Christlich - Islamischer Dialog zwischen Mission und Ökumene
Vortrag in der Propter-Homines-Aula am 19. März 2002
Prof. Dr. Christian W. Troll SJ
A: Die Situation
2. Auf beiden Seiten gibt es die Erfahrung mit dem „dritten“ Partner, dem säkularisierten und materialistischen, zweifelnden, agnostischen und nicht selten gar atheistischen, einzelnen Menschen und einer zunehmend in diesem Sinn geprägten Gesellschaft. Säkularisation und Materialismus bedrohen die beiden Gemeinschaften nicht nur von außen sondern auch von innen. Auch das vorherrschende Bild, das Christen und Muslime voneinander haben, ist von diesem Faktor entscheidend mitgeprägt.
3. Zwischen der islamischen
und christlichen Glaubenslehre gibt es zunächst einmal bedeutsame
Gemeinsamkeiten. Allerdings gilt es, sich gleichzeitig auch der tiefgreifenden
Unterschiede und ihrer Wurzeln bewusst zu sein. Die Unterschiede betreffen auf
der normativen Ebene die Gründungstexte und das jeweilige Lebensmodell des
Gründers, Muhammad von Mekka, respektive Jesus von Nazareth. Diese
prägen in ihrer Unterschiedlichkeit allen einzelnen Aussagen der beiden
Religionen, die sich nicht selten zunächst zum Verwechseln ähnlich
sind, einen unverwechselbar eigenen Stempel auf. Außerdem gilt es das
Gewicht, wenn nicht die Last, der Begegnungen von Muslimen und Christen im Laufe
der Geschichte zu ermessen und die darin wirksamen wirtschaftlichen, politischen
und militärischen Faktoren auszumachen.1
Heute – so will uns scheinen – gilt es vor allem, auf
die weltweite Gegenseitigkeit in den Beziehungen zwischen
muslimischen und christlichen Mehr- und Minderheiten hinzuweisen und
effektiv für wahre Gerechtigkeit und recht verstandene
Gegenseitigkeit in den Beziehungen einzutreten.
B: Unsere christliche Sendung (Mission) heute
Ein paar Leitsätze mögen bedeutungsvolle neue Perspektiven im katholischen Missionsverständnis andeuten. Sie basieren allesamt auf einschlägigen Dokumenten des Konzils, relevanter neuerer päpstlicher Enzykliken sowie auf Verlautbarungen von regionalen Bischofs- und Missionskonferenzen. Von diesen Perspektiven her können wir dann unser Thema adäquat behandeln.
1. Mission ist der
lateinische Begriff für das, was wir im Deutschen am genauesten mit
„Sendung“ wiedergeben. Sendung ist ein biblischer Ausdruck (vgl. Mt
28,16-20; Mk 16,14-19; Lk 24,36-49; Joh 20,19-29; Apg 1,6-11) und geht auf die
Gründung der Kirche zurück. Vom Anfang der großen
Missionsbewegung der Neuzeit an sprach man indes immer mehr von
„Missionen“ (also: Mission im Plural) und relativ weniger von
Mission als Sendung. Dabei ging es vor allem um die „Missionen“
(Missionsländer) der Christenheit bzw. der traditionell christlichen
Länder. Letztere sandten Missionare aus, um die nicht-christlichen
Völker zu evangelisieren, missionieren, bekehren. Es ging um die
Gründung neuer Kirchen und um das Gewinnen neuer „Seelen“. Mit
dieser Aufgabe waren vornehmlich die (katholischen) Missionsorden und die
(protestantischen) Missionsgesellschaften betraut.
Das mit dem Konzil neu aufgebrochene Bewusstsein der Kirche bezieht sich in
dieser Frage wieder auf jenes in der Frühzeit der Kirche: Die Kirche ist an
jedem Ort und jederzeit eine gesendete. „Evangelisieren ist in der Tat
die Gnade und eigentliche Berufung der Kirche, ihre tiefste Identität. Sie
ist da, um zu evangelisieren.“(Evangelii Nuntiandi 14) So ist
die missionarische Berufung überall dieselbe, es ist die Berufung aller
Ortskirchen, die die eine universale Kirche am Ort darstellen und sie gemeinsam
weltweit verwirklichen.
