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"Ist das Wort Gottes eine Bischofssynode wert?"

Msg. J. Gaspard Mudiso Mund´la SVD, Bischof von Kenge, Dem. Rep. Kongo

„IST DAS WORT GOTTES EINE BISCHOFSSYNODE WERT?“

 Lieber Pater Provinzial, lieber P. Rektor,

verehrte Damen und Herren, liebe Gäste und Freunde, liebe Canisianer, 
Sie erinnern sich, dass vom 5. bis zum 26. Oktober 2008 die 12. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode im Vatikan stattfand. Ihr Thema: „Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche“. Sicher haben Sie auch Ihre Arbeit in den Medien (Radio, Fernsehen, in den Zeitungen oder in den kirchlichen Presseagenturen) verfolgt. 

 Zu Beginn möchte ich Herrn P. Rektor Gerwin Komma SJ und seiner Kommunität recht herzlich für die Einladung danken, über diese Synode hier im Canisianum zu sprechen. Es ist für mich eine große Ehre und eine Freude zugleich. 

Im ersten Teil dieses Vortags werde ich über die Arbeit der Synode berichten. Im zweiten Teil stelle ich Überlegungen an, die auf meine Beobachtungen zurückgehen und gebe meine Eindrücke wieder. Zum Schluss greife ich auf meinen Beitrag in der Aula zurück, der einen Vorschlag für die Aus- und Fortbildung der Priester und der Priesteramtskandidaten macht. 

Der Titel: „Ist das Wort Gottes eine Bischofssynode wert?“ Ist eine mir von einem Mitbruder im Priesteramt gleich nach der Synode gestellte provozierende Frage, die ich gerne an Sie weiterleiten möchte. Der liebe Mitbruder sagte: „Wozu eine Bischofssynode über das Wort Gottes? Es gibt viele wichtige Probleme mit denen sich die Kirche heute beschäftigen könnte und sollte. Seit Jahrhunderten lesen wir die Bibel. Wir kennen sie doch. Wird diese Synode eigentlich etwas Neues bringen? Das ist die Frage. Und ich denke, vielleicht fragen sich viele Leute und Mitchristen genauso. Ohne sofort eine Antwort darauf zu geben, es dürfte allein die Tatsache zu denken geben, dass der Papst überhaupt eine Bischofssynode über dieses Thema einberuft. Das zeigt schon, dass ihm dieses Thema ein wichtiges Anliegen für die Kirche und für die Welt ist. Soviel darf man schon an dieser Stelle sagen, meine ich. Aber zurück zu unserem Thema.

 I. Die zwei wichtigen Momente der Arbeit der Synode.

Die 254 Teilnehmer aus aller Welt haben mit großem Interesse und Engagement im Plenum wie in den kleinen Arbeitsgruppen (circuli minores) die Arbeit gemacht. Als Grundlage der Diskussionen diente das sogenannte Instrumentum laboris d. h. das Arbeitspapier, das jeder schon vorher bekommen hatte. Und jeder Synodevater verfügte über 5 Minuten, um seinen Beitrag im Plenum vorzulesen. Die circuli minores setzten die Arbeit in den linguistischen kleinen Gruppen fort. Sie hatten die Aufgabe, die Propositiones d.h. die Vorschläge herauszuarbeiten, welche dann dem Heiligen Vater übergeben werden sollen als Basis für das Post-synodale päpstliche Schreiben oder Dokument.

Von den 250 gemachten Vorschlägen wurden schließlich 55 festgehalten.

Ein zweites Dokument, das am Ende der Synode an die ganze Kirche gerichtet wird, ist der sogenannte „Nuntius“ d.h. die Schlussbotschaft. Sie wurde von einer ad hoc gebildeten Kommission unter dem Vorsitz von Erzbischof Giancarlo Ravasi formuliert, dem jüngst ernannten Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Kultur. 

