|
Logik des Herzens
Nach Blaise Pascal (1623-1662)[1] gibt es nur zwei Arten Menschen, die man
vernünftig nennen kann: „die, die Gott von ganzem Herzen
dienen, weil sie ihn kennen, und die, die ihn von ganzem Herzen suchen,
weil sie ihn nicht kennen.“ (Fr 194) Pascal ordnet den Glauben
dem Herzen zu: „Dieser Art ist der Glaube, den Gott in das Herz senkt, und
dazu ist der Beweis oft das Mittel, fides ex auditu; dieser
Glaube aber wohnt im Herzen, er sagt nicht scio, sondern credo.“ (Fr 248)
Nach Blaise Pascal befindet sich das „Herz“ in der Mitte, es verbindet
Füße und Gehirn, Leidenschaft und Vernunft, Größe und Elend, Körper und
Seele, Ich und Du usw. Er kennt eine eigene Logik des Herzens: „Das Herz
hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt.“ (Fr 277) „Es ist das
Herz, das Gott spürt, und nicht die Vernunft. Das ist der Glaube: Gott
spürbar im Herzen und nicht der Vernunft.“ (Fr 278) „Wir erkennen die
Wahrheit nicht nur durch die Vernunft, sondern auch durch das Herz.“ (Fr
282) Dabei war Pascal ein so berühmter Mathematiker, dass auch heutige
Schüler bzw. Schülerinnen nicht an ihm vorbeikommen. Wie wichtig er für
die Wissenschaft wurde, lässt sich daran erkennen, dass sie ohne
Grundlagen der Wahrscheinlichkeit
und ohne Pascalsches Dreieck schwerlich auskommt. Nicht unerwähnt sei,
dass er 1642 eine erste Rechenmaschine erfand. 1654 jedoch ändert sich
schlagartig das Verhalten von Pascal, nachzulesen im Buch unter „Das
Memorial“: „FEUER. Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der
Philosophen und Gelehrten. Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude,
Friede. Gott Jesu Christi. Deum meum et Deum vestrum.“[2] Blaise Pascal
ist also wichtig für die Mathematik, mehr noch durch die Tatsache, dass er
das „Herz“ in die Mitte gerückt hat. Der
Mensch ist mehr als eine Maschine. Es sind nicht nur Zahlen, die
entscheidend sind. - Und damit hat Pascal eine wichtige Botschaft für
die gegenwärtige Gesellschaft. Als Vermittlungsmedium zwischen den sich
ausdifferenzierten Teilsystemen der Gesellschaft
dienen immer seltener sprachliche Codes oder personale Kategorien.
Diskursfähig werden Gesellschaft wie Kirche basal tangierende
Themen erst über Kennziffern, Benchmarks und Rankings. Die in der Moderne
notwendig gewordene generelle Übersetzung von
Wirklichkeit in Zahlen, macht es aber unwahrscheinlich, dass alle
Dimensionen von Wirklichkeit gleichermaßen kommuniziert werden.
Das gilt für den Sport ebenso wie für Katastrophen und auch für die Kirche
mit Seelsorge und Caritas. Etwas wird bedeutend,
wenn es im Ranking weit oben steht. „Wie viele?“ steht vor dem „Wer?“
Teilweise sind dabei menschliche Zuwendung, Herzlichkeit
und Barmherzigkeit noch einmal eingeordnet in Bürokratie, in die
technologische Vernunft, in ökonomische Gesetze von Konsum, Kauf
und Verkauf. Eine rein auf Funktionalität basierende Welt lässt den
einzelnen Menschen den Kältetod sterben. Computer haben
keine Seele, kein Herz. Logik und Mathematik können Totes festhalten,
nicht aber Lebendiges verstehen. Die Logik des Herzens
überwindet die Eindimensionalität ökonomischer und mathematischer
Rationalität.
Herz als Realsymbol
Einer Anregung Hugo Rahners ist es zu danken, die von Karl Rahner im
Kontext der Herz- Jesu-Verehrung entfaltete Theologie des Symbols in ihrer
Bedeutung für das Gesamtwerk Karl Rahners zu sehen.[3] Für Karl Rahner ist
„Herz“ im Gegensatz zu bloßen Gebrauchsworten ein Urwort, in dem das Ganze
des menschlichen Daseins in Einheit vor der Trennung von Leib und Seele,
Außen und Innen, Denken und Tun, Sein und Erscheinung, Wahrheit und
Manifestation zum Ausdruck kommt.[4] Das menschliche Seiende ist notwendig
symbolisch, d.h. es drückt sich notwendig aus, um zu sich selbst zu
finden.[5] Der symbolische Ausdruck vermittelt das Seiende zu sich selbst.