Ziel der Kirche ist es, die Frohe Botschaft – das Evangelium Jesu Christi
– mitzuteilen und das Geheimnis und die Kraft des Auferstandenen Jesus
Christus durch Wort und Tat in sinnfälliger Weise gegenwärtig und
wirksam zu machen.
„Ist jedoch das Ziel der Mission die Evangelisierung, führt dies
zur Frage, was Evangelisierung eigentlich meint. Welche kirchliche
Tätigkeiten umfasst die Sendung der Kirche zur Evangelisierung von ihrem
Wesen her? Handelt es sich bei der Evangelisierung nur um die Predigt bzw.
Verkündigung des Evangeliums und darum, die anderen einzuladen, sich zu
Jesus Christus zu bekehren und in der Kirche seine Jünger zu werden? Oder
kann Evangelisierung auch eine weitere Bedeutung haben, die nur
eingeschränkt werden kann auf die Gefahr hin, die Sendung der Kirche allzu
sehr einzuengen?“ 2
2. „Der Mensch in der vollen Wahrheit seiner Existenz…dieser Mensch ist der erste Weg, den die Mission zu gehen hat“ (Redemptor Hominis 14). Die diversen Perspektiven des missionarischen Zeugnisses: Verkündigung, Entwicklungsarbeit, Friedensinitiativen, Dialog von Personen und Gemeinschaften, Inkulturation, bzw. Kontextualisierung der christlichen Botschaft und des christlichen Lebens usw., all dies findet seine Einheit im Menschen, der in den verschiedenen Dimensionen seiner Existenz vom Heil erfasst werden soll – als Subjekt und Objekt der Mission.
3. Die Kirche steht als
Zeichen und Instrument des Reiches Gottes in seinem Dienst. „Das Reich
Gottes ist das Endziel aller Menschen. Die Kirche als sein `Keim und
Beginn´ ist darum bemüht, als Erste diesen Weg auf das Reich hin zu
gehen und den ganzen Rest der Menschheit sich in die gleiche Richtung bewegen zu
lassen.“ (Dialogue and Mission 25)
Das herkömmliche Verständnis der Mission entlarvt sich somit als zu
ekklesiozentrisch, zu sehr bestimmt von der Sorge um das numerische Wachstum und
die Einpflanzung der Kirche als distinkte Institution. Die sichtbare,
institutionelle Kirche existiert um den Menschen zu dienen im Hinblick auf das
Reich Gottes, d.h. sie existiert, um den Menschen die Dynamik zu offenbaren, die
ihre Geschichte schon immer prägt. Sie existiert, um die Gegenwart Christi
des Befreiers und seines Geistes zu bezeugen in den Taten und Zeichen, die in
der voranschreitenden Geschichte der Völker erscheinen. Die Kirche dient
dem Kommen des Reiches Gottes durch die Verkündigung der Frohen Botschaft:
der bedingungslosen Solidarität Gottes mit uns Menschen, durch das
Wachhalten der transzendenten und geistigen Wirklichkeit in Liturgie und Gebet,
durch das Leben nach den evangelischen Räten, Dialog, Förderung im
menschlichen Bereich, Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, Erziehung,
Pflege der Kranken, Sorge für die Armen und An-den-Rand-Gedrängten.
4. Die Kirche ist
„das universale Sakrament des Heiles“ (Lumen Gentium
1, Gaudium et Spes 45). Sie ist nicht selbst die volle Realität
des Heiles. Sie ist berufen, das universale Wirken des Hl. Geistes als solches
willkommen zu heißen und ihm zu dienen. Das „Reich“ ist dort,
wo die selbst sich hingebende Liebe am Werk ist, d.h. wo der Hl. Geist weht. Das
Zeugnis der Kirche vollzieht sich, indem es sein innerstes Wesen, die zur
Teilnahme am eigenen göttlichen dreieinigen Leben ermächtigende Liebe
Gottes, aktualisiert und so offenbart.
