Altarkonsekration in der Jesuitenkirche 1. Oktober 2004

von Manfred Scheuer, Bischof von Innsbruck

Auf der Linie der liturgischen und theologischen Tradition galt die Eucharistie als das paradigmatische Medium zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch, zwischen Wort und Fleisch, zwischen Leiden und Vollendung, zwischen Tod und Auferstehung. Die biblische, liturgische und theologische Tradition sieht in der Eucharistie die Synthese von Vergangenheit (Gedächtnis), Gegenwart (Realpräsenz) und Zukunft (Hoffnung) realisiert. Die Eucharistie als erinnerndes, gegenwärtiges und eschatologisches Mahl galt als Wirklichkeit, in der die regionalen Kulturen, die sozialen Klassen und Gruppen, die unterschiedlichen Sprachen zusammenfinden. Jochen Hörisch spricht vom Abendmahl als Leitmedium unserer Kulturtradition, als Synthese von Sein und Sinn. „Das sogenannte Allerheiligste war mir das Allerwirklichste“, schreibt noch Peter Handke. Was Gegenwart ist, wurde über die Eucharistie bedacht und bestimmt. Gemeinschaftsbildung unter den Menschen, auch zwischen Lebenden und Toten verlief über die Eucharistie.

„Den Platz [als Leitmedium des gesellschaftlichen Bewusstseins] der irdischen Realpräsenz Gottes in Brot und Wein, die die Versammlung von Sein und Sinn garantiert, hat bald einmal das Geld eingenommen.“ (J. Hörisch) Was Zeit ist, was Wahrheit und Wirklichkeit ist, wurde vom Geld her bestimmt. „Zeit ist Geld“. So lautet ein bekannter Ratschlag Benjamin Franklins an einen jungen Handwerker. In der Neuzeit hat das Geld die Eucharistie als Leitmedium für das Verständnis von Wirklichkeit und Zeit abgelöst: Das Gesetz der Ökonomie heißt Zeiteinsparung bzw. Beschleunigung. Ökonomie führt zu einer Nivellierung von Zeit in dem Sinn, dass von Leiblichkeit, Freiheit und Beziehung abstrahiert wird. Ökonomie versteht Gegenwart chronometrisch. Aber auch Beziehungen werden verhext, wenn sie primär vom Geld, als Tauschhandel verstanden werden.

Den Platz, den lange Zeit das Geld hatte, so Hörisch, haben in letzter Zeit die Medien, die neuen Medien eingenommen. Dies nicht nur, weil der Fernseher zum Hausaltar oder zum Ersatzerzieher wurde bzw. Kommunikation zwischen Eltern und Kindern ersetzen sollte, sondern weil Internet, Handy etc. unsere Sprache verändern unser Verständnis dessen was wirklich ist und was wichtig ist bestimmen. Kommunikation wird immer effizienter, schneller, aber auch abstrakter und allgemeiner geworden. Das Internet kann das konkrete Anschauen, den Kuss, den Händedruck, das gemeinsame Gehen, die Sprache und Kultur, die leiblichen Werke der Barmherzigkeit und auch die Feier der Sakramente nicht wegrationalisieren.

 Altarweihe: Leitmedium, Zentralsymbol der Kirche ist die Eucharistie

 Der Säkularisierung zum Trotz gesagt: eine Stadt wird auch charakterisiert durch ihre Kirchen. Stadt und Gott, Stadt und Religion, Stadt und Kirche gehören zusammen. Worin drückt sich unsere Stadt aus? Was ist das Wahrzeichen? Das Goldene Dachl? In der interessanten Architektur des neuen Tivoli, der Turm auf dem Berg Isel, der neue Bahnhof? Sind das die neuen Kathedralen, mit denen sich die Menschen identifizieren? Finden wir durch sie zu einem neuen Wir-Gefühl, zu einer Verbindung, zu einem Neuen Bund?

Die Jesuitenkirche und mit ihr die Eucharistie ist hineingestellt in den Lebensraum und auch in  das Spannungsfeld von Jesuiten, Stadt Innsbruck, Theologischer Fakultät, Universität, dem Land Tirol mit der Herz-Jesu Verehrung, der Internationalität der Stadt als Brücke zwischen dem Norden und dem Süden Europas, aber auch den Studierenden aus anderen Kontinenten nicht nur im Canisianum.

Von der Eucharistie her dürfen wir keine Wirklichkeitsflüchtlinge sein, mit ihr ist keine Weltfremdheit verbunden, sondern Einlassen in die Zeit, auch mit Ihren Abgründen, mit ihrer Dämonie. Eucharistie steht in der Dy­namik der Verleiblichung. Gegenüber gnostischer Verachtung der Zeit und des Leibes liegt die Dynamik der Eucharistie nicht in idealistischen Höhenflügen, nicht in Weltflucht, sondern in der Einfleischung, in der Realisa­tion der Liebe und des Heiles in geschichtlicher Stunde. Es wäre für Jesus eine Versuchung gewesen, sich herauszuhalten, sich die Hände nicht schmutzig zu machen, sich nicht hinein­zubegeben in die Sehnsüchte und Ängste, in die Konflikte und Nöte der konkreten Menschen. „Sich der Zeit entziehen“ würde „Sünde bedeuten“ (Simone Weil). Eucharistie ist geprägt von leiblicher Präsenz und Solidarität.

Wer aber aktuell sein will und nicht bloß modisch, getrieben vom Zeitgeist, der muss aus der Ewigkeit schöpfen, wer sich auf die Gesellschaft, auf die Kultur einlassen will, der muss gute Wurzeln haben. Ohne Gang zu den Quellen verkarstet das Leben, brennt es aus, wird es oberflächlich, banal und leer. Es braucht personale und sakramentale Räume der absichtlosen Kontemplation, die sich der Zweckrationalität, dem Leistungsdruck, der Bemächtigung, auch der Verdinglichung und In­strumentalisierung entzieht, in der nichts erreicht werden muss.

