|
„IST DAS WORT GOTTES
EINE BISCHOFSSYNODE WERT?“
Lieber Pater Provinzial,
lieber P. Rektor,
verehrte Damen und Herren,
liebe Gäste und Freunde, liebe Canisianer,
Sie erinnern sich, dass vom 5. bis zum 26. Oktober 2008 die 12.
Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode im Vatikan stattfand.
Ihr Thema: „Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche“.
Sicher haben Sie auch Ihre Arbeit in den Medien (Radio, Fernsehen, in den
Zeitungen oder in den kirchlichen Presseagenturen) verfolgt.
Zu Beginn möchte ich
Herrn P. Rektor Gerwin Komma SJ und seiner Kommunität recht herzlich für
die Einladung danken, über diese Synode hier im Canisianum zu sprechen. Es
ist für mich eine große Ehre und eine Freude zugleich.
Im ersten Teil dieses
Vortags werde ich über die Arbeit der Synode berichten. Im zweiten Teil
stelle ich Überlegungen an, die auf meine Beobachtungen zurückgehen und
gebe meine Eindrücke wieder. Zum Schluss greife ich auf meinen Beitrag in
der Aula zurück, der einen Vorschlag für die Aus- und Fortbildung der
Priester und der Priesteramtskandidaten macht.
Der Titel: „Ist das Wort Gottes eine Bischofssynode wert?“ Ist eine mir
von einem Mitbruder im Priesteramt gleich nach der Synode gestellte
provozierende Frage, die ich gerne an Sie weiterleiten möchte. Der liebe
Mitbruder sagte: „Wozu eine Bischofssynode über das Wort Gottes? Es gibt
viele wichtige Probleme mit denen sich die Kirche heute beschäftigen
könnte und sollte. Seit Jahrhunderten lesen wir die Bibel. Wir kennen sie
doch. Wird diese Synode eigentlich etwas Neues bringen? Das ist die Frage.
Und ich denke, vielleicht fragen sich viele Leute und Mitchristen genauso.
Ohne sofort eine Antwort darauf zu geben, es dürfte allein die Tatsache zu
denken geben, dass der Papst überhaupt eine Bischofssynode über dieses
Thema einberuft. Das zeigt schon, dass ihm dieses Thema ein wichtiges
Anliegen für die Kirche und für die Welt ist. Soviel darf man schon an
dieser Stelle sagen, meine ich. Aber zurück zu unserem Thema.
I. Die zwei wichtigen
Momente der Arbeit der Synode.
Die 254 Teilnehmer aus aller Welt haben mit großem Interesse und
Engagement im Plenum wie in den kleinen Arbeitsgruppen (circuli minores)
die Arbeit gemacht. Als Grundlage der Diskussionen diente das sogenannte
Instrumentum laboris d. h. das Arbeitspapier, das jeder schon vorher
bekommen hatte. Und jeder Synodevater verfügte über 5 Minuten, um seinen
Beitrag im Plenum vorzulesen. Die circuli minores setzten die Arbeit in
den linguistischen kleinen Gruppen fort. Sie hatten die Aufgabe, die
Propositiones d.h. die Vorschläge herauszuarbeiten, welche dann dem
Heiligen Vater übergeben werden sollen als Basis für das Post-synodale
päpstliche Schreiben oder Dokument.
Von den 250 gemachten Vorschlägen wurden schließlich 55 festgehalten.
Ein zweites Dokument, das
am Ende der Synode an die ganze Kirche gerichtet wird, ist der sogenannte
„Nuntius“ d.h. die Schlussbotschaft. Sie wurde von einer ad hoc gebildeten
Kommission unter dem Vorsitz von Erzbischof Giancarlo Ravasi formuliert,
dem jüngst ernannten Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Kultur.
Der Nuntius also und die Propositiones sind der unmittelbare Ertrag jeder
Bischofssynode. Damit hat die Synode ihre Arbeit beendet.
II. Die Propositiones
Die 55 Vorschläge wurden in 3 Themenbereiche gegliedert:
a) Das Wort Gottes im Glauben der Kirche
b) Das Wort Gottes im Leben der Kirche
c) Das Wort Gottes in der Sendung der Kirche
Man könnte sie auch in zwei Kategorien zusammenfassen: die
lehramtlich-theologischen und die pastoral-praktischen.
A. Die
lehramtlich-theologischen Propositiones
Unter
den lehramtlich-theologischen Fragen möchte ich besonders die folgenden
erwähnen:
1)
Die erste Frage, schon wegen ihrer oftmaligen Erwähnung in den
Beiträgen, ist der sogenannte „Dualismus von Exegese und Theologie“.
