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Wenn in der „langen Nacht der Kirchen“ in unserem Land auch das Thema
„Heimat“ angesprochen werden soll, dann wüsste ich
mir keinen besseren Platz dafür, als dieses Gotteshaus. Die Kirche von „Mariahilf“
wurde zum Dank für die bewahrte Heimat nach
dem dreißigjährigen Krieg errichtet. Und es ist hier sicher das einzige
Hochaltarbild in Tirol, das die Tiroler Landstände in Dankbarkeit
vor dem Bild Mariens zeigt. In diesem Jahr ist bei uns das Wort „Heimat“
in aller Munde – und zwar mit ganz
verschiedenen Untertönen: Vergangenheitsselig und zukunftsgerichtet,
pathetisch- patriotisch und kämpferisch-national, sentimental-
kitschig und sozial engagiert, sorgenvoll- kritisch und glücklich dankbar.
Und wegen der Vielschichtigkeit dieses Wortes erlaube ich mir, das Thema
„Heimat“ nun in der in der Form einer kleinen Symphonie zu behandeln – mit
verschiedenen Sätzen. Ich beginne mit einem dumpfen
Paukenschlag und seinem langen Wiederhall, setze mit Volkslied und
Glockenklang fort, muss im dritten Satz einige Misstöne und Disharmonien
aufarbeiten, erinnere im vierten an eine moderne Variation des alten
Themas und schließe mit einem Finale.
Der Paukenschlag
Es geschah in einer Deutschstunde in unserem Gymnasium in Innsbruck in den
Dreißigerjahren. Unser Deutschlehrer hatte eine besondere Begabung,
Gedichte einprägsam vorzutragen. Und so las er ein Gedicht von
Friedrich Nietzsche. Er war ein düsteres Lied von einem grauen Wintertag –
und schloss mit dem Refrain: „Weh dem, der keine Heimat hat!“ Nietzsche
hat damit wohl seinen eigenen Seelenzustand zum Ausdruck gebracht,
aber er hat nicht geahnt, dass er damit für das 20. Jahrhuntert, das vor
ihm lag, sozusagen prophetisch eine düstere Hymne geschrieben hat. Kein
Jahrhundert der Weltgeschichte hat so viele Verjagte, Vertriebene,
Ausgesiedelte, Umgesiedelte, Deportierte,
Displaced persons, Flüchtlingsströme und Ausgerottete hervorgebracht wie
das zwanzigste. Die Zahlen, die seinerzeit die Völkerwanderung
bewegt hat, sind dagegen eine Kleinigkeit. Aber dieses Jahrhundert hat
nicht nur die größte Zahl derer produziert, die die äußere Heimat verloren
haben. Es hat sicher auch die größte Zahl von seelisch Entwurzelten,
Verunsicherten, innerlich Unbehausten, Isolierten, Vereinsamten, sich in
der Masse verloren Fühlenden und der tragenden Werte Beraubten auf der
Strecke bleiben lassen.
In dieser Epoche des größten Fortschritts sind auch gewaltige entbergende
Mächte aufgebrochen. Da ist der verwirrende Pluralismus
der Gesellschaft, kombiniert mit den gewaltig gewachsenen technischen
Möglichkeiten der Kommunikation, die den „maßlos informierten Menschen“
geschaffen haben, wie ihn Steinbuch in seinem bekannten Buch genannt hat.
Da gab es die Diktaturen, die alle diese Möglichkeiten mit dem totalitären
Staat verbanden – und da haben wir heute in der freieren Welt mächtige
Instrumente der Beeinflussung, geheime Diktaturen von Mode und Zeitgeist
und politischen und wirtschaftlichen Interessen. Es ist nicht
verwunderlich, wenn das Ergebnis
sehr oft eben nicht der aufgeklärte und selbstständig denkende
Mensch ist, sondern der fremdgeleitete, heteronome
Massenmensch, der so leicht den inneren Kompass seines Handelns verliert.
Zu den entbergenden Mächten unserer Zeit gehört sicher auch die
Brüchigkeit menschlicher und familiärer Bindungen. Entbergend ist auch so
mancher Trend in der Kulturszene, wenn in Bühne, Bild, Wort und Film das
Ausweglose, Belastende, Schockierende, Brutale, Unmenschliche und
Hässliche akzentuiert wird. Es gibt viele entbergende
Ströme in unserer Welt, die dem Menschen die Heimat des Herzens und den
inneren Halt rauben können. Der Refrain Nietzsches „Weh dem, der keine
Heimat hat“ ist also der Satz mit dem Paukenschlag und dem Jahrhundertecho
des äußeren und inneren Heimatverlustes für viele.