Im Unterschied zu
bloßen Vertretungssymbolen (Chiffren, Signalen) ist ein Realsymbol die
höchste und ursprünglichste Weise der Repräsentanz. - Im Herz als
Realsymbol drückt sich aber der Mensch nicht bloß aus, er vermittelt sich
im Ausdruck nicht bloß zu sich selbst, sondern im Herz überschreitet der
Mensch seine eigenen Grenzen, er wird geöffnet auf den nicht mehr
aussagbaren Grund Gottes hin. Es ist der „Punkt, an dem das Geheimnis des
Menschen übergeht in das Geheimnis Gottes“.[6] Das Herz ist im Menschen
die Kreuzung zwischen Horizontale und Vertikale.[7] – Das „Herz- Jesu“ –
besonders das durchbohrte Herz - ist das sakramentale Symbol der sich
selbst mitteilenden
Liebe Gottes, die Grund und Geheimnis des menschlichen Daseins ist. Die
Kirche stammt aus diesem Herzen („Ex corde scisso Ecclesia Christo ingata
nascitur“).[8]
Das Herz als Mitte
Das Herz ist die Mitte, aber nicht im Sinne eines bloßen Punktes, sondern
im Sinne einer existentiellen Beziehung. „Wenn einer Vorsteher
wird, müssen alle nötigen Dinge da sein, ein Lehrhaus und Zimmer und
Tische und Stühle, und einer wird Verwalter, und einer wird Diener und so
fort. Und dann kommt der böse Widersacher und reißt das innerste Pünktlein
heraus, aber alles andere bleibt wie zuvor, und das Rad dreht sich weiter,
nur das innerste Pünktlein fehlt. Der Rabbi hob die Stimme: Aber Gott
helfe uns, man darf ʼs nicht geschehen lassen!“ (Rabbi Jizchak Meir)[9]
Gott selbst ist diese innerste Mitte des Menschen. Er ist dem Menschen
näher als dieser sich selbst nahe sein kann. Das Herz
ist nach Karl Rahner der „Punkt, an dem das Geheimnis des Menschen
übergeht in das Geheimnis Gottes“. Das Herz ist im Menschen
die Kreuzung zwischen Horizontale und Vertikale. Große Heilige haben das
so ausgedrückt: „Gott und die Seele“ (Augustinus)[10],
„Gott allein genügt“ (Theresia von Avila)[11] Die gegenwärtige
gesellschaftliche und kirchliche Situation ist von einer schleichenden
Gottvergessenheit geprägt, auch unter aktiven, engagierten Katholiken,
Theologen und Priester sind da nicht ausgenommen. Es kann
zu einer leisen Verdunstung unserer personalen Gottesbeziehung kommen.
Geistliches Leben und Gebet ist nicht selbstverständlich,
was man bei allen sowieso voraussetzen kann. Es gibt vielfältige Formen
der Verweigerung, der Abstumpfung und der Flucht. Theologisch sehe ich die
Schwierigkeit, dass die konkrete, personale Gottesbeziehung aufgesogen
wird von der Idealität und Abstraktion.
Dem Problem des konkreten Gottesbewusstsein kommen wir nicht durch
Abstraktion (Gott als Idee oder Postulat, zu dem man
nicht beten kann), nicht durch Reduktion (Selbst, Gerechtigkeit,
Intersubjektivität, Kosmos, Harmonie...) und auch nicht durch
Regression bei. Auch eine rein negative Theologie, die von fernöstlichen
Traditionen ihr Kriterium bezieht, wird der Frage der personalen
Gottesbeziehung nicht gerecht. Geistliches Leben braucht den Mut, ein
Einzelner zu sein. Ohne den Mut zur Stille, ohne positiv gelebte
Einsamkeit ist das nicht möglich. Pascal ist der Meinung, „dass alles
Unglück der Menschen einem entstammt, nämlich dass sie unfähig sind, in
Ruhe allein in ihrem Zimmer bleiben zu können.“[12] Eine positive Kultur
der Einsamkeit ist Voraussetzung für jede schöpferische, geistige und
geistliche Tätigkeit. „Es gibt keine freie Gesellschaft ohne Stille, ohne
einen inneren und äußeren Bereich der Einsamkeit, in dem
sich Freiheit entfalten kann.“[13] Einsamkeit kann der Indikator für die
unverwechselbare Freiheit des Einzelnen sein und zum Ort der
Selbsterkenntnis werden, an der kein geistlicher Weg vorbeiführt. „Bete,
dass deine Einsamkeit der Stachel werde, etwas zu finden,
wofür du leben kannst, und groß genug, um dafür zu sterben.“[14]
Leidenschaft und Gelassenheit
Die Botschaft vom Reich Gottes wird von Jesus als faszinierend, packend,
anziehend erzählt. „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der
in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder
ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den
Acker. Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne
Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte
er alles, was er besaß und kaufte sie.“ (Mt 13,44-46) Die Heiligen waren
samt und sonders leidenschaftliche Gottsucher:
Augustinus spricht vom unruhigen Herzen, das ruhelos ist, bis es in Gott
ruht, und selbst beim nüchternen Philosophen Hegel lesen wir,
„dass nichts Großes in der Welt ohne Leidenschaft vollbracht worden
ist.“[15] Die Sehnsucht nach dem Glück in Gott, die Freude am
Reich Gottes muss durch den Schmelztiegel der Armut, des Lassens: „Selig,
die arm sind vor Gott.“ (Mt 5,3) Die Nachfolge Jesu ist verbunden
mit dem Loslassen und Verlassen von Eltern, Frau, Kindern, Beruf und
Besitz (Mt 4,18-22par; Mt 16,24- 28par; Lk 14,25-27). Eine
christologisch-pneumatologische Synthese verbindet die menschliche
Sehnsucht und den Eros (desiderium, amor-appetitus) mit selbstvergessenem
Dienst und Gelassenheit[ 16]. Ohne Leidenschaft, ohne liebende Hinwendung,
ohne Eros für Gott zerfällt Nachfolge in asketische Peitschenknallerei, in
Moralismus oder Idealismus. Liebe ist ja nicht zuerst finstere
Pflichterfüllung oder geplagte Sorge und Fürsorge. Zuerst ist die
Faszination und Selbstvergessenheit der Liebe hingerissenes Lob, feiernde
Rühmung, Entzückung