Der Nuntius also und die Propositiones sind der unmittelbare Ertrag jeder Bischofssynode. Damit hat die Synode ihre Arbeit beendet.

 II. Die Propositiones

Die 55 Vorschläge wurden in 3 Themenbereiche gegliedert:
a)        Das Wort Gottes im Glauben der Kirche
b)        Das Wort Gottes im Leben der Kirche
c)         Das Wort Gottes in der Sendung der Kirche

Man könnte sie auch in zwei Kategorien zusammenfassen: die lehramtlich-theologischen und die pastoral-praktischen.

 A. Die lehramtlich-theologischen Propositiones

Unter den lehramtlich-theologischen Fragen möchte ich besonders die folgenden erwähnen:
1)                Die erste Frage, schon wegen ihrer oftmaligen Erwähnung in den Beiträgen, ist der sogenannte „Dualismus von Exegese und Theologie“. Viele Klagen wurden laut über die Engführung und Einschränkung der Exegese auf die historisch-kritische Methode. Die Folge wäre, dass die Bibel für den normalen Gläubigen unzugänglich werde und nicht genug spirituelle Nahrung anbiete (Vorschlag, n° 24). In seiner Intervention betonte der Heilige Vater gerade die Notwendigkeit von zwei Ebenen der exegetischen Forschung: der historischen und der theologischen (Cfr DV. 12). Die Vorschläge 25 bis 28 behandeln diesen Themenkomplex.

 2)                 Die zweite bedeutende Frage ist das alte Problem von Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel, das wegen eines ungenauen Zitats von DV. 11 im Instrumentum laboris, die Debatten zu dieser Frage auf dem Vatikanum II in Erinnerung rief. Propositio 12 bittet deshalb die Kongregation für die Glaubenslehre diese Frage zu klären.

Zu erwähnen sind auch die folgenden anderen lehramtlich-theologischen Fragen:

 a. die dialogische Dimension der Offenbarung (Prop. 4); 
 b. das A.T. in der Christlichen Bibel (Prop. 10);
 c. das Wort Gottes und das Naturgesetz (Prop. 13).

 

            B. Die pastoral-praktischen Fragen

  Sehr wichtig unter den pastoral-praktischen Fragen erscheinen mir die folgenden zu sein:

 1)            die Wirksamkeit der Predigt:

Viele Beiträge beschäftigten sich mit dieser Frage und mit Recht.

Denn der erste, wenn nicht der einzige Zugang der meisten Gläubigen zum Wort Gottes ist die Predigt am Sonntag. Aber viele Sonntagspredigten lassen viel zu wünschen übrig. Um Predigern zu helfen, sollte ein „Direktorium zur Homilie“ ausgearbeitet werden (Prop. 15). Es wird auch empfohlen, bei jeder Eucharistiefeier „cum populo“ eine Homilie zu halten.

 2)            Wortgottesdienst ohne Priester

Vorschlag 18 befürwortet solche Wortgottesdienste, besonders für Gemeinschaften, die keine Möglichkeit haben, am Sonntag Eucharistie zu feiern. Das ist für uns in Afrika keine Neuigkeit.

Vorschlag 21 empfiehlt die Bildung kleiner kirchlicher Gemeinschaften, wo das Wort Gottes gehört, studiert und in das Gebet hineingenommen wird. In vielen Ländern, wird festgestellt, existieren bereits solche kleine Gemeinschaften.

 3)            Die Rolle der Frauen

Die Frauen spielen eine unaufgebbare Rolle in der Weitergabe des Glaubens, vor allem in der Familie und in der Katechese. Vorschlag 17 äußert deshalb die Hoffnung, dass das Dienstamt des Lektors auch für Frauen zugänglich werde.

4)            Das Bibelapostolat

Vorschlag 29 bezieht sich auf die Aussage in D.V. 24, dass das Wort Gottes nicht nur die Seele der Theologie sei, sondern aller pastoralen Aktivitäten. Er anerkennt das Bibelapostolat und ermutigt dazu. Es ist notwendig, wird gesagt, von einer bloßen Bibelpastoral zu einer Durchdringung „jedes Dienstes“ mit der biblischen Dimension zu kommen (cfr Celam).