Der zweite Satz in der kleinen Symphonie zur Heimat ist anderer Art.
Er ist wie
Volkslied und Glockenklang.
Es ist kein Zweifel, dass in unserem Land das Wort „Heimat“ doch bei
vielen Menschen eine ganze Woge von positivem Gefühl
auslöst. Da schwingt Geschichte, vertraute Landschaft, Brauch und
Volksmusik, Tracht, Verein und menschliche Verbundenheit mit. Und wenn wir
den Blick nur erheben über unsere an Geschichte und Kultur reiche Stadt,
dann erschließt sich uns ein einmalig schönes Land mit all den lieben
Eigenschaften und Besonderheiten der Talschaften vom Paznaun bis ins
Sarntal, vom Wilden Kaiser bis zum Latemar. Es ist keine
Übertreibung, wenn ich hier von einem ausnehmend starken Heimatbewusstsein
spreche. Das Allensbacher Institut in Deutschland
hat vor Jahren eine Untersuchung für alle Länder Deutschlands und
Österreichs gestartet, in der gefragt wurde, wie sehr oder
wie wenig sich die Bewohner eines Landes mit diesem identifizieren, wie
gerne sie also Niedersachsen, Hessen oder Steirer sind. In
dieser Befragung lag die Quote in manchen Ländern Deutschlands bei 22%.
Hingegen haben 84 % der Bewohner erklärt, dass
sie gerne Tiroler seien und froh seien, hier leben zu dürfen. Nordtirol
lag damit an der Spitze. Der Allensbacher Kommentar hat
damals darauf hingewiesen, dass ein derart lebendiges Heimatgefühl immer
auch ein Gradmesser für andere menschliche Werte
sei. In diesem zweiten Satz ist also wirklich Volksweise und Glockenklang-
und nicht überall wird dieser Satz der Symphonie der
Heimat so forte und vivace gespielt. Dieses Heimatgefühl hat natürlich
eine sehr stark nostalgisch-historisch-landschaftliche Komponente.
Bergwelten verstärken Heimatgefühle. Jeder Stein, jede Mauer, jeder Turm
weiß Geschichten zu erzählen. Es gibt eine
Flut diesbezüglicher Literatur und wissenschaftlicher Untersuchungen,
Dorfbücher, Bildbände und Veröffentlichungen – und das
alles hat das Wissen um die vertraute Umwelt verstärkt. Vielleicht müsste
man aber doch bedenken, dass in der jungen Generation dieses Heimatgefühl
teilweise doch eine Veränderung erfährt und erfahren muss. Der Horizont
unserer jungen Generation weitet sich.
Ich denke da an einen Besuch in einem renommierten Fremdenverkehrsort. Vor
einem mit allem Komfort versehenen Vierstern-
Hotel sitzt ein alter Mann mit der Pfeife auf einer Bank. Wie ich ein Kind
war, stand an der Stelle noch der kleine, ein wenig windschiefe
Hof mit fünf Stück Vieh. Der Sohn hat dann das Gasthaus errichtet, der
Enkel hat es zum Sporthotel ausgebaut. Der Urenkel
ist derzeit auf Hotelpraxis an der Côte d’Azur, und die Urenkelin
praktiziert in Miami. Was ist da in einem Menschenalter geschehen!
Der alte Mann mit der Pfeife hat noch das Bergheu auf dem Buckel in den
Stadel getragen … Und die Jungen? Es ist
klar, dass ihr Heimatverständnis ein wenig von der
romantisch-nostalgischen Prägung abrückt. Aber deshalb muss es nicht
sterben.
Ich glaube, dass es die Aufgabe der jungen Generation sein wird, die
Bejahung de r Heimat mit einem Flair von Weite und
Offenheit zu verbinden, ohne die bei überkommenem Heimatverständnis gar
nicht seltene provinzielle Überheblichkeit und verachtende
Ablehnung des Fremden, so nach der Melodie: „Bist a Tiroler, bist a
Mensch.“ Die Heimatliebe von morgen wird eine weite
und tolerante sein müssen. Aber damit leiten wir schon über zum dritten
Satz der Symphonie. Er geht um die Bewältigung von
Misstönen und Dissonanzen. Sie haben des öfteren die edlen Heimatgefühle
verdunkelt und getrübt. Man kann es
schon im Aufbruch dieser Gefühle im Zeitalter der Romantik spüren.