und das Glück des Festes. Diese Freude, diesen Eros, diese Faszination
gilt es in seiner Dynamik in aktive Indifferenz, in das gelassene Tun, in
die dienende Bereitschaft, in liebende Aufmerksamkeit, in Sich-Anvertrauen
und in Kontemplation einzubergen. In dieser Synthese wird die monologische
Struktur des Eros und der Sehnsucht aufgebrochen. Im Eros steckt ja auch
die Versuchung wie der Gebrauch des anderen
zur eigenen Befriedigung, die Vergewaltigung des anderen, die Ausbeutung
für das eigene Vergnügen oder auch die Degradierung zur
Ware. Der Eros kann sich selbst verfallen und zum Narzissmus verkommen. In
der Sehnsucht steckt die Versuchung zur Sucht. Die
leere Fixierung der Sehnsucht schlägt nach Kierkegaard in Schwermut, in
die Krankheit zum Tod um. So verlangt die christliche Tradition
die Läuterung des Eros, damit Achtung und Ehrfurcht vor der
Unverfügbarkeit des anderen ihn begleiten. Gefordert ist eine
Kultivierung, nicht jedoch ein rigoristisches Ausmerzen jeder Lust und
Freude. Die Indifferenz und Gelassenheit ist kein auflösendes,
resignierendes Geschehenlassen, keine reine Passivität. „Dies sei die
erste Regel im Tun: Vertraue so auf Gott, als hinge der gesamte Erfolg der
Dinge von dir, nicht von Gott ab; aber wende ihnen so alle Mühe zu, als
würdest du nichts und Gott alles allein tun.“ (Ignatius von Loyola)[17]
Die Sehnsucht nach Gott, der Eros für das Reich Gottes, die Leidenschaft
für die Seelsorge, aber auch die innere Freiheit sind gegenwärtig bei
vielen Priestern gefährdet durch einen Mangel an geistlicher Lebenskultur,
durch Überforderung und Resignation, durch Bürokratisierung. Einer der
ersten, der sich kritisch mit der Bürokratisierung der deutschsprachigen
Kirche auseinandergesetzt hat, war der im Februar 1945 von den Nazis
hingerichtete Jesuit Alfred Delp.[18] Die Verbürgerlichung und
Bürokratisierung führt zu einem Menschentyp, „vor dem selbst der Geist
Gottes, man möchte sagen, ratlos steht und keinen Eingang findet, weil
alles mit bürgerlichen Sicherheiten und Versicherungen
verstellt ist.“[19] Der Bürger ist für ihn „das ungeeignetste Organ des
Heiligen Geistes.“[ 20] Und deswegen müssen der bürgerliche
Lebensstil und die bürokratische Kirche unter das schöpferische und
heilende Gericht der Anrufung des Hl. Geistes gestellt werden.[
21] So kritisiert Delp massiv Selbstgenügsamkeit und Inzüchtigkeit im
kirchlichen Leben. Die amtliche Kirche ist in seinen
Weihnachtsbetrachtungen nicht an der Krippe zu finden. „Aber die
Amtsstuben! Und die verbeamteten Repräsentanten. Und diese
unerschütterlich – sicheren ‚Gläubigeʼ! Sie glauben an alles, an jede
Zeremonie und jeden Brauch, nur nicht an den lebendigen Gott.“[22]
Delp schreibt von einer neuen Leidenschaft, die sich aus der äußeren
Aufgabe und dem Wachstum des inneren Lichtes entzünden
muss: „Die Leidenschaft des Zeugnisses für den lebendigen Gott; denn den
habe ich kennen gelernt und gespürt. Dios solo basta, das
stimmt. Die Leidenschaft der Sendung zum Menschen, der lebensfähig und
lebenswillig gemacht werden soll.“[23] Und es sind adventliche
Gestalten, durch welche die Hoffnung wächst, die selbst Menschen der
Hoffnung und der Verheißung sind.[24]
Gib deinem Knecht ein hörendes Herz
„Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz.“ (1 Kön 3,9) Das ist die Bitte
des Salomo auf die Aufforderung Gottes nachts im Traum in Gibeon, eine
Bitte auszusprechen, die Gott ihm gewähren will. Das hörende Herz sieht er
als Voraussetzung dafür, das Volk zu regieren und das Gute vom Bösen
unterscheiden zu können. In den Weisungen der Wüstenväter ist die
Dimension des Sehens angesprochen: „Der Mönch muss sein wie die Cherubim
und Seraphim: ganz Auge!“[25] Allen bekannt ist der Satz des Kleinen
Prinzen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die
Augen unsichtbar.“ Beim hörenden Herz und beim sehenden Herzen geht es um
Aufmerksamkeit und Wahrnehmung.
Aufmerksamkeit weist einen Doppelcharakter auf: Aufmerksamsein bedeutet
einerseits eine Aktivität unserer selbst; Leistung unserer Freiheit. Wir
gehen über uns selbst hinaus in der Absicht, dass sich uns die Welt
erschließen soll. Diese Intentionalität suspendiert sich aber zugleich
selbst: „Das Hinausgehen über uns selbst geschieht in einem ursprünglichen
Erleiden; einer Liebe, die ein Gehorchen ist. Das in der Aufmerksamkeit
geschehende Uns-Überschreiten geschieht als eine Leistung und Anstrengung
unserer selbst, aber als eine „negative Anstrengung“, als ein „effort
negatif“[26]. Aufmerksamkeit bedeutet ein Warten auf das andere als das
Unverfügbare. Warten braucht
Zeit. „Zeit brauchen heißt: nichts vorwegnehmen können, alles erwarten
müssen, mit dem Eigenen vom andern abhängig sein.“[27] Aufmerksamkeit
geschieht in der harrenden Geduld. „In dieser Einwilligung in das Bedürfen
des anderen, deren Zeitigungssinn in
einem Leerwerden von den eigenen Vorgriffen liegt, werde ich aber bereit
für die Gabe, die im Ereignis des Sich-mir-Gebens des Anderen
als des Anderen liegt. Der Sinn von Sein zeigt sich als die Gabe des
‚Gebensʼ, das nur seine Gabe gibt, sich selbst jedoch in solchem
Geben verbirgt und entzieht.“[28] Im Empfangen der Gabe empfange ich
zugleich mich selbst als den, dem gegeben wird. Erst in der
Freigabe an das Ereignis der Gabe des anderen finde ich auch zu mir
selbst, darf ich in Wirklichkeit selbst sein.