Viele Klagen wurden laut über die Engführung und Einschränkung der Exegese
auf die historisch-kritische Methode. Die Folge wäre, dass die Bibel für
den normalen Gläubigen unzugänglich werde und nicht genug spirituelle
Nahrung anbiete (Vorschlag, n° 24). In seiner Intervention betonte der
Heilige Vater gerade die Notwendigkeit von zwei Ebenen der exegetischen
Forschung: der historischen und der theologischen (Cfr DV. 12). Die
Vorschläge 25 bis 28 behandeln diesen Themenkomplex.
2)
Die zweite bedeutende Frage ist das alte Problem von Inspiration
und Irrtumslosigkeit der Bibel, das wegen eines ungenauen Zitats von
DV. 11 im Instrumentum laboris, die Debatten zu dieser Frage auf dem
Vatikanum II in Erinnerung rief. Propositio 12 bittet deshalb die
Kongregation für die Glaubenslehre diese Frage zu klären.
Zu erwähnen sind auch die
folgenden anderen lehramtlich-theologischen Fragen:
a. die dialogische
Dimension der Offenbarung (Prop. 4);
b. das A.T. in der Christlichen Bibel (Prop. 10);
c. das Wort Gottes und das Naturgesetz (Prop. 13).
B. Die
pastoral-praktischen Fragen
Sehr wichtig unter den
pastoral-praktischen Fragen erscheinen mir die folgenden zu sein:
1)
die Wirksamkeit der Predigt:
Viele Beiträge beschäftigten sich mit dieser Frage und mit Recht.
Denn der erste, wenn nicht
der einzige Zugang der meisten Gläubigen zum Wort Gottes ist die Predigt
am Sonntag. Aber viele Sonntagspredigten lassen viel zu wünschen übrig. Um
Predigern zu helfen, sollte ein „Direktorium zur Homilie“ ausgearbeitet
werden (Prop. 15). Es wird auch empfohlen, bei jeder Eucharistiefeier „cum
populo“ eine Homilie zu halten.
2)
Wortgottesdienst ohne Priester
Vorschlag 18 befürwortet solche Wortgottesdienste, besonders für
Gemeinschaften, die keine Möglichkeit haben, am Sonntag Eucharistie zu
feiern. Das ist für uns in Afrika keine Neuigkeit.
Vorschlag 21 empfiehlt die
Bildung kleiner kirchlicher Gemeinschaften, wo das Wort Gottes gehört,
studiert und in das Gebet hineingenommen wird. In vielen Ländern, wird
festgestellt, existieren bereits solche kleine Gemeinschaften.
3)
Die Rolle der Frauen
Die
Frauen spielen eine unaufgebbare Rolle in der Weitergabe des Glaubens, vor
allem in der Familie und in der Katechese. Vorschlag 17 äußert deshalb die
Hoffnung, dass das Dienstamt des Lektors auch für Frauen zugänglich
werde.
4)
Das Bibelapostolat
Vorschlag 29 bezieht sich auf die Aussage in D.V. 24, dass das Wort Gottes
nicht nur die Seele der Theologie sei, sondern aller pastoralen
Aktivitäten. Er anerkennt das Bibelapostolat und ermutigt dazu. Es ist
notwendig, wird gesagt, von einer bloßen Bibelpastoral zu einer
Durchdringung „jedes Dienstes“ mit der biblischen Dimension zu kommen (cfr
Celam).
5)
Lectio divina
Vorschlag 22 ermahnt die Gläubigen, sich die Schrift mittels eifriger und
vom Gebet getragener Lesung anzueignen (DV 25) damit sie zu einem Gespräch
werde zwischen Gott und Mensch.
Andere wichtige Vorschläge dieser Kategorie sind z.B. das Problem der
Inkulturation (Prop. 49); der Interreligiöse Dialog (Prop. 50; 52; 53) und
die Bewahrung der Schöpfung (Prop. 54)
III.
Die Botschaft
Die
Schlussbotschaft ist etwas lang, aber biblisch und poetisch formuliert.
Der Text ist voll von Zitaten und Reminiszenzen von der Heiligen Schrift.
