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(1) Das Damaskusereignis
Die Christusbegegnung vor Damaskus löst eine Wende im
Leben des Pharisäers Paulus aus. In der Apostelgeschichte
wird das
Damaskusereignis dreimal dargestellt (Apg 9,1-30; 22,1-21; 26,1-23). Anklänge
daran finden wir auch in den Briefen des Paulus (1 Kor
9,1; 15,8- 10; Gal 1,13-17; Phil 3,4-14). Von jetzt an
bildet Jesus, der Auferstandene das Zentrum seines
Denkens und Handelns. Seine gesamte
Theologie wurzelt im Damaskusereignis und in weiteren
Christusbegegnungen (Apg 22,17-21; 23,10-11 und Apg
18,9-10). Die Theologie des
Paulus ist eng verknüpft mit seiner Biographie.
(2) Der Osterglaube
Ausgangspunkt für die Verkündigung und Theologie des
Paulus ist der Osterglaube: Gott hat Jesus, den
Gekreuzigten, von den Toten auferweckt. Paulus stützt
sich dabei auf eigene Erfahrung (Damaskuserlebnis) sowie
auf das überlieferte Glaubensbekenntnis (z. B. 1 Thess
4,14; Röm 4,25; 1 Kor 15,3-7). Für Paulus ist damit eine
grundlegende Neubewertung der Person Jesu verbunden (vgl.
2 Kor 5,16b). Mußte er vor dem Damaskuserlebnis
überzeugt gewesen sein, daß ein Gekreuzigter nicht der
Messias sein kann, und mußte auch für ihn die
Verkündigung eines Gekreuzigten (= eines von Gott
Verfluchten: Gal 3,13) ein „Ärgernis“ gewesen sein (1 Kor
1,23), so gelangt er jetzt zu einem neuen Verständnis
von Jesus: In ihm gibt Gott uns den größten Erweis
seiner Liebe. Im Osterbekenntnis sind bereits die
zentralen
Themen der paulinischen Theologie enthalten: das
gewandelte Gottesbild und das neue Christusverständnis.
(3) Das Gottesbild
Der Gott, für den Paulus sich auch vor dem
Damaskuserlebnis eingesetzt hat (als „Eiferer“, vgl. Gal
1,14; Phil 3,6) und in dessen Namen er
die Christen verfolgte, ist im Grunde der „Vater“ Jesu.
Dem korrespondiert der Gedanke der Gottessohnschaft Jesu
(z. B. 1 Thess 1,10; Röm
1,3-4).
(4) Die Christusverkündigung
Die Christusverkündigung des Paulus konzentriert sich auf
das Ereignis von Kreuz und Auferweckung Jesu. Für Paulus
ist der irdische
Jesus nicht unwichtig, aber sein primäres Interesse gilt
der Interpretation der Lebenshingabe Jesu, in der die
Gesamtintention
seines Lebens undWirkens letzten Ausdruck findet, und
seiner Auferweckung durch Gott.
Was das Wirken und die Verkündigung des irdischen
Jesus betrifft, so erwähnt Paulus nur wenige Einzelheiten
(z. B. die Abendmahlsworte [1
Kor 11,23-25], Jesu Gebot der Nächstenliebe [Gal 5,14;
Röm 13,8-10], das Thema Feindesliebe [Röm 12,18-21]),
sondern nur die „Eckdaten“: die Menschwerdung (Gal 4,4)
und den Kreuzestod. Von der Geburt bis zum
Kreuzestod hat das irdische Wirken Jesu zum
Ziel, Menschen von einer Knechtschaft (Sünde, Gesetz) zu
befreien und ihnen eine neue Gottesbeziehung, eine neue
Zugehörigkeit zu
Gott zu vermitteln (Gal 4,4-5). Zugleich erweist Gott uns
in Jesus, dem Gekreuzigten, seine „Gerechtigkeit“ (Röm
1,16-17;
3,21-26) und Liebe (Röm5,8), seine Bereitschaft, uns
alles zu schenken (Röm 8,32).
Die Auferstehungshoffnung ist für Paulus, den Pharisäer,
nicht neu (vgl. Apg 23,6-8). Das Neue ist aber: In der
Auferweckung Jesu hat sich der Anfang der endzeitlichen
Auferweckung der Toten ereignet (vgl. Röm 8,29).
Durch seineAuferweckung und Erhöhung erlangt Jesus
neue Herrschaftsfunktion (z. B. 1 Kor 15,23-28; Röm
1,3-4). Als Erhöhter ist er auch bleibend für die
Glaubenden tätig (z. B. Röm 8,34: Er tritt für sie ein).
Die Christusverkündigung des Paulus ist weiter
gekennzeichnet durch den Gedanken der Präexistenz (Phil
2,6; Gal 4,4; Kol 1,15-18a) und insbesondere durch die
Parusieerwartung (1 Thess, 1 Kor, Phil, Röm). Durch die
Nähe der Parusie bekommt christliches Leben im Sinne
des Paulus besondere Intensität (vgl. 1 Kor 7,29: die
Zeit ist zusammengedrängt) und Hoffnungsqualität (1 Kor
16,22: „marana tha“).
(5) Christsein
Das Christsein ist nach Paulus geprägt von der
Überzeugung, dass der Vater Jesu auch unser Vater ist
(z.B. 1 Thess 1,1.3; Gal 4,6; Röm 8,15) und dass jene,
die sich Christus anschließen, die Sohnschaft erlangen.