Herz und Vernunft
Für Blaise Pascal und für Karl Rahner steht das Herz nicht für Unvernunft
oder Irrationalität. Im Gegenteil: Im Herzen bündelt sich die
Weisheit, die das Leben mit allen existentiellen Höhen und Tiefen auf Gott
hin ausrichten kann. Für eine geistliche Lebenskultur heißt
das: Der Seelsorger der Zukunft wird eine theologische Persönlichkeit
sein, d.h. eine theologische Urteilskraft haben, oder er wird nicht mehr
sein. Theologie ist denkerisch bewältigtes Leben im Angesicht Gottes. Es
wäre fatal, wenn Seelsorger ihr Selbstverständnis aus den gerade üblichen
Moden beziehen würden. Schon aus Selbstachtung des pastoralen Dienstes
darf der Stil der denkerischen Auseinandersetzung nicht von außen her
aufgezwungen werden. Das Feld ausschließlich den Humanwissenschaften zu
überlassen, käme einer Bankrotterklärung des
Glaubens und der Theologie gleich. Wichtig wäre, und das erwarten auch die
Menschen von Priestern und Pastoralassistenten, dass sie geistige und
geistliche Persönlichkeiten sind, deren Selbstbewusstsein aus der Wahrheit
Gottes kommt. Was ist damit gemeint? Für eine theologische Persönlichkeit[
29] steht die Frage nach Gott im Mittelpunkt des Nachdenkens. Sie ist von
Gott, der alle Wirklichkeit bestimmt, angerührt, ergriffen, ja fasziniert.
Dabei ist der Theologe ein Existenzdenker. In der Theologie ist die
einmalige Lebensgeschichte wieder zu erkennen und zu verantworten. Es wäre
fatal, wenn wichtige Lebensbereiche tabuisiert und ausgeklammert werden,
z. B. Leid, Schuld,
Krankheit oder Tod. Es geht um eine geistige und geistliche Sensibilität,
um die Teilnahme am Lebensdrama anderer, um das selbstlose
Sich-Hineindenken. Eine theologische Persönlichkeit sollte vorleben, dass
sie von der Gnade und vom Trost Gottes lebt.
„Cor ad cor loquitur“ (John Henry Newman)[30]
„Diese Spiritualität (in der Kirche der Zukunft) wird sich immer auf Jesus
Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen als letzte
siegreiche und irreversible Selbstzusage Gottes in geschichtlicher
Greifbarkeit an die Welt beziehen, wird Nachfolge Jesu sein und
von ihm und von der Konkretheit seines Lebens her eine Norm, ein inneres
Strukturprinzip empfangen, das sich nicht mehr in
eine theoretische Moral auflösen lässt; sie wird immer Annahme des
Todesschicksals Jesu sein, der sich in seinem Tod ohne
Rückversicherung und doch bedingungslos offen in den Abgrund der
Unbegreiflichkeit Gottes und seiner unberechenbaren Verfügungen
fallen ließ in dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe, dass man so und
nicht anders zur unendlichen Wahrheit, Freiheit und Seligkeit Gottes
selber gelangt.“[31] – Kann man wirklich einen Menschen lieben, der vor
2000 Jahren gelebt hat, der von uns durch den Graben der
Geschichte, durch den Unterschied der Kultur und durch geographische Räume
getrennt ist? Die Gefahr ist sicher groß, dass dieses
Verhältnis der Liebe sich in Moral auflöst oder zu einer bloßen Idee
verkümmert. Auch die Gefahr der Projektion ist nicht von der Hand
zu weisen. Weil Gott ein Gott der Lebenden und Jesus der von Gott
endgültig Gerettete, der Auferstandene ist und weil ein großer räumlicher
und zeitlicher Abstand für Menschen, die lieben wollen, keine
Unmöglichkeit für die Liebe bedeutet, können wir uns auf Jesus absolut in
bedingungsloser Liebe einlassen und ihm vertrauen. Weil der räumliche und
zeitliche Abstand eingebunden ist in den fundamentaleren Unterschied
zwischen den Personen, deren Differenz nicht Hindernis, sondern
Voraussetzung für die Einheit der Liebe in Unterschiedenheit ist, kann man
„Jesus in wahrer, echter, unmittelbarer Liebe als ihn selbst lieben.“
(Karl Rahner)[32] Dabei ist es nicht unsere eigene Initiative, sondern die
Initiative Jesu, der uns die Liebe und Freundschaft zu ihm ermöglicht. Er
ist in dieser Liebe das „universale concretum“, dem wir
in personaler Liebe nachfolgen können. Aus den Exerzitien des Ignatius[33]
spricht nicht vordergründig der Ton der Freundschaft, sondern eher einer
der Strenge, der Kürze und der Unpersönlichkeit. Die Glut des Gehalts ist
verborgen und verhüllt. Ignatius versteht sich eher als apostolischen
Gefährten und Christus meist als den Herrn und als den König. Von seiner
Biographie her ist es eine durchaus erstrebenswerte und positive Aufgabe,
am Hof als „Knecht“ zu dienen. So sind auch Knechtsein und Freundschaft
kein absoluter Gegensatz. Auch wenn das Verhältnis zu Christus vorwiegend
als zum Herrn beschrieben wird, gibt es ein Gefälle auf Freundschaft hin,
wenn er den Dialog mit Jesus als Gespräch mit einem Freund umschreibt:
„Das Gespräch wird mit richtigen Worten gehalten, so wie ein Freund mit
seinem Freunde spricht oder ein Knecht zu seinem Herrn, bald um eine Gnade
bittend, bald sich wegen eines begangenen Fehlers anklagend, bald seine
Anliegen mitteilend und dafür Rat erbittend.“ (EB 54) Und wir dürfen in
den Exerzitien „betrachten das Trösteramt, das Christus Unser Herr ausübt,
und damit vergleichen die Art, wie ein Freund seinen Freund zu trösten
pflegt.“ (EB 224) Die Exerzitien sind durchaus die Einübung in eine
Freundschaft. Es geht um das Vertraut-Werden mit dem Herrn wie um
die Einübung in die „Gesinnung, die dem Leben in Christus entspricht“
(Phil 2,3), um das Erspüren der Gestaltwerdung Jesu in uns. In der
Begegnung mit Jesus, in der Zwiesprache mit ihm kristallisiert sich das
Bild und Gleichnis Gottes in mir heraus. Die Freundschaft mit Jesus ist
für Papst Benedikt XVI. charakteristisch für einen erwachsenen Glauben:
Wer erwachsen glaubt, ist nicht mehr infantil und auch nicht pubertär.