Selbstverständlich war 1809 ein besonderes Heimatgefühl, voll
der Bedrohung und der Abwehr dieser Aggression und der Gefahr, in den
Menschen lebendig. Aber wir dürfen nicht vergessen,
im Menschen ist seit Urzeiten mit der Bewahrung des Vertrauten auch der
Horror vor dem Fremden da. Und so war mit dem Bewusstwerden
von Heimat auch die Gefahr der Ablehnung und der Verachtung der anderen,
der Fremden da, aus der Kultur der Heimat wurde ein Heimatkult, gepaart
mit Überheblichkeit und Nationalstolz. Und wir wissen, zu welchen
Tragödien des Jahrhunderts
diese Strömungen geführt haben. Diese Art von Heimatbesitzgefühl hat das
Heimatverständnis des Anderen, des Anderssprachigen
nie verstanden und verstehen wollen, auf allen Seiten, und in ganz Europa.
Südtirol kann zu diesem Satz der Symphonie
eine besonders tragische Variation beisteuern. Das Heimatpathos erreichte
den Gipfel der Pervertierung in der unseligen Blut- und
Boden-Ideologie, die letztlich nur noch ein heroisch verklärter
biologischer Materialismus war. Ich habe sie alle noch im Ohr, die
Sprüche und Gesänge meiner Kindheit und Jugend, die alle Heimat mit
Aggression und Verachtung verbunden haben. Es musste viel Blut
fließen, bis diese Ideologien unter dem Boden waren. Bei manchen klingen
sie immer noch nach, die Lieder vom Adler, der
„vom Feindesblute rot ist“, das „Salve, popolo d’eroi, salve o patria
immortale“, und das Lied vom „Gott, der Eisen wachsen ließ, weil er keine
Knechte wollte.“ Das waren Dissonanzen, die im 19. Jahrhundert begannen
und im 20. unerträglich wurden. Es gibt noch einen anderen Misston um das
Thema Heimat – sicher harmloser, aber doch auch entwertend in seiner
Wirkung: Das schöne Wort „Heimat“ ist streckenweise
in die Kitschkiste gefallen, oder um in unserer Sprache zu bleiben, in den
sentimentalen Schmalzhafen. Hierher gehört die Wilderertragödie mit dem
Herzschuss neben dem gefällten Sechzehnender. Und Hansls wehmütiges
Waldhornecho von der Ochsenwand nach der zerbrochenen Liebe. Und die
vorgetäuschte Urwüchsigkeit in der Bar der Nobelherberge. Und so mancher
Tirolerabend. – Ich bitte um Entschuldigung,
ich bin nämlich ein Geschädigter. Ich hatte durch 25 Jahre in Innsbruck
eine Wohnung. Zwei Häuser weiter war ein großes Lokal,
wo jeden Tag ein Tirolerabend stieg, bei offenen Saalfenstern, zehnmal,
zwanzigmal, hundertmal. Ich konnte meine Uhr danach stellen. Um 22 Uhr
kamen die Kuhschellen, um 22,15 trampelte der Watschentanz, um 22,30
verebbte der letzte Schmalzjodler. Bis 23.30 dauerte es, dass der letzte
alkoholisierte Gast im Bus verstaut war. Ich sage Ihnen, in diesen Jahren
wurde meine Heimatliebe auf eine harte Probe gestellt. Heimat und Kommerz
kann zu einer gefährlichen Paarung werden. Beide Dissonanzen – die
nationalistischagressiv- verachtende und die unecht-sentimental- verlogene
haben den Heimatgedanken in eine gewisse Krise gebracht. Als ich nach dem
Zweiten Weltkrieg in der Lehrerbildung tätig war, musste ich feststellen,
dass „Heimat“ aus den Lehrplänen weitgehend gestrichen war. „Heimat“
teilte das Schicksal
missbrauchter Werte. In manchen sich fortschrittlich fühlenden
erziehungswissenschaftlichen Kreisen galt Heimat als faschistoider
Begriff, konservativ-rückständiges Erbe. „Heimatkunde“ wurde zum
„Sachunterricht“. Da ich damals einen Sachkatalog
zu allen pädagogischen Problemen erarbeitet habe, weiß ich, wie im
deutschen Sprachraum die Einstellungen waren. Die Misstöne rund um das
Thema „Heimat“, die Verzerrungen und Dissonanzen hatten diesen Wert
korrumpiert. Aber dieser dritte Satz ist nicht der letzte.