5)            Lectio divina

Vorschlag 22 ermahnt die Gläubigen, sich die Schrift mittels eifriger und vom Gebet getragener Lesung anzueignen (DV 25) damit sie zu einem Gespräch werde zwischen Gott und Mensch.

Andere wichtige Vorschläge dieser Kategorie sind z.B. das Problem der Inkulturation (Prop. 49); der Interreligiöse Dialog (Prop. 50; 52; 53) und die Bewahrung der Schöpfung (Prop. 54)

 III. Die Botschaft

 Die Schlussbotschaft ist etwas lang, aber biblisch und poetisch formuliert. Der Text ist voll von Zitaten und Reminiszenzen von der Heiligen Schrift. Er setzt einige Kenntnis von der Bibel voraus. Anders wird man ihn etwas schwer finden. Hier werden noch einmal die Hauptthemen der Synode zusammengefasst und präsentiert: die Offenbarung, die zentrale Rolle Jesu Christi in der Schrift, die Kirche und das Wort Gottes (Verhältnis); die Mission ad Gentes, die Mass-Media und die Kommunikation, die Begegnung mit anderen Kulturen und Religionen. Es ist nicht nötig in die Einzelheiten einzugehen. Sie können selbst den schönen Text lesen und meditieren.

Damit komme ich zum zweiten Teil meines Vortrags. 

II. Teil

I. Die Heilige Schrift in der Katholischen Kirche: ein kurzer Überblick. 

1)            Die Schrift vor dem Vaticanum II im katholischen Raum

Die Situation der Katholischen Kirche zur Zeit des Ökumenischen Konzils Vaticanum II könnte mit dem Wort von Paul Claudel etwa so beschrieben werden: „Der Respekt vor der Heiligen Schrift ist grenzenlos: er manifestiert sich vor allem darin, dass man ihr fern bleibt“[1].

            Das ist sicher übertrieben, aber nicht ganz falsch. Lange Zeit blieb der Katholik der Schrift, der Bibel fern. Das Hauptmotiv für diese Situation war wohl „ein gewisses Misstrauen der kirchlichen Obrigkeit gegenüber Bibel lesenden Laien … Es entstand als Folge der Reformation und anderer Bewegungen, die sich seit dem Mittelalter durchsetzten und die den direkten Kontakt der Laien mit der Schrift anstrebten“. Bis ins Mittelalter ist nichts über Maßnahmen bekannt, die auf eine Beschränkung des Zugangs zur Schrift abzielten“; aber später[2].

            So war der Zugang zur Heiligen Schrift sehr erschwert für die Katholiken. Die Sonntagspredigt half nicht viel, da sie oft „moralisierend“ war und das Wort Gottes selten erklärt wurde und zur Nahrung der Seele gemacht (D.V. 24 §3). Vielmehr wurde das Wort Gottes als ein Anhang gehalten.

 2)            Die Schrift nach Vaticanum II

Die Wende kam mit dem zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965). Es ist fast eine Revolution im katholischen Raum eingetreten[3].

 In der Tat, es ist das große Verdienst dieses Konzils das Wort Gottes wieder in die Mitte des kirchlichen Lebens gestellt und den Zugang zur Schrift für alle gefordert zu haben, und zwar mit der Dogmatischen Konstitution über die Offenbarung: Dei Verbum (1965). Sie hat der Katholischen Kirche neuen Impuls gegeben. Die Berichte der 5 Kontinente in der Synode-Aula haben es deutlich gezeigt.

 Nach dem Konzil also gewinnt das Wort Gottes mehr an Bedeutung im Leben der Katholiken.