Evangelisierung ist das Zeugnis für die unermessliche Güte Gottes des
Menschgewordenen, hier und jetzt. Das Herz der Sendung/Mission liegt dort, wo
die Kirche im Bekenntnis der in Christus geoffenbarten Liebe Gottes, andere und
sich selbst engagiert, ihre wahre menschliche Berufung zu leben, indem sie in
die Ordnung der Liebe eintreten. (vgl. Redemptor Hominis 10;
Redemptoris Missio 89.60)
5. Alle Menschen, ob getauft oder nicht, nehmen trotz und in all ihrer Verschiedenheit als Individuen und Gemeinschaften, letztlich teil an einer
Berufung, die gegeben ist mit der grundsätzlichen Ausrichtung der menschlichen Existenz. So sind die Christen und alle anderen Menschen gleichermaßen berufen, in ihrer Begegnung miteinander, die wesentlich in ihrem gemeinsamen Menschsein gründet, sich einander zu helfen, ihrer tiefsten menschlichen Berufung zu entsprechen und so teilzunehmen am Wachstum der Personen und Gemeinschaften, d.h. der Menschheit als einer „Gemeinschaft von Gemeinschaften“ (Mohamed Talbi, 1981).6. Was hier gesagt worden
ist, bedeutet ganz und gar nicht, dass die explizite Kenntnis des Mysteriums
Jesu Christi und die volle Mitgliedschaft in der sichtbaren Kirche ihren Wert
einbüßen oder weniger dringend würden. Was der Christ, in
Annahme und Antwort auf die Frohe Botschaft, in der Kirche lebt, manifestiert
und verwirklicht nicht nur die besondere Berufung des Getauften, sondern auch
die Berufung eines jeden anderen Menschen. Das besondere Geschenk, das dem
Christen als solchen von Gott gemacht worden ist, hat eine wesentliche Bedeutung
für alle anderen Menschen. Es ist dringend geboten, dass dieses explizite
Zeugnis für die unbedingte Liebe Gottes zum Menschen im Herzen des Lebens,
der Kultur eines jeden Volkes gelebt und weitergegeben wird, und zwar von einer
Gemeinschaft von Jüngern Christi, die das der Kirche anvertraute Geheimnis
Christi inmitten dieses oder jenen Volkes vernehmbar und glaubwürdig
darstellen.
Ein Hauptziel der Mission der Kirche ist und bleibt es somit, in jeder der
zahllosen menschlichen Traditionen und Völker eine wirklich inkulturierte,
sozusagen „ein-geborenen“ Ortskirche entstehen zu lassen. Denn es
muss jeder menschlichen Gemeinschaft ermöglicht werden, der vollen und
letztgültigen Wahrheit über Gott und Mensch wie sie in Jesus Christus
offenbart ist, im Schoß ihrer eigenen Sprache und Kultur vernehmbar und
nachvollziehbar zu begegnen.
7. Aber dies Bemühen um die Gründung und Förderung der Ortskirchen im Herzen der verschiedenen Kulturen und Religionen ist immer innerhalb eines weiteren Rahmens zu verstehen. Letztlich zielt die Mission nicht auf die Ausbreitung und Stärkung der sichtbaren Kirche(n), sondern auf das Kommen des „Reiches“, d.h. das Wachsen jeglicher Person und Gemeinschaft in der Liebe. Die Ortskirche ist nicht nur Zeichen der allen Menschen gemeinsamen Berufung. Sie ist auch aufgefordert, als Instrument des Hl. Geistes zu wirken, der jede einzelne Person und jedes Volk einlädt, diese allen Menschen gemeinsame Berufung zu leben. Die Mission der Kirche ist mithin grundsätzlich ausgerichtet auf beides: einerseits auf die Geburt und das Wachstum der sakramentalen Wirklichkeit der sichtbaren, institutionellen Kirche in jedem Volk, d.h. der Ortskirchen als Teil der Gesamtkirche, und andererseits auf das Wachsen der Werte des „Reiches Gottes“ in jeder Person und der menschlichen Gemeinschaft. Somit sei noch einmal betont: diese Öffnung des Blicks auf die universale Gegenwart und Aktion Gottes durch Christus im Hl. Geist ist weit davon entfernt, den Sinn für Mission als Sendung zu beeinträchtigen. Im Gegenteil, sie erweitert und klärt die wahren missionarischen Perspektiven.