Fatal wäre die bloße Suche und Sucht nach narzisstischer Bestätigung. Diese endet in der Ideologie der verbrannten Erde. Wo solche Menschen hintraten, sollte lange nichts mehr le­ben. Wo sie nicht herrschen konnten, sollte kein anderes Leben mehr sein. Wo sie nicht den Boden ausbeuten konnten, sollte nichts mehr blühen und wachsen.  Indirekt gibt es diese Mentalität auch im Kleinen: Wenn es mir nicht gut geht, dann darf es anderen auch nicht gut gehen, wenn ich krank bin, dann dürfen andere nicht gesund sein, wenn ich weine, dann dürfen andere nicht lachen, wenn ich das Leben zum Wegwerfen finde, dann muss ich es auch anderen vermiesen, wenn wir entwurzelt sind, dann dürfen auch andere keine Heimat mehr bekommen, wenn ich sterbe, dann müssen möglichst viele mit mir in den Tod gehen. Die bloße Verdoppelung des eigenen Drecks ist noch keine Heilung und Versöhnung. Es geht uns nicht besser, wenn Gott zu unserem Mist auch noch seinen Mist dazugibt. Ohne die heilige und heilsame Spannung zum heiligen und lebendigen Gott, die diesen Raum erfüllen soll, bleiben wir im eigenen Dreck stecken, schmoren wir im eigenen Saft.

Es braucht hierzulande Menschen, die miteinander und auch einzeln beten und so Gott eine lobende, dankende und bittende Antwort geben, das er durch Schöpfung und Erlösung immer neu zu uns spricht. Die erste Aufgabe der Kirche ist die Anbetung, der erste Zweck dieses Raumes ist die Zweckfreiheit des Gebetes. Diese Kirche ist zuallererst ein zweckfreies Zeugnis für den zweckfreien Gott, denn angesichts der Frage nach einer „Relevanz“ im Sinne ökonomischer, politischer und sozialer Zwecke, hat Gebet, hat Gott keinen Zweck. Gott hat angesichts der Zeitknappheit die Fülle der Zeit. Gebet hat demonstrativ Zeit, denn Gebet ist Aufmerksamkeit. Gebet ist Entgiftung und auch Entschleunigung.

 Der Einzelne und die Gemeinschaft

 Ignatius von Loyola hat die ungeheure Spannung am Beginn der Neuzeit zwischen der unendlichen Bedeutung des Individuums, der Erfahrung des Einzelnen, der Unaustauschbarkeit des Subjektes einerseits und der Gemeinschaft, der Kirche andererseits gelebt und auch durchlitten. Angesichts des massiven Individualisierungsschubs, den wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben, mitten in einer Risikogesellschaft oder Erlebnisgesellschaft, angesichts vielfältiger Auflösung sozialer Solidarisierung, geht es nicht um eine Vernaderung des Individuums, sondern um die innere Erfahrung Gottes und seiner Gnade, um das Vernehmen des je eigenen Rufes, um die Realisierung der ureigenen Sendung.

 Unterscheidung der Geister

 Von Ignatius dürfen wir noch etwas mitnehmen: In seinem Exerzitienbuch schreibt er, dass jeder gute Christ eher bereit sein soll, die Meinung des anderen zu retten als sie zu verurteilen. Ihm geht es nicht um eine Verharmlosung oder gar Vergleichgültigung des Inhumanen und des Bösen. Er schließt sich aber nicht der Schießgesellschaft bzw. der Jagdgesellschaft im Sinne von Thomas Bernhard an, er weiß wohl um die Gefahr einer Übertribunalisierung und einer grundsätzlichen Hermeneutik des Verdachts oder einer allgemeinen Unterstellung.

Von den Jesuiten kann die Gabe der Unterscheidung der Geister in unsere Stadt, in das Land und auch in die Kirche eingebracht werden. Bei der Unterscheidung der Geister geht es um die Frage, welche Suche und Sehnsucht nach Leben auf den Weg des Lebens und welche zur Sucht, zur Flucht vor dem Leben, zur Zerstö­rung und zum Kater führt. Unterscheidung der Geister fragt über das unmittelbare Ge­fühl hinaus nach den Zusammenhängen und den Konsequenzen von Wegen, die das Leben ver­sprechen. Bei der Fähigkeit zur Unterscheidung der Geister geht es um ein Sensorium, Entwicklungen, die im Ansatz schon da sind, aber noch durch Vielerlei überlagert werden, vorauszufühlen. Sie blickt hinter die Masken der Propaganda, hinter die Rhetorik der Verführung, sie schaut auf den Schwanz von Entwicklungen. Bei der Unterscheidung der Geister geht es um ein Zu-Ende-Denken und Zu-Ende-Fühlen von Antrieben, Motiven, Kräften, Strömungen, Tendenzen und möglichen Entscheidungen im individuellen, aber auch im politischen Bereich. Was steht an der Wurzel, wie ist der Verlauf und welche Konsequenzen kommen heraus? Entscheidend ist positiv die Frage, was auf Dauer zu mehr Trost, d.h. zu einem Zuwachs an Glaube, Hoffnung und Liebe führt. Negativ ist es die Destruktivität des Bösen, das vordergründig unter dem Schein des Guten und des Faszinierenden antritt. Unterscheidung der Geister ist so gesehen ein Frühwarnsystem, eine Stärkung des Immunsystems gegenüber tödlichen Viren.

+Manfred Scheuer, Bischof von Innsbruck

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