3)            Die Bischofssynode (2008)

Doch, dass 43 Jahre nach dem Konzil eine Bischofssynode über das Wort Gottes einberufen wurde, ist ein Zeichen dafür, dass diese Konstitution Dei Verbum und ihre Lehre immer noch wenig bekannt sind bei den Gläubigen und das Wort Gottes noch an der Oberfläche bleibt. Es ist noch nicht zur Nahrung der Seele geworden. Erzbischof John Onayekan von Abuja (Nigeria) hat in seinem Referat die Situation in Afrika wie folgt beschrieben: Das Volk Gottes in Afrika hungert und dürstet immer noch nach dem Wort Gottes. Es fehlen noch Übersetzungen in verschiedenen Sprachen des Kontinents. Es fehlen Kommentare, die dem Volk helfen, das Wort richtig zu verstehen und zu interpretieren. Die Synode war ein (καιρός) „Kairos“ für die Kirche. Sie hatte die Aufgabe, dem Volk Gottes die Lehre des Konzils in Dei Verbum neu zu erschließen und die Liebe zum Wort Gottes zu entzünden (Cfr D.V., Kap. VI).

 II. Kirche und Wort Gottes

 Die folgenden Überlegungen versuchen die gegenseitige Rolle bzw. Beziehung von Kirche und Wort Gottes an einigen Punkten aufzuzeigen (Cfr D.V. 1).

1)            Der Auftrag der Kirche

Die Kirche lebt vom Wort Gottes; das Wort bildet die Kirche. Ihre Sendung und ihr Auftrag ist es, das Wort Gottes allen Menschen und Nationen zu verkünden. Alle Menschen und Völker sollen das Wort Gottes, das Wort des Lebens hören, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben (Jn 10,10). Das ist „La raison d’être“ der Kirche. Paulus sagt zu Timotheus, er soll das Wort Gottes gelegen und ungelegen verkünden (Cfr 2 Tim 4, 2-3; 1Cor 9, 16). In diesem Sinne ist es richtig zu sagen: Das Wort Gottes ist die Sendung der Kirche.

2)            Das Wort Gottes


Was ist das Wort Gottes von dem hier die Rede ist? Was versteht man darunter? In der Tat, der Ausdruck „Wort Gottes“ kann mehrere und verschiedene Bedeutungen haben. Mich hat eben die große Bandbreite von Themen und Anliegen beeindruckt, die in den Beiträgen über „das Wort Gottes“ angesprochen wurden. Der Ausdruck kann unter verschiedenen Aspekten betrachtet werden. Das Instrumentum laboris n° 9 spricht von „ein Lied mit mehreren Stimmen“. Bereits die Lineamenta sprachen von einer „Symphonie“ von Bedeutungen.

Was ist also das Wort Gottes? Ist es ein Wort, das über Gott redet? Ein Wort, das uns Gott bekannt macht, ihn offenbart? Uns sein Gesicht zeigt und sein Herz öffnet? Oder handelt es sich um ein Wort, das Gott spricht, das von ihm herkommt und an uns gerichtet ist? Ein Wort also, das uns den Willen Gottes offenbart? Vielleicht geht es um beides? Ist es die Schöpfung, das lautlose Wort Gottes, wie es heißt: „Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, die Himmelsfeste verkündet das Werk seiner Hände. Da ist keine Sprache, kein Wort, unhörbar bleibt ihre Stimme“. (Ps 19, 2-4; cfr Gn 1, 1ss). Der ökumenische Patriarch Bartholomäus stellt mit Recht fest: „Das Wort Gottes hat eine erstaunliche Fähigkeit, sich den verschiedenen Adressaten oder Kategorien von Personen und kulturellen Kontexten anzupassen. Dies ist die missionarische Dimension der Kirche (Mt 28, 19)[4]. Das Wort Gottes geht der Bibel voraus und über die Bibel hinaus. Im Folgenden geht es um das geschriebene Wort in der Heiligen Schrift.

3)            Kennen wir die Schrift?