Infantil ist der, der es sich mit keinem vertun will, weil er Angst vor
Liebes- und Sympathieentzug hat uns sich nicht getraut, jemandem zu
widersprechen. Infantile vermeiden in ihrer Suche nach Harmonie jeden
eigenen Standpunkt. Sie gehen ständig Symbiosen ein, sind jedoch unfähig
zu Beziehungen unter freien und erwachsenen Menschen. Pubertär sind bloße
Neinsager. Das Nein ist nekrophil, wenn es aus dem Hass oder aus einer
hochmütigen Abwehrreaktion kommt. Erwachsen sind auch nicht die
Wendehälse. Die Wendehälse sind überall dabei, die Widersprüche gehören
zum System. Ja und Nein verkommen zu einer Frage des Geschmacks und der
Laune, Leben oder Tod wird zur Frage des besseren Durchsetzungsvermögens,
Wahrheit oder
Lüge eine Frage der besseren Taktik, Liebe oder Hass eine Frage der
Hormone, Friede oder Krieg eine Frage der Konjunktur. Im
Zeitalter des kulturellen Pluralismus neigen nicht wenige dazu, die
widersprüchlichsten Auffassungen im Bereich der Ethik oder Religion gelten
zu lassen. Für einen erwachsenen Glauben ist die Freundschaft mit Jesus
zentral: „Erwachsen ist nicht ein Glaube, der den Wellen der Mode
und der letzten Neuheit folgt; erwachsen und reif ist ein Glaube, der tief
in der Freundschaft mit Christus verwurzelt ist. Diese Freundschaft macht
uns offen gegenüber allem, was gut ist und uns das Kriterium an die Hand
gibt, um zwischen wahr und falsch, zwischen Trug und Wahrheit zu
unterscheiden. Diesen erwachsenen Glauben müssen wir reifen lassen, zu
diesem Glauben müssen wir die Herde Christi führen. Und dieser Glaube -
der Glaube allein - schafft die Einheit und verwirklicht sich in der
Liebe.“ (Benedikt XVI.)
Selig die Barmherzigen
"Er sah ihn und ging weiter“, so heißt es vom Priester und Leviten, die am
Wegrand den Halbtoten liegen sehen, aber nicht helfen
(Lk 10,31.32). Menschen sehen und doch übersehen, Not vorgeführt bekommen
und doch ungerührt bleiben, das gehört zu den Kälteströmen der Gegenwart.
– Im Blick der Anderen, gerade des armen Anderen erfahren wir den
Anspruch: Du darfst mich nicht gleichgültig
liegen lassen, du darfst mich nicht verachten, du musst mir helfen. Jesus
lehrt nicht eine Mystik der geschlossenen Augen, sondern
eine Mystik der offenen Augen und damit der unbedingten
Wahrnehmungspflicht für das Leid anderer. Jesu Sehen führt in menschliche
Nähe, in die Solidarität, in das Teilen der Zeit, das Teilen der
Begabungen und auch der materiellen Güter. „Für alle, die in den
karitativen
Organisationen der Kirche tätig sind, muss kennzeichnend sein, dass sie
nicht bloß auf gekonnte Weise das jetzt Anstehende tun,
sondern sich dem anderen mit dem Herzen zuwenden. Ein sehendes „Herz
sieht, wo Liebe Not tut und handelt danach.“[34] „Ich
muss ein Liebender werden, einer, dessen Herz der Erschütterung durch die
Not des anderen offen steht. Dann finde ich meinen
Nächsten, oder besser: dann werde ich von ihm gefunden.“[35] So sehr auch
manche Kritik an der bloßen Barmherzigkeit (ohne oder gegen die
Gerechtigkeit) berechtigt sein mag, so ist doch auch die Kehrseite der
Medaille zu beachten. Wenn Mitleid und Barmherzigkeit eigentlich
nicht sein sollen und dieses Urteil allmählich ins Bewusstsein aller
einsickert, dann entspringen neue Kälteströme (Ernst Bloch). Der
Kult des schönen, starken, gesunden und erfolgreichen Lebens macht die
Erbarmungslosigkeit zum Prinzip und führt am Ende den
Sozialdarwinismus in jeden Lebensbereich ein. Es gibt keine Sorge mehr für
die, denen der Atem ausgeht; die Alten, Kranken, Behinderten
werden ihrem eigenen Schicksal überlassen und aus dem öffentlichen
Blickfeld verbannt. Ein isoliertes Leistungs- und Erfolgsdenken,
der Kult der Tüchtigkeit verkehrt sich in Rücksichtslosigkeit. In der
Evolution als gesellschaftliches Prinzip herrscht das Recht des Stärkeren,
bei dem die Kleinen von den Großen gefressen werden. Eine optimistische
Rede vom Menschen in der Aufklärung vergisst die Opfer der Geschichte,
denen keine Gerechtigkeit mehr widerfahren kann. Die Flucht ins System
kennt nur noch ein Phantombild „Mitmensch“, eine allgemeine Philanthropie,
sie hält aber den Blick des konkreten Menschen in der Not nicht aus.