Die Verbundenheit der Glaubenden mit Christus
beschreibt Paulus besonders mit Hilfe der Präpositionen
„in“ und „mit“ („in“ Christus sein, „mit“ ihm leiden und
„mit“ ihm leben). Christ sein ist
auch gekennzeichnet durch das Geschenk des Geistes (Gal
4,6; Röm 8,15) als der „Erstlingsgabe“ des endgültigen
Heiles (Röm 8,23). Die Gabe des Geistes konkretisiert
sich auch in den „Charismen“, die zum Aufbau der
Gemeinde dienen (1 Kor 12-14). Spezielles Bild für
christliche Gemeinde ist das Bild vom „Leib“ (1 Kor 12).
Christliches Leben ist nach Paulus besonders
charakterisiert durch die Trias von Glaube,
Hoffnung und Liebe (1 Thess 1,3; 1 Kor 13,13). Reiche
theologische Entfaltung dieser drei Begriffe bietet der
Römerbrief. In die durch den
Ausdruck „Gerechtigkeit“ bezeichnete Wirklichkeit der
rechten und heilen Gemeinschaft
mit Gott gelangt der Mensch nicht
durch eigenes
Verdienst (Gesetzeswerke), sondern durch den Glauben an
Christus. Vorbild für den Glaubenden
ist Abraham. Die Liebe (agapē) ist nach dem
Römerbrief vor allem die Liebe Gottes, die er uns in
Christus erweist (Röm5,8; 8,31-39), aber auch die
mitmenschliche Liebe (Röm 13,8-10; vgl. Gal 5,6.14). Weil
Gott in Jesus einen einzigartigen Erweis seiner Liebe zu
uns gibt, haben wir auch Grund zu unerschütterlicher
Hoffnung, in die wir auch die ganze Schöpfung einbeziehen
dürfen (Röm 5,1-5; 8,18-25). Die erhoffte „Herrlichkeit“
versteht Paulus als Heilswirklichkeit im Sinne
einer personalen Beziehung. Sie fällt sachlich zusammen
mit dem erhofften Kommen / Wiederkommen (parousia) Jesu.
(6) Paulus und die synoptischen Evangelien
Paulus, der den irdischen Jesus nicht (oder nicht so)
kennt wie die Jünger, die Jesus nachgefolgt sind, dem
jedoch der erhöhte Herr (kyrios)
begegnet ist (Damaskus), verkündet im Grunde denselben
Christus wie die Synoptiker (Mt, Mk, Lk). Sein Interesse
richtet sich jedoch nicht so
sehr auf das Leben und Wirken des irdischen Jesus (wer er
war), sondern auf seine jetzige Rolle als Erhöhter (wer
er ist und was die
Glaubenden an ihm haben).
Wesentliche Begriffe und Vorstellungen bei Paulus
lassen einen Vergleich mit den Synoptikern zu: Das
Vaterverständnis, die
Sohnesbezeichnung, die Begriffe Evangelium und Glaube,
die Erwartung des Kommens / Wiederkommens (parousia)
Jesu. Auch der
Begriff „Gerechtigkeit“ ist den Evangelien nicht fremd (Mt
5,6.10; 6,33). Was die Evangelien unter der Nachfolge
Jesu verstehen, kommt bei
Paulus zur Sprache in der Vorstellung vom Sein „in“ und
„mit“ Christus.
(7) Theologie in Hymnen
Zu den charakteristischen Merkmalen der Paulusbriefe
zählen auch kunstvoll aufgebaute Texte, die vom Lobpreis
auf Gott erfüllt sind (z. B.
Röm 8,31-39; 16,25-27), und die Darstellung des
Christusereignisses in hymnischer Form (z. B. Phil
2,5-11; Kol 1,12-20).
Ausgewähltes Beispiel: Der Christushymnus im
Philipperbrief (Phil 2,6-11) Der Hymnus ist eingebettet
in den Abschnitt Phil
1,27-2,18 (Ermutigung der Gemeinde) und motiviert zu
einem an Jesus und seiner Gesinnung orientierten Denken
und Handeln. Die Aussagen des Hymnus sind paarweise
zusammengestellt und lassen sich in zwei Hauptabschnitte
gliedern:
(a) freiwillige Entäußerung und Erniedrigung des
Gottgleichen (Phil 2,6-8), (b) Erhöhung durch Gott und
freiwillige universale Huldigung (Phil
2,9-11). Diese Huldigung und Verehrung ist so, wie sie im
Alten Testament Gott selbst erwiesen wird (Jes 45,23).
Der von den Toten auferweckte und „über alle Maßen
erhöhte“ Jesus hat Anteil an der Hoheit und rettenden
Macht Gottes. Der Hymnus in wortgetreuer Übersetzung:
„5 Dies denkt unter euch, was auch in (en) Christus Jesus
(ihr denkt),
6 der in der Gestalt (morphe) Gottes seiend nicht für
Raub (oder: Entrückung) hielt das Gott-gleich-Sein,
7 sondern sich entäußerte (kenoo), die Gestalt (morphe)
eines Sklaven annehmend. In Gleichheit der Menschen
geworden
und dem Aussehen nach erschienen als
Mensch,
8 erniedrigte er sich, gehorsam geworden bis zum Tod, zum
Tod aber des Kreuzes.
9 Deshalb auch erhöhte ihn Gott über alle Maßen (hyperypso)
und schenkte ihm den Namen, den über jeden Namen
(hinaus),
10 damit im Namen Jesu jedes Knie sich beuge (vgl. Jes
45,23), der Himmlischen und der Irdischen und der
Unterirdischen,
11 und jede Zunge bekenne: Herr (ist) Jesus Christus,
zur Ehre Gottes, des Vaters.“
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