Er setzt einige Kenntnis von der Bibel voraus. Anders wird man ihn etwas
schwer finden. Hier werden noch einmal die Hauptthemen der Synode
zusammengefasst und präsentiert: die Offenbarung, die zentrale Rolle Jesu
Christi in der Schrift, die Kirche und das Wort Gottes (Verhältnis); die
Mission ad Gentes, die Mass-Media und die Kommunikation, die Begegnung mit
anderen Kulturen und Religionen. Es ist nicht nötig in die Einzelheiten
einzugehen. Sie können selbst den schönen Text lesen und meditieren.
Damit
komme ich zum zweiten Teil meines Vortrags.
II.
Teil
I. Die
Heilige Schrift in der Katholischen Kirche: ein kurzer Überblick.
1)
Die Schrift vor dem Vaticanum II im katholischen Raum
Die
Situation der Katholischen Kirche zur Zeit des Ökumenischen Konzils
Vaticanum II könnte mit dem Wort von Paul Claudel etwa so beschrieben
werden: „Der Respekt vor der Heiligen Schrift ist grenzenlos: er
manifestiert sich vor allem darin, dass man ihr fern bleibt“.
Das ist sicher
übertrieben, aber nicht ganz falsch. Lange Zeit blieb der Katholik der
Schrift, der Bibel fern. Das Hauptmotiv für diese Situation war wohl „ein
gewisses Misstrauen der kirchlichen Obrigkeit gegenüber Bibel lesenden
Laien … Es entstand als Folge der Reformation und anderer Bewegungen, die
sich seit dem Mittelalter durchsetzten und die den direkten Kontakt der
Laien mit der Schrift anstrebten“. Bis ins Mittelalter ist nichts über
Maßnahmen bekannt, die auf eine Beschränkung des Zugangs zur Schrift
abzielten“; aber später.
So war der
Zugang zur Heiligen Schrift sehr erschwert für die Katholiken. Die
Sonntagspredigt half nicht viel, da sie oft „moralisierend“ war und das
Wort Gottes selten erklärt wurde und zur Nahrung der Seele gemacht (D.V.
24 §3). Vielmehr wurde das Wort Gottes als ein Anhang gehalten.
2)
Die Schrift nach Vaticanum II
Die Wende kam mit dem zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965). Es ist
fast eine Revolution im katholischen Raum eingetreten.
In der Tat, es ist das große Verdienst dieses Konzils das Wort Gottes
wieder in die Mitte des kirchlichen Lebens gestellt und den Zugang zur
Schrift für alle gefordert zu haben, und zwar mit der Dogmatischen
Konstitution über die Offenbarung: Dei Verbum (1965). Sie hat der
Katholischen Kirche neuen Impuls gegeben. Die Berichte der 5 Kontinente in
der Synode-Aula haben es deutlich gezeigt.
Nach dem Konzil also
gewinnt das Wort Gottes mehr an Bedeutung im Leben der Katholiken.
3)
Die Bischofssynode (2008)
Doch, dass 43 Jahre nach dem Konzil eine Bischofssynode über das Wort
Gottes einberufen wurde, ist ein Zeichen dafür, dass diese Konstitution
Dei Verbum und ihre Lehre immer noch wenig bekannt sind bei den Gläubigen
und das Wort Gottes noch an der Oberfläche bleibt. Es ist noch nicht zur
Nahrung der Seele geworden. Erzbischof John Onayekan von Abuja (Nigeria)
hat in seinem Referat die Situation in Afrika wie folgt beschrieben: Das
Volk Gottes in Afrika hungert und dürstet immer noch nach dem Wort Gottes.
Es fehlen noch Übersetzungen in verschiedenen Sprachen des Kontinents. Es
fehlen Kommentare, die dem Volk helfen, das Wort richtig zu verstehen und
zu interpretieren. Die Synode war ein (καιρός) „Kairos“ für die Kirche.
Sie hatte die Aufgabe, dem Volk Gottes die Lehre des Konzils in Dei Verbum
neu zu erschließen und die Liebe zum Wort Gottes zu entzünden (Cfr D.V.,
Kap. VI).
II.
Kirche und Wort Gottes
Die
folgenden Überlegungen versuchen die gegenseitige Rolle bzw. Beziehung von
Kirche und Wort Gottes an einigen Punkten aufzuzeigen (Cfr D.V. 1).
1)
Der Auftrag der Kirche
Die Kirche lebt vom Wort Gottes; das Wort bildet die Kirche. Ihre Sendung
und ihr Auftrag ist es, das Wort Gottes allen Menschen und Nationen zu
verkünden. Alle Menschen und Völker sollen das Wort Gottes, das Wort des
Lebens hören, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben (Jn 10,10).