C: Schwerpunkte und Imperative in der missionarischen Begegnung der Kirche mit dem Islam heute
Welche Schwerpunkte und Imperative ergeben sich für die Kirche im Licht der vorgelegten Daten und Überlegungen im Hinblick auf die Begegnung mit den Muslimen und die Beziehungen zum Islam?
1. Zunächst geht es sicherlich um den Aufbau, bzw. die Stärkung der sichtbaren, strukturierten Kirche und um die immer glaubwürdigere Darstellung des sakramentalen Heilsgeheimnisses Jesu Christi inmitten aller Gesellschaften, seien sie vornehmlich von Muslimen geprägt oder nicht.
2. Gegenüber der – vom christlichen Glauben her gesehen - verkürzten und verzerrten islamischen Sicht des Heilsgeheimnisses Jesu Christi, hat die Kirche den Auftrag, die ganze Fülle (das Pleroma) der in Christus geoffenbarten Wahrheit, von der etwa das Loblied auf den Heilsplan Gottes im ersten Kapitel des Briefes an die Epheser spricht, in integralem Gehorsam gegenüber Gott und seinem Wort und in einfühlender, dienender Liebe gegenüber den Muslimen darzustellen und zu bezeugen.
3. Das islamische Zeugnis der Einheit und Einzigkeit Gottes fordert die Kirche heraus, ihr gesamtes Leben und Lehren radikal theozentrisch darzustellen, jedoch so, dass sich solche Theozentrik aus einer recht verstandenen Lehre der Inkarnation, des Paschageheimnisses und der „Vergöttlichung“ des Menschen im Geheimnis der Geistsendung ergibt. Es geht also um eine Zentrierung der christlichen Lehre auf den dreieinen Gott der Liebe. Die Kirche wird im Hören auf das Glaubenszeugnis der Muslime aufmerksam werden auf mögliche Verzerrungen und Überbetonungen in der aktuellen Praxis und in der Lehre, z. B. im Bereich des Gebets, des Heiligenkultes oder auch der Feier der Sakramente. Sie wird einem Klerikalismus vorbeugen, der die Unmittelbarkeit und Verantwortlichkeit eines jeden Gläubigen zu Gott beeinträchtigen kann.
4. In Antwort auf den muslimischen Vorwurf, das Christentum vertrete eine weltfremde, die soziale und politische Wirklichkeit nicht wirklich prägende, Lehre und Haltung, wird sich die Kirche stärker ihres ethischen, sozialen und politischen Auftrags, mit anderen Worten gerade auch ihrer Soziallehre und Ethik neu bewusst werden - ohne damit jedoch einer politischen Theologie und/oder Morallehre zu verfallen, die von Gesetzesstrukturen und/oder den Mitteln sozialer, politischer oder gar militärischer Macht in einer Weise Gebrauch macht, die dem Geist des Evangeliums widerspricht.
5. Bestimmte Bereiche der christlichen Theologie sind heute vom Islam her besonders in Frage gestellt. In Antwort auf die theologische Anfrage an das Christentum bzw. die Kritik des Christentums, die ein Wesenselement des Islams ausmacht, ja, man könnte sagen, die der Islam von seinem Wesen her ist, geht es darum, so zentrale Themen wie den Ort der nicht- und nach-biblischen Religionsgründer und Heiligen Schriften im Gesamtvorgang der Offenbarung Jesu Christi; um den Ort des Korans in der Liturgie und im Gebetsleben der Kirche; um die Theologie des Prophetentums und des prophetischen Amtes; um das Verstehen des Mysteriums der Inkarnation und des Mysteriums der Dreieinigkeit Gottes im Rahmen eines genuinen Monotheismus; um die Ausarbeitung einer von Christen und Muslimen gemeinsam vertretbaren Ethik und ethischer Grundwerte, m.a.W., um die Frage, welche Elemente in der koranischen und christlichen Lehre eine Basis bieten können für die Entwicklung einer von Christen und Muslimen gemeinsam vertretenen ethischen Prinzipienlehre.