Es begann auf einmal eine Renaissance des Heimatbegriffes, und zwar aus
einer Ecke, aus der man es eigentlich gar nicht so erwartete.
Es war wie die Bearbeitung eines alten Themas in modernen, herberen, aber
anspruchsvolleren Weisen.
„Heimat“ in den Humanwissenschaften.
In den anthropologischen Wissenschaften begannen auf einmal Forschungen
und Gedanken stärker um Themen wie „Identitätsverlust“,
„Identitätsfindung“, „Entfremdung“ und „Geborgenheit“ zu kreisen. Die
Verhaltensforschung erkannte, angefangen vom höheren Tierreich, dass das
Lebewesen eine Nische braucht, eine Höhle, einen Bau, ein Reduit, einen
Raum der Sicherheit, vor allem in der Kindheit, aber auch später, und dass
das auch in verstärktem Maße für das Menschenkind und den Menschen gilt.
Der Mensch braucht in erweitertem Sinn den
geschützten Raum, die Atmosphäre des Vertrauten. In jener Psychologie, die
sich um den ganzen Menschen bemüht, sprach
man von der Wichtigkeit des „Urvertrauens“ (Fromm). Der Pädagoge der
Existentialphilosophie, Bollnow, beschwor das „Seinsvertrauen“.
Der Schweizer Paul Moor, der die große zweibändige „Heilpädagogische
Psychologie“ geschrieben hat, widmet den Großteil eines Bandes dem
„Inneren Halt“, der im geschädigten Menschen aufgebaut werden müsse. Auch
die Bemühungen Viktor Frankls um Sinnfindung gehen in dieselbe Richtung.
Obwohl der Mensch bekanntlich das mobilste, anpassungsfähigste, wagende,
ins Unbekannte vorstoßende Wesen ist, braucht er doch ein Reduit, einen
Raum von Frieden und Ruhen. Der Mensch ist das „riskierte Wesen“, wie ihn
der Verhaltensforscher
Eibl-Eibesfeldt genannt hat – aber auch der Wagemutigste braucht zu einem
geglückten Menschsein ein Stück Sicherheit und Geborgenheit (bei
Astronauten hat man bei der Auswahl ausdrücklich darauf geachtet, dass sie
diesen emotionalen Hintergrund haben). Aus all diesen Erkenntnissen der
anthropologischen Wissenschaften ergibt sich eine neue, tiefere,
verinnerlichtere Sicht von Heimat. Vielleicht darf ich Heimat so
definieren:
Ein kleines Stück vertrauter Welt, das von Liebe durchweht ist.
Das ist noch mehr als die gängige, überkommene Heimatvorstellung, die doch
sehr stark das äußere Ambiente des Menschen im Auge hat, die
landschaftsgebundene, historisch-gewachsene, umweltvertraute, ästhetisch-
kultivierte Seite. Das alles ist mit der modernen Sicht von Heimat nicht
entwertet.Aber Heimat ist nun tiefer in die menschliche Existenz
verlagert. Wir ahnen, dass ein Zigeunerkind, das eine liebende Mutter hat,
im Wohnwagen Heimat erlebt, und der High-Society-Sprössling in der
Luxusvilla am Traumstrand unter Umständen nicht. Bei dieser Heimat des
Herzens spielen bergende Menschen, Nestwärme, gelungene Beziehungen,
bergende Vollzüge, familiäre Kultur, Fest und Feier eine große Rolle.
Und der Rosengarten im Abendlicht, die heute so gepflegte Volksmusik und
die Kunst, alte Instrumente neu erklingen zu lassen, das Wissen um die
Geschichten, die um die Mauern dieser Burg kreisen, das
Kaffeegeschirr, das noch von der Urgroßmutter stammt und das man pflegt,
die Landschaft mit den vertrauten Bergrouten und Gipfeln, wo sich so viele
Erinnerungen verbergen – das alles ist Zugabe, wunderbare Zugabe, für die
wir dankbar sein sollen und für die wir als Heimatverbundene so viel Liebe
und Sorgfalt aufwenden. Aber Heimat ist mehr als der äußere Rahmen.
