis, der Blick auf das, was sich damals
(insbesondere imWirken des irdischen Jesus) ereignet hat, und der
Blick auf die Art, wie es die biblischen Autoren darstellen, führt zum
sensus spiritualis,,
wenn die Leser der Bibel zum personalen Glauben motiviert werden, zum
Lieben und Hoffen. Der sensus litteralis ist Fundament der
Bibeltheologie. Ihr Forschungsziel ist verknüpft mit der Erfassung des
sensus spiritualis.” Der Dozent für neutestamentliche
Bibelwissenschaft
rannte nicht der Karriere des Wissenschaftlers nach, ja er hat nicht
einmal an eine Karriere gedacht. Schleifende Übergänge prägen seinen
Lebensweg; Fügungen, bei denen er sich geführt weiß, auf einem guten
Weg, auf dem Gnade und Huld ihn verfolgen. So verfolgte ihn auch ein
Ruf nach Linz, den der damalige Provinzial P. Komma abgewehrt hat, der
aber Martin den Weg in Innsbruck bahnen sollte. Seit 1993 Professor,
schauteMartin wieder zurück: auf seine Kollegen Oberforcher und Huber
und stellte es so an, dass sie gemeinsamagierten, auch das Institut
leiteten und den Bereich des Neuen Testaments abdeckten. Freilich
mussten und müssen die Kollegen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
“zwischen den Zeilen” hören, bei einem Chef, der sich entschuldigt
dafür, dass er der Chef ist und der sich abmeldet, wenn er geht.
Freilich kann auch er hartnäckig sein, er haut auf den Tisch, wenn
auch “ganz sanft”. Ist das der Grund dafür, dass das gewaltfreie Lamm
der Apokalypse aus dem Deckenfresko des Dekanatssitzungssaals die
Einladung zu dieser Feier ziert? “Offenbarung des Johannes” ist dem
Johannesspezialisten zum Steckenpferd geworden. Kirchenbild der
Apokalypse, Bedrängnis der Gemeinde, Bedrängnis der Jüngerinnen und
Jünger (auch autobiographisch fokussiert), v.a. aber Christologie: die
Lammmetaphorik, die der Neutestamentler
konträr zum Main-Stream in der Forschung auf den Gottesknecht bezieht
und nicht auf das Paschalamm. Seine synchrone Betrachtung des Textes
hat etwas Revolutionäres an sich, seine “unkonventionellen Zugänge”
trägt er unter die Leute, nicht nur unter die Studierenden (die zur
Vorlesung kommen, obwohl sie über ein genuines Manuskript des Vortrags
verfügen: die Zahl der Skripten von Koll. Hasitschka ist ja inzwischen
Legion). Er geht mit seinen Ideen zu internationalen Kongressen und
lässt Innsbruck in der Szene der international scientific community
präsent werden. Die Organisatoren der Feier haben mir die Rolle des
Laudator zugedacht, und was das für P. Hasitschka bedeuten kann, das
habe ich schon durch ein Zitat des zu Lobenden vergegenwärtigt. Es
heißt zuerst: Lob Gottes. Gott zu loben, dass
er diesen Menschen begleitet, mit ihm ist - als guter Hirt -, dass
Gnade und Huld ihm folgen. Lieber Martin, was Gnade konkret heißen
kann,
das hast du auch erfahren, als du in derWelt der Schatten leben
musstest, als dein Augenlicht zu erlöschen drohte. “Muss ich auch
wandern durch das Tal des Todesschattens...” - die Erfahrung, wie
zerbrechlich das Leben ist, ist dir zuteil geworden. Heute sprichst du
vom kleinen Wunder, dass man so was, wie das Augenlicht retten kann.
Du sprichst vom kleinen Wunder der Medizin und wünschst dir zu deinem
65-er, dass das Augenlicht ausreichen möge für die Zeit, die dir
zugedacht ist. Es möge dir ausreichen, damit du in den schwierigen
Entscheidungssituationen ... - wenn du etwa in der Bar stehend mit
vier verschiedenen Biersorten konfrontiert, minutenlang Etiketten
studierst, weil du dich nicht entscheiden kannst, welches du trinken
sollst - das Licht möge dir erhalten bleiben, damit du in schwierigen
Entscheidungssituationen, in deinem “Nestle-Aland” lesen kannst (auch
wenn du es auswendig kennst). Das Augenlicht möge dir erhalten
bleiben, damit du jene siehst, um die du dich kümmerst, deine
Schülerinnen und Schüler. Die Hörerinnen bei den unzähligen Vorträgen,
die
Freundinnen und Freunde. Es möge dir erhalten bleiben, damit du die
Berge siehst und die Gletscher, die “nicht mehr so weiß sind”, wie zur
Zeit deiner “Jugendsünden”. Es möge dir erhalten bleiben, damit du
auch P. Stock siehst, mit dem du spartanisch unterwegs bist (das
Spartanische liegt am Römer Stock, nicht am Innsbrucker Hasitschka).
Es möge dir erhalten bleiben, damit du möglichst lange nach
Antworten suchen kannst auf die Frage, die Jesus dem Exegeten und
Bibeltheologen stellt: “Für wen halten die Menschen den Menschensohn?
Für wen hältst du mich?” Derjenige, der schon Schwierigkeiten hat,
zwischen vier Biersorten zu wählen, kann diese einfache Frage nicht
wie Petrus mit einem Satz beantworten. So würde er sagen - wiederum
Originalton M.H. -: “Meine Christusvorstellung lässt sich schwer in
eine ?Kurzformel' bringen. Sie verändert sich und wächst. Das hängt
auch zusammen mit den Veränderungen in meiner Lebenssituation. ...
Außerdem: Die Frage nach Christus ist für mich zutiefst verbunden mit
der Gottesfrage. Mit dem Gedanken vom Deus semper maior verbindet sich
für mich Christus semper maior. Deswegen: schon vom irdischen Jesus
würde ich sagen:
viele biblische Vorstellungen und Hoheitsbezeichnungen treffen auf ihn
zu. In der Frage nach Jesus Christus helfen mir zurzeit vier
Aussagen. Erkenntnis der Herrlichkeit (doxa) Gottes auf dem Antlitz
Christi. Christus ist ? das Bild/die Ikone' des unsichtbaren
Gottes. Er hat
Kunde gebracht von Gott (exogeomai) - Jesus ist der Exeget Gottes.
Und: der Auferstandene ist `mit uns'. Damit verbunden (unvermischt und
ungetrennt) die Vorstellung: Gott selbst ist `mit
uns'.” Wenn Sie - meine Damen und Herren - mehr wissen wollen, wie
Koll. Hasitschka die simple Frage von Jesus beantwortet, besuchen Sie
eine Vorlesung von ihm. Lieber Martin: Gnade und Huld haben dich in
deinem Leben verfolgt. Mögen sie dich weiterhin verfolgen. Dein Leben
lang!
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