6. Die Aufgabe, den christlichen Glauben ohne verzerrende Polemik und verengende Apologetik auf die speziellen Fragen der Muslime eingehend darzustellen, ist, zumindest was die katholische Kirche angeht, bisher nur in Ansätzen in Angriff genommen worden, obwohl doch die Muslime selber im Kontext nachbarschaftlicher sowie weiträumig organisierter, formaler dialogischer Begegnungen ihre christlichen Partner immer wieder auffordern, nicht nur ihre politischen Positionen sondern auch ihren Glauben und die auf ihm basierenden moralischen Lehren zu erläutern. Sind wir im Sinne von 1 Petr 3,15-16 „…stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch [i.e. uns] erfüllt – aber … bescheiden und ehrfürchtig…“?
7. Über die weltweite sakramentale Darstellung des Heilshandelns Gottes in Jesus Christus und die einladende Verkündigung der Frohen Botschaft des Christentums an alle Welt hinaus hat die Weltkirche als Gemeinschaft unter Gemeinschaften sozusagen die zentrifugale Aufgabe, ein fortdauerndes Gespräch zu führen mit den weltweiten repräsentativen Organisationen und Bewegungen sowie den Dialoge zwischen den „Fachleuten“ und religiösen Führern auf beiden Seiten voranzutreiben. Solche Fachleute arbeiten heute nicht selten als Kollegen an wissenschaftlichen Instituten und Zentren sowie in publizistischen Unternehmungen in den pluralistischen Gesellschaften der „westlichen“ Welt. Hier bieten sich zahllose Gelegenheiten für einen freien Austausch und enge Zusammenarbeit auf der Ebene der Humanwissenschaften, einschließlich der Theologie. (vgl. Dialogue and Mission 32; 34).
8. Nicht zuletzt bietet sich auch ein Austausch der Erfahrungen von Christen und Muslimen im Bereich des Gebets und der Kontemplation an, im Geist der lebendigen Tradition der christlichen Mystik (im weitesten Sinn des Wortes) und des Sufismus, bzw. der spirituellen Dimension des Islam.
9. Das Miteinander zweier
von ihrem Wesen her universalen, missionarischen Religionen verlangt nach einem
gemeinsam formulierten „Verhaltenskodex“ und schließlich einer
Art Überwachungskomitee, zusammengesetzt aus repräsentativen
Vertretern beider Religionen, um gemeinsam solche Entwicklungen und Ereignisse
zu regulieren, die auf der einen oder auf der anderen Seite Verstimmung und
Unwillen hervorrufen, das interreligiöse Klima beeinträchtigen sowie
das gemeinsame monotheistische Zeugnis vor der Welt unglaubwürdig machen.
Es geht vor allem um die Grundfrage, welche „Mittel“
angemessen/legitim bzw. unangemessen/illegitim sind, im Bemühen jeder der
beiden Religionen, den von ihnen vertretenen Werten je größeren
Einfluss zu verleihen. Es gilt „sich jeder Art der Betätigung zu
enthalten, die den Anschein erweckt, als handle es sich um Zwang oder um
unehrenhafte oder ungehörige Überredung, besonders wenn es weniger
Gebildete oder Arme betrifft. Eine solche Handlungsweise muss als Missbrauch des
eigenen Rechtes und als Verletzung des Rechtes anderer betrachtet
werden.“
(Dignitatis Humanae 4; vgl. Dialogue and
Mission 18; 19; 38).
Hierher gehört auch der immer neue Versuch muslimischer Parteien und
Bewegungen, Nichtmuslime im Rahmen eines islamischen Staates in die Strukturen
der sharî`a einzubinden und die Weigerung, einen religiös
neutralen Bereich staatlichen Lebens für pluralistische Gesellschaften (und
welche Gesellschaften sind heute nicht pluralistisch zusammengesetzt?)
anzuerkennen. Wo immer dies angezeigt ist, gilt es, auf alle mögliche
legitime Weisen auf der Bewahrung und Förderung der individuellen,
einklagbaren Menschenrechte zu bestehen, einschließlich das Recht auf
freie Religionswahl, auf die friedliche Verbreitung von
Glaubensüberzeugungen sowie auf die Erziehung der Kinder in der Religion
der Eltern.