Das ist „La raison d’être“ der Kirche. Paulus sagt zu Timotheus, er soll
das Wort Gottes gelegen und ungelegen verkünden (Cfr 2 Tim 4, 2-3; 1Cor 9,
16). In diesem Sinne ist es richtig zu sagen: Das Wort Gottes ist
die Sendung der Kirche.
2)
Das Wort Gottes
Was ist das Wort Gottes von dem hier die Rede ist? Was versteht man
darunter? In der Tat, der Ausdruck „Wort Gottes“ kann mehrere und
verschiedene Bedeutungen haben. Mich hat eben die große Bandbreite von
Themen und Anliegen beeindruckt, die in den Beiträgen über „das Wort
Gottes“ angesprochen wurden. Der Ausdruck kann unter verschiedenen
Aspekten betrachtet werden. Das Instrumentum laboris n° 9 spricht von „ein
Lied mit mehreren Stimmen“. Bereits die Lineamenta sprachen von einer
„Symphonie“ von Bedeutungen.
Was ist also das Wort Gottes? Ist es ein Wort, das über Gott redet? Ein
Wort, das uns Gott bekannt macht, ihn offenbart? Uns sein Gesicht zeigt
und sein Herz öffnet? Oder handelt es sich um ein Wort, das Gott spricht,
das von ihm herkommt und an uns gerichtet ist? Ein Wort also, das uns den
Willen Gottes offenbart? Vielleicht geht es um beides? Ist es die
Schöpfung, das lautlose Wort Gottes, wie es heißt: „Die Himmel rühmen die
Herrlichkeit Gottes, die Himmelsfeste verkündet das Werk seiner Hände. Da
ist keine Sprache, kein Wort, unhörbar bleibt ihre Stimme“. (Ps 19, 2-4;
cfr Gn 1, 1ss). Der ökumenische Patriarch Bartholomäus stellt mit Recht
fest: „Das Wort Gottes hat eine erstaunliche Fähigkeit, sich den
verschiedenen Adressaten oder Kategorien von Personen und kulturellen
Kontexten anzupassen. Dies ist die missionarische Dimension der Kirche (Mt
28, 19).
Das Wort Gottes geht der Bibel voraus und über die Bibel hinaus. Im
Folgenden geht es um das geschriebene Wort in der Heiligen Schrift.
3)
Kennen wir die Schrift?
Vor einigen Jahren schrieb der bekannte (und verstorbene) Schweizer
Theologe Hans Urs von Balthasar ein Büchlein mit dem provozierenden Titel:
Kennt uns Jesus? Kennen wir ihn? (Herder 1980). Der Autor spricht darin
„die aktuelle Frage der Vereinbarkeit von Modernität und Glaube an“. Es
lohnt sich gerade heute, dieses Büchlein zu studieren. Wir können uns
heute auch fragen: Kennen wir die Heilige Schrift? Kennen wir Jesus
Christus? Das Instrumentum laboris weist in diesem Zusammenhang auf das
Wort vom Heiligen Hieronymus hin: „Die Schrift nicht kennen heißt Christus
nicht kennen“ (D.V. Kap. VI, n° 25). Positiv formuliert, heißt es: Die
Schrift kennen heißt Christus kennen. Aber so einfach ist es vielleicht
auch nicht. Denn, die Frage ist: Wie gut, wie persönlich kennen wir Jesus
Christus? Wie gut kennen wir die Schrift? Es geht nicht darum, Kapitel und
Verse der Schrift auswendig zu kennen und zu rezitieren. Denn, es handelt
sich hier nicht um eine bloß intellektuelle Kenntnis, um ein Wissen über
die Schrift.
Das Verb „Kennen“[...] will hier im semitisch-biblischen Sinn verstanden
werden. Und das meint: Sich zu eigen machen; in Lebensgemeinschaft, in
Kommunion mit einer Person treten, eine persönliche Beziehung mit jemandem
haben (cfr Gen 4, 1ff); Gemeinschaft mit einer Person haben, „das Erkennen
in der Begegnung“ (Claus Westermann, B.K. AT, Genesis, 1-11, S. 393, 3
1983). Von Rad kommentiert: „Dieses Zeitwort, das neben dem Erkennen im
intellektuellen Sinn zugleich den Begriff des Erfahrens, des Vertrautseins
mit umschließt … (S.85). Zu Gn 2, 16-17 schreibt er: „Dass das Verbum […]
keineswegs das rein intellektuelle Erkennen meint, sondern viel mehr noch
ein „erfahren“, ein „vertraut werden mit“.