Vor einigen Jahren schrieb der bekannte (und verstorbene) Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar ein Büchlein mit dem provozierenden Titel: Kennt uns Jesus? Kennen wir ihn? (Herder 1980). Der Autor spricht darin „die aktuelle Frage der Vereinbarkeit von Modernität und Glaube an“. Es lohnt sich gerade heute, dieses Büchlein zu studieren. Wir können uns heute auch fragen: Kennen wir die Heilige Schrift? Kennen wir Jesus Christus? Das Instrumentum laboris weist in diesem Zusammenhang auf das Wort vom Heiligen Hieronymus hin: „Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen“ (D.V. Kap. VI, n° 25). Positiv formuliert, heißt es: Die Schrift kennen heißt Christus kennen. Aber so einfach ist es vielleicht auch nicht. Denn, die Frage ist: Wie gut, wie persönlich kennen wir Jesus Christus? Wie gut kennen wir die Schrift? Es geht nicht darum, Kapitel und Verse der Schrift auswendig zu kennen und zu rezitieren. Denn, es handelt sich hier nicht um eine bloß intellektuelle Kenntnis, um ein Wissen über die Schrift[5]. Das Verb „Kennen“[...] will hier im semitisch-biblischen Sinn verstanden werden. Und das meint: Sich zu eigen machen; in Lebensgemeinschaft, in Kommunion mit einer Person treten, eine persönliche Beziehung mit jemandem haben (cfr Gen 4, 1ff); Gemeinschaft mit einer Person haben, „das Erkennen in der Begegnung“ (Claus Westermann, B.K. AT, Genesis, 1-11, S. 393, 3 1983). Von Rad kommentiert: „Dieses Zeitwort, das neben dem Erkennen im intellektuellen Sinn zugleich den Begriff des Erfahrens, des Vertrautseins mit umschließt … (S.85). Zu Gn 2, 16-17 schreibt er: „Dass das Verbum […] keineswegs das rein intellektuelle Erkennen meint, sondern viel mehr noch ein „erfahren“, ein „vertraut werden mit“[6]. Ob wir die Schrift so kennen, dass wir in persönliche Beziehung mit Christus treten, mit ihm Gemeinschaft haben?

4)            Die Macht des Wortes

Was die Schrift, das geschriebene Wort für den Europäer ist, das ist für den Schwarzafrikaner das Wort. Das gesprochene Wort hat Macht. Der Europäer hat das nicht ganz vergessen. Die Ausdrücke: sein Wort geben oder halten, ein Mann des Wortes u.s.w. zeigen es. Unsere Vorfahren in Schwarzafrika kannten keine Schrift. Umso mehr Gewicht hatte das gesprochene Wort. Ein Wort ist nicht umsonst, ohne Grund gesprochen. Es sagt „etwas“. Das Wort Gottes ist noch mächtiger. Es wirkt, was es sagt. Gott spricht und es geschieht etwas (cfr Gn 1,1ss). In He 4, 12 heißt es: „Das Wort Gottes ist voll Leben und voll Kraft … Es zwingt den Menschen, seine Absichten zu enthüllen. Es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, Gelenk und Mark und ein Richter ist es über Gesinnungen und Gedanken des Herzens“. Jesus hat nichts geschrieben (Cfr Joh 8,8). Noch hat er eine sehr intensive Lehrtätigkeit entwickelt. Er hat das Wort Gottes in Wort und Tat verkündigt. Und sein Wort hat Wunder gewirkt (Cfr Mk 1,32ff; 2,1-12,3, 1-6; 6,30-44, etc.)

 Und er hat die Apostel gesandt, seine Arbeit fortzusetzen: „Gehet hin in alle Welt und verkündet die Heilsbotschaft allen Geschöpfen.“ (Mk 16,15. Vgl. Mt 28,18-20). 