Und hier dämmert uns auch, dass „Heimat haben“ mit einer gewissen stabilen
Wertlandschaft in der Seele zusammenhängt. Man kann nicht gut Heimat
erfahren, wenn man in allen Lebensfragen und Überzeugungen nur ein
Getriebener, Verunsicherter, Fremdbestimmter, Manipulierter ist – wie es
im Epheserbrief (4,14) heißt: „Ein Spiel der Wellen, hin- und hergetrieben
im Widerstreit der Meinungen … „ So
wie unsere äußere Heimat umgrenzt ist von Serles und Gantkofel, von den
festen Silhouetten der Berge, so braucht auch die Innenseite
meiner Existenz ein gewisses Maß gültiger, tragender Horizonte, und vor
allem einen innersten Bereich des Versöhnt- und Geborgenseins.
Und damit gehen wir über ins
Finale.
Darf ich es ganz ungeschützt und durchaus im Bewusstsein, dass mir nicht
jeder Zuhörer zu folgen vermag, aber aus tiefster persönlicher
Überzeugung aussprechen: Zu Ende gedacht werden kann die Vision „Heimat“
nur im Glauben. Und zwar nicht in jeder Art von Glauben, sondern nur im
Glauben an einen bergenden Gott. Wenn wir schon in dieser Welt „Heimat“
als ein kleines Stück Wirklichkeit erleben, das
von Liebe durchweht ist, dann bekommt das Wort Jesu, das er beim Letzten
Mahl vor seinen Jüngern ausgesprochen hat, eine besondere Strahlkraft:
„Ich gehe hin, euch eine Heimat zu bereiten …“ (Joh 14,2).
Bei einem Besuch bei einer Sterbenden im Hospiz hat diese Frau zu mir
gesagt: „Ich lass mich einfach in die Hände Gottes fallen …“. Hier ist das
Thema „Heimat“ auf dieser Welt zu Ende gedacht. Und dass drüben die
eigentliche Heimat beginnt, nicht nur als Teilbereich und ständig
gefährdet wie hier, das ist eine Frage des Glaubens, des Glaubens an einen
erlösenden, bergenden Gott, wie er sich in Christus zu uns neigt.
Und hier bekommt die letzte Strophe des Bozner Bergsteigerlieds ihren
theologischen Hintergrund: „Und wenn dann einst, so leid mir’s tut, mein
Lebenslicht erlischt, freu ich mich, dass der Himmel auch schön wie die
Heimat ist …“.
Ich erinnere mich an eine Stunde an der Atlantikküste, in der Bretagne, wo
ich von den immer wieder heranrollenden Wellen des Ozeans fasziniert war.
Die Schaumkronen kommen majestätisch und fast bedrohlich näher, werden
sanfter, rollen über den Sandstrand aus, fast bis zu meinen Füßen – und
ziehen sich wieder zurück. So ähnlich wird es wohl einmal sein – bald, mit
87 Jahren ist das kein Ferntraum. Eine Welle wird den Strand weiter
heraufkommen und mich mitnehmen und dann hineinholen in den unendlichen
Ozean der Liebe. Und das wird
dann kein kleines Stück Dasein mehr sein, das von Liebe durchweht ist,
sondern eine Ewigkeit. Das ist die zu Ende gedachte, oder besser zu Ende
gebetete Heimat. Das wäre also die kleine Symphonie mit fünf Sätzen:
Der Paukenschlag mit dem erschütternden Echo millionenfach zerstörter
Heimat, das Volkslied und der Glockenklang des Heimatgefühls
in unserem Land, die Dissonanzen und Misstöne in Nationalismen, Blut und
Boden-Ideologie und Überheblichkeiten und der Verfälschungen in
sentimentaler Verkitschung, die herbere Vertonung des Heimatgedankens in
den Erkenntnissen moderner Anthropologie und Seelenkunde,
und das Finale der Heimat im Glauben, das alle Heimaterfahrung dieses
Lebens nur ein Vorspiel sein lässt.
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