Ob wir die Schrift so kennen, dass wir in persönliche Beziehung mit
Christus treten, mit ihm Gemeinschaft haben?
4)
Die Macht des Wortes
Was die Schrift, das geschriebene Wort für den Europäer ist, das ist für
den Schwarzafrikaner das Wort. Das gesprochene Wort hat Macht. Der
Europäer hat das nicht ganz vergessen. Die Ausdrücke: sein Wort geben oder
halten, ein Mann des Wortes u.s.w. zeigen es. Unsere Vorfahren in
Schwarzafrika kannten keine Schrift. Umso mehr Gewicht hatte das
gesprochene Wort. Ein Wort ist nicht umsonst, ohne Grund gesprochen. Es
sagt „etwas“. Das Wort Gottes ist noch mächtiger. Es wirkt, was es sagt.
Gott spricht und es geschieht etwas (cfr Gn 1,1ss). In He 4, 12 heißt es:
„Das Wort Gottes ist voll Leben und voll Kraft … Es zwingt den Menschen,
seine Absichten zu enthüllen. Es dringt durch bis zur Scheidung von Seele
und Geist, Gelenk und Mark und ein Richter ist es über Gesinnungen und
Gedanken des Herzens“. Jesus hat nichts geschrieben (Cfr Joh 8,8). Noch
hat er eine sehr intensive Lehrtätigkeit entwickelt. Er hat das Wort
Gottes in Wort und Tat verkündigt. Und sein Wort hat Wunder gewirkt (Cfr
Mk 1,32ff; 2,1-12,3, 1-6; 6,30-44, etc.)
Und er hat die
Apostel gesandt, seine Arbeit fortzusetzen: „Gehet hin in alle Welt und
verkündet die Heilsbotschaft allen Geschöpfen.“ (Mk 16,15. Vgl. Mt
28,18-20).
Die Apostel haben also
zuerst das Wort gesprochen. Später haben sie oder ihre Schüler dann es
niedergeschrieben, um ihr Zeugnis für das Evangelium Jesu Christi den
späteren, zukünftigen Generationen weiter abzulegen. So heißt es in Mk
16,20: „Jene aber zogen hinaus und predigten überall; und der Herr wirkte
mit ihnen und bestätigte das Wort durch die begleitenden Zeichen.“
Ihr Wort, wie das Wort
Jesu, hatte Macht; es wirkte Wunder (Cfr 2,14 ff; 3,1-10; 5,1ff). Um aber
die Macht des Wortes zu erfahren, muss man sich Gott im Glauben öffnen.
5)
Die notwendige Metanoia
Das Studium der Schrift, das Meditieren, das Teilen des Wortes, die Lectio
Divina haben zum Ziel, die Begegnung mit Christus zu ermöglichen, indem
das Wort zur Metanoia, zur Umkehr unseres Lebens und Herzens führt.
Denn, wenn wir davon
überzeugt sind, dass Gott zu uns in Christus gesprochen hat und das Wort,
das wir hören, wahrhaftig Gottes Wort ist, dann müssen wir horchen und
gehorchen, und es in oboedientia fidei annehmen (Rm 1,5). So können wir
seine Kraft in unserem Leben erfahren.
6)
Jesus Christus
Das Wort Gottes, das die Kirche verkündigt, ist eine Person: Jesus
Christus. Er ist das Wort Gottes par excellence, das menschgewordene Wort
des Vaters (Jn 1,14), der eingeborene Sohn Gottes (Mc 9,7; 1,11). Er ist
es, der uns Gottes Angesicht zeigt und Gottes Herz offenbart (Jn 14,23).
Wer ihn sieht, sieht den Vater (Jn 14,9). Er ist der endgültige Bote und
Offenbarer des Vaters. So heißt es im Hebräerbrief:
1.
„Vielmals und auf mancherlei Art hatte Gott von alters her zu den
Vätern gesprochen durch die Propheten.
2.
In der Endzeit dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn,
den er zum Erben des Alls eingesetzt, durch den er auch die
Welten geschaffen hat“ (1,1-2).
Die ganze Schrift, Altes
und Neues Testament redet von Christus (D.V.13). Sehr schön drückt sich
Hugo von Sankt Victor aus: „Die ganze Heilige Schrift ist ein einziges
Buch, und dieses Buch ist Christus, denn die ganze göttliche Schrift
spricht von Christus, und die ganze göttliche Schrift geht in Christus in
Erfüllung“.