Was gehört zur Barmherzigkeit? Zunächst ist es eine liebende, offene,
wahrnehmende und hörende Aufmerksamkeit, welche das Leiden
anderer sehen und es sich zu Herzen gehen lässt. Eine solche
Aufmerksamkeit setzt ein leidenschaftliches Interesse für den Menschen
voraus. Erst durch diese Gesinnung wird der Nächste zum Nächsten. Sonst
bleibt der äußerlich Nahe fremd und auf Distanz. Barmherzigkeit kann nicht
erzwungen werden. Sie äußert sich spontan und frei. Die Freiheit der
Barmherzigkeit steht auch für die Absichtslosigkeit
der Zuwendung. Sie wird pervertiert zu Lieblosigkeit und Kälte, wenn sie
nicht um ihrer selbst willen geschieht, sondern mit Verzweckung, mit
Berechnung, mit Gegenerwartungen und Geschäften (auch im religiösen Sinn)
verbunden ist. Barmherzigkeit bleibt in Gesinnung und Tat arm: Der Geber
stellt sich selbst nicht in den Mittelpunkt, er zieht nicht die
Aufmerksamkeit auf sich, er will sogar zugunsten der Tat übersehen werden
und zieht sich zurück. Es geht nicht um eine gönnerische Großzügigkeit,
die an der Leine hält und Applaus bzw. Dankbarkeit erwartet.
Echte Barmherzigkeit kennt keine Gegenforderungen und schafft keine
Abhängigkeiten. An dieser Armut unterscheidet sich letztlich wahre Liebe
von „lebensweisem Egoismus“[36] Alles andere wäre für den Empfangenden
eine Demütigung.
Ein Herz und eine Seele: Spiritualität der Gemeinschaft
Nicht selten sind es die Summarien der Apostelgeschichte, die als Ideal
kirchlicher Gemeinschaft vor Augen geführt werden: „Und alle, die gläubig
geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie
verkauften Hab und Gut und gaben allen davon, jedem so viel, wie er nötig
hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren
Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des
Herzens.“ (Apg 2,44-46) „Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine
Seele. Keiner nannte etwas von dem,
was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. Mit
großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung.“
(Apg 4,32f.)[37] Beim Hören dieser idealen Zustände kommen dann rasch der
Frust über die gegenwärtigen Zustände, die Enttäuschung über die real
existierende Kirche, die Aggression gegenüber den verantwortlichen
Personen und Institutionen. Wenn wir die Apostelgeschichte insgesamt lesen
und von ihr her unsere kirchlichen Erfahrungen deuten, so kommen viele
Parallelen: „Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung, so dass sie
(Paulus und Barnabas) sich voneinander trennten.“ (Apg 15,39). Wenn wir
die Zeugnissen der ersten Gemeinden genauer anschauen, so gibt es da
Machtfragen, Drangsale, Konflikte, Auseinandersetzungen, Eifersucht, Neid,
Zu-kurz-Kommen,
Kleiderfragen, Ritusstreitigkeiten, Genderthemen, Probleme mit der
Gemeindeordnung, mit der Prophetie, Auseinandersetzungen um Ehe und
Ehebruch, Individualisierungstendenzen, Geld und Solidarität,
Glaubensfragen usw. Es gibt Tratsch auf dem Areopag (Apg 17,21), dann wird
Mut zugesprochen (Apg 16,40), da gibt es das Stärken der Brüder (Apg
18,23). Beim Abschied fielen alle Paulus um den Hals, brachen in Weinen
aus und küssten ihn (Apg 20, 36-38) Die konkrete Kirche ist wie die
Urgemeinde und die ersten Gemeinden des Paulus nicht eine Gemeinschaft von
ausschließlich Gesunden und Reifen, sondern eine höchst gemischte
Gesellschaft. So sind auch die real existierenden Gemeinschaften kein
idealistisches Paradies. Die ideale Kommunikation gehört dem
Gespensterreich an. In der konkreten Wirklichkeit gibt es gestörte,
zerstörende und zerstörte Beziehungen, Behinderungen, Belastungen,
Kränkungen, Machtverhältnisse im Miteinander. Da ist die Sehnsucht nach
Beheimatung und die Beziehungslosigkeit in der Realität. Oder noch
schlimmer: die anderen sind die Hölle. Die neurotischen
Verzerrungen und Behinderungen sind bei Paulus Material der Communio. Er
rühmt sich seiner Schwächen (2 Kor 12,9; 1 Kor 1,18-31).
Es wäre gerade die Herausforderung, mit den Licht- und mit den
Schattenseiten, mit den Rosen und Neurosen beziehungsreich umzugehen.