 Die Apostel haben also zuerst das Wort gesprochen. Später haben sie oder ihre Schüler dann es niedergeschrieben, um ihr Zeugnis für das Evangelium Jesu Christi den späteren, zukünftigen Generationen weiter abzulegen. So heißt es in Mk 16,20: „Jene aber zogen hinaus und predigten überall; und der Herr wirkte mit ihnen und bestätigte das Wort durch die begleitenden Zeichen.“ 

 Ihr Wort, wie das Wort Jesu, hatte Macht; es wirkte Wunder (Cfr 2,14 ff; 3,1-10; 5,1ff). Um aber die Macht des Wortes zu erfahren, muss man sich Gott im Glauben öffnen.

 5)            Die notwendige Metanoia

Das Studium der Schrift, das Meditieren, das Teilen des Wortes, die Lectio Divina haben zum Ziel, die Begegnung mit Christus zu ermöglichen, indem das Wort zur Metanoia, zur Umkehr unseres Lebens und Herzens führt.

Denn, wenn wir davon überzeugt sind, dass Gott zu uns in Christus gesprochen hat und das Wort, das wir hören, wahrhaftig Gottes Wort ist, dann müssen wir horchen und gehorchen, und es in oboedientia fidei annehmen (Rm 1,5). So können wir seine Kraft in unserem Leben erfahren.

 6)            Jesus Christus

Das Wort Gottes, das die Kirche verkündigt, ist eine Person: Jesus Christus. Er ist das Wort Gottes par excellence, das menschgewordene Wort des Vaters (Jn 1,14), der eingeborene Sohn Gottes (Mc 9,7; 1,11). Er ist es, der uns Gottes Angesicht zeigt und Gottes Herz offenbart (Jn 14,23). Wer ihn sieht, sieht den Vater (Jn 14,9). Er ist der endgültige Bote und Offenbarer des Vaters. So heißt es im Hebräerbrief:

1.              „Vielmals und auf mancherlei Art hatte Gott von alters her zu den Vätern gesprochen durch die Propheten.

2.              In der Endzeit dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt, durch den er auch die Welten geschaffen hat“ (1,1-2).

 Die ganze Schrift, Altes und Neues Testament redet von Christus (D.V.13). Sehr schön drückt sich Hugo von Sankt Victor aus: „Die ganze Heilige Schrift ist ein einziges Buch, und dieses Buch ist Christus, denn die ganze göttliche Schrift spricht von Christus, und die ganze göttliche Schrift geht in Christus in Erfüllung“[7]. In der Schrift also begegnen wir Jesus Christus.

III. Ein Vorschlag
Mehrere Beiträge haben die Frage der Priesteraus- und Fortbildung direkt oder indirekt angesprochen[8]. Mit meiner Intervention in der Aula wollte auch ich die Aufmerksamkeit der Synodenväter darauf lenken. Erlauben Sie mir, ihn hier zu zitieren:

Mein Vortrag betrifft das Bibelapostolat und besonders die Vorbereitung oder Ausbildung der zukünftigen Priester auf das Bibelapostolat. Es sollte als Lehrgang auf Universitätsniveau in den Seminaren und Ausbildungshäusern der Orden eingeführt werden. Ich beziehe mich auf Instrumentum laboris, Nr. 49, § 4; Sacramentum caritatis, Nr. 46.

 Wenn das Gotteswort die ganze Seelsorge der Kirche inspirieren soll (Instrumentum laboris, Nr. 48; DV, Nr. 24), müssen wir die Ausbildung in den Großen Seminaren und in den Ordenshäusern überdenken und umgestalten, weil das Studium des Gottesworts kein normales Unterrichtsfach wie andere sein kann und sein wird und mit diesen nicht zu vergleichen ist.

 Das bedeutet, dass die Vorbereitung der zukünftigen Priester sehr ernsthaft, wissenschaftlich und spirituell erfolgen muss. Wir müssen leider einen gewissen diesbezüglichen Mangel in der Ausbildung an den Seminaren beklagen. Beim Studium der Bibel befolgt man vor allem die lectio scholastica, das „akademische Lesen“ der Bibel, wobei vor allem intellektuelle Kenntnisse vermittelt werden, die zwar notwendig sind, aber die spirituelle Lesung, d.h. die pastorale Dimension des Gottesworts, völlig vernachlässigen.