In der Schrift also begegnen wir Jesus Christus.
III.
Ein Vorschlag
Mehrere Beiträge haben die Frage der Priesteraus- und Fortbildung direkt
oder indirekt angesprochen.
Mit meiner Intervention in der Aula wollte auch ich die Aufmerksamkeit der
Synodenväter darauf lenken. Erlauben Sie mir, ihn hier zu zitieren:
Mein Vortrag betrifft das Bibelapostolat und besonders die Vorbereitung
oder Ausbildung der zukünftigen Priester auf das Bibelapostolat. Es sollte
als Lehrgang auf Universitätsniveau in den Seminaren und
Ausbildungshäusern der Orden eingeführt werden. Ich beziehe mich auf
Instrumentum laboris, Nr. 49, § 4; Sacramentum caritatis, Nr. 46.
Wenn das Gotteswort die
ganze Seelsorge der Kirche inspirieren soll (Instrumentum laboris, Nr. 48;
DV, Nr. 24), müssen wir die Ausbildung in den Großen Seminaren und in den
Ordenshäusern überdenken und umgestalten, weil das Studium des Gottesworts
kein normales Unterrichtsfach wie andere sein kann und sein wird und mit
diesen nicht zu vergleichen ist.
Das bedeutet, dass die
Vorbereitung der zukünftigen Priester sehr ernsthaft, wissenschaftlich und
spirituell erfolgen muss. Wir müssen leider einen gewissen diesbezüglichen
Mangel in der Ausbildung an den Seminaren beklagen. Beim Studium der Bibel
befolgt man vor allem die lectio scholastica, das „akademische Lesen“ der
Bibel, wobei vor allem intellektuelle Kenntnisse vermittelt werden, die
zwar notwendig sind, aber die spirituelle Lesung, d.h. die pastorale
Dimension des Gottesworts, völlig vernachlässigen.
Das Bibelapostolat als
akademisches Fach kann genau diesen Mangel beheben und dem Gläubigen
helfen, seinem Herrn zu begegnen, der zu ihm spricht und ihn in seinem
konkreten Leben anruft. Dieser Lehrgang könnte zwei Ziele haben:
a) bei den Seminaristen das
Bewusstsein wecken, dass die Heiligen Schriften das Gotteswort enthalten,
Quelle des christlichen Lebens und Instrument für den Seelsorger sind;
b) dem Seminaristen helfen, seine
Kenntnisse der Heiligen Schriften in seinem tagtäglichen Leben umzusetzen
(vgl. BICAM: Syllabus, Accra 2008, S. 21
In der Zwischenzeit hat der Heilige Vater ein Jahr der Priester
„proklamiert, und zwar vom 19. Juni 2009 bis zum 19. Juni 2010. Ist das
nicht ein Zeichen dafür, dass ihm dieses Anliegen am Herzen liegt? In der
Tat, die Hauptaufgabe des Priesters ist es, das Wort Gottes zu verkünden.
Wie könnte er diese Aufgabe richtig erfüllen, wenn er dieses Buch, die
Bibel nicht, wie der Prophet Ezechiel, „gegessen“ hat? (Ez 3,3-4; 2,8; cf
Jr 15,16; Offenbarung 10,10).
IV. Schluss
Die Synode über das Wort Gottes hat die Lehre der Dogmatischen
Konstitution über die Offenbarung „Dei Verbum“, unterstrichen und
vertieft. Explizit oder implizit wird auf sie immer wieder Bezug genommen.
Meiner Meinung nach, hat sie eine Relecture von Dei Verbum gemacht
und Schwerpunkte in der praktischen Pastoralarbeit gesetzt. Das hat, wie
wir gesehen haben, Konsequenzen, besonders auch für die Ausbildung nicht
nur der Priesteramtskandidaten, sondern auch aller Verantwortlichen in der
Pastoralarbeit.
Die Synode war ein „Kairos“, eine Gnade für die Kirche. Sie wird ein
tieferes Verständnis vom Wort Gottes und eine größere Liebe zu ihm bei den
Gläubigen erwecken. Somit wird die große Bedeutung und die zentrale Rolle
des Wortes Gottes für das Leben und die Sendung der Kirche stärker
unterstrichen.
Ich bin überzeugt, dass diese Synode wirklich „etwas Neues“ für das Leben
und die Sendung der Kirche bringen wird.
Ich
danke für Ihre Geduld und Aufmerksamkeit.
|