10. Sollten nicht beide Religionen weltweit Wege finden, gemeinsam, entweder bilateral und im Rahmen der humanitären internationalen Organisationen, aktiv zu werden auf dem Gebiet der Flüchtlingshilfe, der Sorge um die Rechte der Auswanderer und Gastarbeiter, im Falle von Naturkatastrophen und Hungersnöten, in Umweltfragen usw. Beide Gemeinschaften haben die Aufgabe, sich weltweit einzusetzen für ein Gleichgewicht zwischen den wirtschaftlich stärkeren und den wirtschaftlich schwächeren Regionen und Staaten und jeder Form von Neokolonialismus entgegenzuwirken.
11. Die entscheidende Begegnung zwischen Muslimen und Christen spielt sich jedoch auf der Ebene der Ortskirchen und lokalen muslimischen Gemeinschaften und Vereine ab, im Miteinander der Gläubigen beider Religionen im Alltag. Dabei gibt es bekanntlich, je nach statistischen, historischen, kulturellen und religiösen Variationen, eine Vielzahl verschiedener Konstellationen.
12. Der alles bestimmende Grundsatz für die Christen ist hier: man kann das Evangelium nur mit den „Waffen“ des Evangeliums bezeugen, d.h. mit dem ständig erneuerten Willen, sich dem Nachbarn zu nähern, ihn in seiner Eigenart und Prägung zu akzeptieren und in Beziehungen der Achtung und Solidarität mit ihm zu treten. Das ist nicht so einfach, denn auf beiden Seiten leben weiterhin Angst und Misstrauen fort. Die bitteren Erfahrungen der Geschichte sind noch nicht vergessen. Dennoch bleibt überall breiter Raum für die Begegnung und das Miteinander von einzelnen, von Familien und kleinen Gruppen Gleichgesinnter.
13. Die Christen wissen sich gesandt als „Botschafter der Versöhnung“. Die Bergpredigt (5,45) und das Konzil (Nostra Aetate 3) fordern auf zu diesem missionarischen Dienst der Versöhnung (2 Kor 5,18 – 6,10). Er setzt Jesu eigene Mission fort, der starb, „nicht nur für das Volk allein, sondern damit er auch die [unter den Völkern] zerstreuten Kinder Gottes in Eins zusammenbrächte“ (Joh 11,52; Lk 10,5). Diese Einheit wird ihre Erfüllung finden in der Gemeinschaft des Glaubens an Jesus als den Christus. Hier und jetzt sind aber die Ortskirchen aufgerufen, in Befolgung des Gleichnisses vom guten Samariter, die Liebe über alle Barrieren hinweg zu verwirklichen und die Versöhnung mit allen Menschen und ihren Gemeinschaften anzustreben. Gewiss haben die unzähligen Dialoginitiativen während der Jahrzehnte seit dem Konzil oft kaum sichtbare Erfolge erzielt, es gibt allerdings auch diese! Aber was heißt Erfolg, apostolisch gesprochen? Und in jedem Fall bleibt der Auftrag zur „Versöhnung“ unvermindert dringend.
14. Dem „Dialog des Lebens“ kommt ein hervorragender und grundlegender Stellenwert zu. An den meisten Orten bleibt es schwer für Christen und Muslime, eine gemeinsame Sprache zu finden. Um so notwendiger ist es für die Christen, auf individueller sowie auf korporativer Ebene, den muslimischen Nachbarn durch ihr Verhalten zu zeigen, dass ein wirklich gottergebenes Leben in Gebet und Hören auf Sein Wort auch bei ihnen lebendig oder zumindest ernstlich angestrebt wird. Alle Muslime guten Willens sind offen und voll Bewunderung für das Zeugnis von christlichen Gemeinschaften, die schöpferisch und wirksam an der Umgestaltung der Gesellschaft teilnehmen, in wahrer Achtung vor den Ärmsten und im Dienst für Gerechtigkeit und Frieden.
15. Mit der Begegnung der einzelnen und der Gemeinschaften im angedeuteten Geist kommt ein Prozess in Gang, der nicht nur zu besserer gegenseitiger Kenntnis und zum Abbau von Vorurteilen führt, sondern auch eine „Reinigung der Motive“ und „Bekehrung der Herzen“ mit sich bringt. Hinter den distinkt bleibenden, jedoch gleichzeitig sich wandelnden, kulturellen und religiösen Ausdrucksformen der Menschen wird der an alle und jeden ergehende Ruf Gottes selbst hörbar: „Sofern ihr es einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr es mir getan“ (Mt 25,40).