Johannes Paul II. skizziert in seinem Apostolischen Novo millennio ineunte“
vom 6.1.2001 eine Spiritualität der Gemeinschaft: „Die Kirche zum Haus und
zur Schule der Gemeinschaft machen, darin liegt die große
Herausforderung. …Vor der Planung konkreter Initiativen gilt es, eine
Spiritualität der Gemeinschaft zu fördern. … Spiritualität der
Gemeinschaft bedeutet vor allem, den Blick des Herzens auf das Geheimnis
der
Dreifaltigkeit zu lenken, das in uns wohnt und dessen Licht auch auf dem
Angesicht der Brüder und Schwestern neben uns wahrgenommen
werden muß. Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet zudem die Fähigkeit,
den Bruder und die Schwester im Glauben in der tiefen Einheit des
mystischen Leibes zu erkennen, d.h. es geht um „einen, der zu mir gehört“,
damit ich seine Freuden und seine Leiden teilen, seine Wünsche erahnen und
mich seiner Bedürfnisse annehmen und ihm schließlich echte, tiefe
Freundschaft anbieten kann. Spiritualität der Gemeinschaft ist auch die
Fähigkeit, vor allem das Positive im anderen zu sehen, um es als
Gottesgeschenk anzunehmen und zu schätzen: nicht nur ein
Geschenk für den anderen, der es direkt empfangen hat, sondern auch ein
„Geschenk für mich“. Spiritualität der Gemeinschaft heißt
schließlich, dem Bruder „Platz machen“ können, indem „einer des anderen
Last trägt“ (Gal 6,2) und den egoistischen Versuchungen widersteht, die
uns dauernd bedrohen und Rivalität, Karrierismus, Misstrauen und
Eifersüchteleien erzeugen. Machen wir uns keine
Illusionen: Ohne diesen geistlichen Weg würden die äußeren Mittel der
Gemeinschaft recht wenig nützen. Sie würden zu seelenlosen
Apparaten werden, eher Masken der Gemeinschaft als Möglichkeiten, dass
diese sich ausdrücken und wachsen kann.“[38]
Geistliche Lebenskultur
Willi Lambert nennt in seinem neuen Buch „Zeiten zum Aufatmen. Seelsorge
und christliche Lebenskultur“ ein Alphabet „christlicher Lebenskultur“:
Adventszeit, Askese, Beichte, Bibel, Bilder, Bräuche, Caritas, Diakonie,
Ethik, Europa-Kultur, Exerzitien, Familie,
Fastenzeit, Friedhöfe, Gebet, Gefängnisseelsorge, Gerechtigkeit,
Gewissenserforschung, Gospelsongs, Heilige, Internationalität,
Katakomben, Kathedralen, Kindergärten, Krankenhäuser, Kirchenkunst,
Klöster, Kontemplation, Liedgut, Liturgie, Märtyrer, Moral, Musik,
Nächstenliebe, Ordensleben, Ostern, Pädagogik, Rom und tausend andere
Orte, Rosenkranz, Schulen, Sternsinger, Telefonseelsorge,
Tugenden, Universitäten, Vereine, Versöhnung, Weihnachten, weltweit
operierende Hilfswerke, Woche des Lebens, Zehn Gebote …[39]
Christliche Lebenskultur ist nicht nur eine Sache eines innersten
Auftrages. Im Buch der Weisheit werden die Menschen aufgefordert,
Maß zu nehmen an dem, der ein „Liebhaber des Lebens“ ist, an Jahwe selber.
Das betrifft die persönliche Lebensgestaltung aus dem
Evangelium Jesu Christi heraus. Das betrifft das Verhältnis von Arbeit und
Erholung, von Spiritualität und Muße, von Freizeit und musischen
Interessen, von Anspannung und Lösung, von Belastung, Stress und
Entlastung. Christliche Lebenskultur ist eine Frage des Essens und
Trinkens, des Schlafes und der Bewegung, der Einsamkeit und der Beziehung.
Die Gestaltung kennt mehrere Kreise, die Primärbeziehungen, das berufliche
Umfeld, die kirchliche, die gesellschaftliche und die politische Ebene.
Nicht zuletzt gehört ein ökologisch verantwortlicher Umgang mit der Umwelt
dazu. All da entwickeln wir „Üblichkeiten“, Bräuche, Gewohnheiten, Regeln,
Lebensphilosophien, all da ziehen wir Hilfen heran, die zu einer Kultur
gehören oder etwas über meine Verwahrlosung und Un- Kultur sagen.
Es ist eine Frage der Zukunftsfähigkeit der Kirche und in ihr auch der
Priester, ob es uns gelingt, eine Lebenskultur aus dem Evangelium
neu zu gestalten, eine Sozialform des Glaubens zu finden, in der es ein
entkrampfteres Verhältnis zwischen Priestern und Laien gibt, gelöste
Beziehungen zwischen Frauen und Männern, innerlich freier in der Offenheit
und Gastfreundschaft für suchende Menschen, nicht zu sehr mit uns selbst
und den eigenen Problemen beschäftigt. Die evangelischen Räte stellen eine
Lebenskultur aus dem Evangelium heraus dar. Dies
sicher nicht eindeutig, weil sie ja auch Ausdruck von Unkultur,
Lebensfeindlichkeit, Freiheitsverweigerung, Wirklichkeitsflucht und
Beziehungslosigkeit sein können. Aber sie sind in ein dynamisches
Bezugsfeld eingebunden. Sie sind hinein genommen in vielfältige
Formen zwischenmenschlicher Kommunikation wie gegenseitige Annahme und
Freigabe, Wahrnehmung, Einsatz, Solidarität,
Kampf, Beanspruchung und Kritik, sie sind Verwirklichung der Liebe und
Freiheit und nehmen zugleich an diesen ihr Maß.[40]
Manfred Scheuer, Bischof von Innsbruck
[1] Blaise Pascal, Über die Religion und über einige andere Gegenstände (Pensées),
übertragen und herausgegeben von E. Wasmuth,
Lambert Schneider; Heidelberg 1946; vgl. dazu Winfried Hover, Der Begriff
des Herzens bei Blaise Pascal. Gestalt, Elemente der
Vorgeschichte und der Rezeption im 20. Jahrhundert, Friedingen a. D. 1993.
[2] Pensées 248.
[3] Hugo Rahner, Eucharisticon fraternitatis, in: Gott in Welt 2, 895-899,
hier 897; Karl Rahner, Ecclesia ex latere Christi (unveröffentl. Diss.)
Innsbruck 1936; zur Herz-Jesu-Verehrung: III, 379-415; VII, 481-508; XVI,
405-420; Sendung und Gnade 517-550; zur Theologie des
Symbols: IV, 275-311; Art. Herz, in: HThG 2, 328-336; A. Callahan, Karl
Rahners Spirituality of the Pierced Heart. A Reinterpretation of
Devotion to the Sacred Heart, Lanhan - New York - London 1985.