 Das Bibelapostolat als akademisches Fach kann genau diesen Mangel beheben und dem Gläubigen helfen, seinem Herrn zu begegnen, der zu ihm spricht und ihn in seinem konkreten Leben anruft. Dieser Lehrgang könnte zwei Ziele haben:

a) bei den Seminaristen das Bewusstsein wecken, dass die Heiligen Schriften das Gotteswort enthalten, Quelle des christlichen Lebens und Instrument für den Seelsorger sind;

b) dem Seminaristen helfen, seine Kenntnisse der Heiligen Schriften in seinem tagtäglichen Leben umzusetzen (vgl. BICAM: Syllabus, Accra 2008, S. 21
In der Zwischenzeit hat der Heilige Vater ein Jahr der Priester „proklamiert, und zwar vom 19. Juni 2009 bis zum 19. Juni 2010. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass ihm dieses Anliegen am Herzen liegt? In der Tat, die Hauptaufgabe des Priesters ist es, das Wort Gottes zu verkünden. Wie könnte er diese Aufgabe richtig erfüllen, wenn er dieses Buch, die Bibel nicht, wie der Prophet Ezechiel, „gegessen“ hat? (Ez 3,3-4; 2,8; cf Jr 15,16; Offenbarung 10,10).

IV. Schluss

Die Synode über das Wort Gottes hat die Lehre der Dogmatischen Konstitution über die Offenbarung „Dei Verbum“, unterstrichen und vertieft. Explizit oder implizit wird auf sie immer wieder Bezug genommen. Meiner Meinung nach, hat sie eine Relecture von Dei Verbum gemacht und Schwerpunkte in der praktischen Pastoralarbeit gesetzt. Das hat, wie wir gesehen haben, Konsequenzen, besonders auch für die Ausbildung nicht nur der Priesteramtskandidaten, sondern auch aller Verantwortlichen in der Pastoralarbeit.

Die Synode war ein „Kairos“, eine Gnade für die Kirche. Sie wird ein tieferes Verständnis vom Wort Gottes und eine größere Liebe zu ihm bei den Gläubigen erwecken. Somit wird die große Bedeutung und die zentrale Rolle des Wortes Gottes für das Leben und die Sendung der Kirche stärker unterstrichen.

Ich bin überzeugt, dass diese Synode wirklich „etwas Neues“ für das Leben und die Sendung der Kirche bringen wird.

Ich danke für Ihre Geduld und Aufmerksamkeit.


 

[1] P. Claudel, in:L’Ecriture Sainte, in: La vie intellectuelle 16 (1948), 10 cfr D.V. Bulletin, 76/77, Deutsche Ausgabe, s. 35, § 5, 2005.

[2] Cfr. Card. Carlo Maria Martini, ebda, S. 36.

Cfr. Das Konzil von Tolosa (1229); das Konzil von Oxford (1408); Papst Paul V (1559); Papst Pius IV (1564): Index und Verbot der Übersetzungen in den Lokalsprachen.

[3] J. Onayekan, in: The Word of God for ever, in: The year of the Bibel in Africa (BICAM), S.79 spricht von “a revolution”.

[4] Cfr Sein Beitrag, in: Edition Française, n°3 du 18/10/2008, S. 4§2) von Osservatore Romano.

[5] H. Urs von Balthasar, ebda S. 75 ss.

[6] G. von Rad, Das ATD 2, Das erste Buch Mose, Kap. 1-12, 1962, S. 65; Gn 3,5, S. 71

[7] Noe 2,8 zitiert, in: Katechismus der Katholischen Kirche, Kurztexte, 134.

[8] Cfr bes. Propositio 31.


 

 


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