[4] Vgl. Schriften zur Teologie III, 381.
[5] Schriften zur Theologie IV, 278; vgl. X, 422.
[6] VII, 485; vgl. III, 382.
[7] VII, 137.
[8] Sendung und Gnade 538.
[9] Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 101987,830.
[10] Aurelius Augustinus, Selbstgespräche, Von der Unsterblichkeit der
Seele. Lat. u. dt. Gestaltung d. lat. Textes von H. Fuchs. Einf.,
Übertr., Erl. u. Anm. von H. Müller, München - Zürich 1986,47.1 (S 18f.).
[11] Theresia von Jesu, Sämtliche Schriften, übersetzt und bearbeitet v.
A. Alkofer, Bd.V, 342.
[12] Blaise Pascal, Pensées Fr 139.
[13] Herbert Marcuse, Über Revolte, Anarchismus und Einsamkeit, Frankfurt
a. M. 1969, 43.
[14] Dag Hammarsjöld, Zeichen am Weg, München 1967, 51.
[15] WW (Glockner) 11,52.
[16] Vgl. Hans Urs von Balthasar, Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik
III/l, Einsiedeln 1965; Jörg Splett, Leben als Mit-Sein. Vom trinitarisch
Menschlichen, Frankfurt a. M. 1990, 103.
[17] Thesaurus spiritualis Societatis Jesu, Vatikan 1948, 480. Vgl. dazu
Hugo Rahner, Ignatius von Loyola als Mensch und Theologe,Freiburg 1964,
230ff.
[18] Vgl. dazu Gotthard Fuchs, Der Bürokratisierungs-Gegner, in: Die
Furche 38 (20. September 2007) 10.
[19] Alfred Delp, Gesammelte Schriften IV: Aus dem Gefängnis, Frankfurt
1985, 299. Zur Verbürgerlichung vergleiche auch Gesammelte Schriften IV,
159.170.
[20] Ges. Schriften IV, 212.
[21] Ges. Schriften IV, 298f.
[22] Ges. Schriften IV, 212.
[23] Ges. Schriften IV, 83.
[24] Ges. Schriften IV, 155.
[25] Weisung der Väter. Apophthegmata Patrum, auch Gerontikon oder
Alphabeticum genannt (Einl. W. Nyssen, Übers. B. Miller) Trier 1980,
Nr.166.
[26] Simone Weil, Réflexions sur le bon usage des études scolaires en vue
de lʼamour de Dieu, in: Attente de Dieu, Paris 1950, 71-80.
[27] Bernhard Casper, Das Ereignis des Betens. Grundlinien einer
Hermeneutik des religiösen Geschehens, München 1998, 26.
[28] Martin Heidegger, Vier Seminare, Frankfurt 1977, 102; Jean-Luc
Marion, Réduction et donation. Recherches sur Husserl, Heidegger
et la phénoménologie, Paris.
[29] Vgl. dazu: Karl Rahner, Zur Reform des Theologiestudiums (QD 41),
Freiburg – Basel – Wien 1969; Klaus Demmer, Zumutung aus
dem Ewigen, Gedanken zum priesterlichen Zölibat, Freiburg i. B. 1991,
54-57.
[30] Newmans Wappenspruch als Kardinal steht z.B. in: Ausgewählte Werke
Newmans (Mainz 1951-1969) II/III, 685,702,739.
[31] Karl Rahner, Elemente der Spiritualität in der Kirche der Zukunft,
in: Schriften zur Theologie XIV, 368-381, hier 370.
[32] Karl Rahner, Was heißt Jesus lieben? Freiburg 1982, 25. Die
Freundschaft mit Jesus ist fundamental für das Verständnis vom
Gebet bei Teresa von Avila: „Meiner Ansicht nach ist das innerliche Gebet
nichts anderes als ein Freundschaftsverkehr, bei dem wir uns
oft im geheimen mit dem unterreden, von dem wir wissen, dass er uns
liebt.“ (Das Leben. Erster Band der sämtlichen Schriften, hg. von
Alois Alkofer, München 61984, 8,5). „Mit ihm kann ich reden wie mit einem
Freund, obwohl er doch der Herr ist.“ (a.a.O. 37,6)
[33] Ignatius von Loyola, Die Exerzitien. Übertragen von Hans Urs von
Balthasar, Einsiedeln 1954. Wir zitieren im Folgenden das Exerzitienbuch
(=EB) im Text.
[34] Benedikt XVI., Deus Caritas est 31.
[35] Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil:
Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Freiburg iB. 2007, 237.
[36] Karl Rahner, Wer ist dein Bruder? Freiburg i. B. 1981, 40.
[37] Diese Summarien sind in den Ordensregel aufgegriffen, z.B. Regeln des
heiligen Basilius, in: Hans Urs von Balthasar, Die großen
Ordensregel, Einsiedeln 1974, 81 (Gr. R Nr. 7); 87 (Kl. R 85); Augustinus,
Regel Kap. 1-2, in: Die großen Ordensregeln 161f.; Regula
Benedicti. Die Benediktusregel. Lateinisch/ Deutsch, hg. im Auftrag der
Salzburger Äbtekonferenz, Beuron 4 2005, 33,6; 34,1; 55,20.
[38] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben „Novo millennio ineunte“,
Rom 2001, Nr. 43.
[39] Willi Lambert, Zeiten zum Aufatmen. Seelsorge und christliche
Lebenskultur, Mainz 2008, 43.
[40] Vgl. Andreas Knapp, Brennender als Feuer. Geistliche Gedichte. Mit
einem Essay von Manfred Scheuer, Würzburg 2004, 12-14.
|