16. Es wäre also
verwegen zu glauben, dass die christlichen Kirchen, die inmitten der Muslime
oder zusammen mit ihnen im Umfeld stark säkularisierter, plural
zusammengesetzter, modernen Gesellschaften leben, diesen gegenüber keine
Sendung haben und keine missionarische Aktivität entfalten sollten oder
könnten. Es ist wahr dass – abgesehen von gewissen Regionen Asiens
und Afrikas – Konversionen von Muslimen zum christlichen Glauben die
Ausnahme bleiben – allerdings eine Ausnahme, die gerade heute auch in
unseren Breiten öfter vorkommt als wir denken.3 Die Ortskirchen, auch die christlichen
Gemeinden in unseren Breiten, müssen sich fragen lassen, ob sie Mission als
die vom Herrn aufgetragene Pflicht zur Einladung der nicht-christlichen Nachbarn
zum Glauben an Jesu Christus, zur Mitgliedschaft in Seiner Gemeinde, der Kirche,
durch die Taufe ernst nehmen und stets vor Augen haben.
Damit plädieren wir nicht für eine Mentalität, die ständig
die Zahl der Taufen zählt und das Entstehen von katechumenalen Kirchen als
einziges Zeichen missionarischer Vitalität betrachtet. Eine solche
Auffassung von christlicher Sendung/Mission erweist sich, wie wir schon
dargelegt haben, als viel zu eng. Der Christ und die christliche Gemeinde
vollziehen Mission gerade auch dort, wo sich das Leben mit Muslimen gestaltet
als Dienst der Versöhnung, als Mühe um gerechten Frieden und um
Vergebung, als Dialog des Lebens im Alltag, als wirksame Umkehr der Herzen. Dem
Frieden unter den Menschen durch den Dienst der Versöhnung dienen und sich
einander herausfordern zur Umkehr des Herzens durch nachbarliche Nähe,
Gespräch und gemeinsames Handeln bedeutet Wegbereitung des Reiches Gottes.
„…Für jeden von euch haben Wir eine Richtung und einen Weg
festgelegt. Und wenn Gott gewollt hätte, hätte er euch zu einer
einzigen Gemeinschaft gemacht . Doch will Er euch prüfen in dem, was Er
euch hat zukommen lassen. So eilt zu den guten Dingen um die Wette. Zu Gott
werdet ihr allesamt zurückkehren, dann wird Er euch kundtun, worüber
ihr uneins waret.“ (Sure 5:48)
Die Kirche vollzieht ihre Sendung nicht nur und wohl auch nicht primär,
wenn sie Katechumenen unterrichtet und tauft, sondern überall dort, wo sie
die Menschen aufruft, die Werte des „Reiches“ ins Leben umzusetzen,
den Eingebungen des Geistes zu folgen. Solche „Umkehr“ führt
immer wieder auch zur Modifizierung der Strukturen und der Zielvorstellungen von
Gemeinschaften.
Es ließe sich leicht zeigen, wie der Kontakt mit Christen und christlichen
Gemeinden im Lauf der Geschichte islamische Strukturen und Zielvorstellungen im
Sinn der Werte „des Reiches Gottes“ modifiziert haben. Die Mission
oder Sendung der Kirche beschränkt sich nicht auf die Bevölkerungen,
die dem Aufruf, Mitglieder der Kirche zu werden, folgen. Sie muss sich an alle
Menschen wenden, selbst an die, die augenblicklich die Taufe verweigern. Denn
alle Menschen haben ein Recht darauf, das Zeugnis der Frohen Botschaft von Jesus
Christus zu empfangen, und alle Menschen brauchen das Beispiel der gelebten
Frohen Botschaft. Denn als Christen sind wir im Glauben zutiefst davon
überzeugt, dass wir in Jesus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, das
wahre Antlitz Gottes und die wahre Berufung des Menschen entdecken. Auf Jesu
Weise, in der Kraft Seines Geistes, unter den Muslimen leben, heißt
unseren muslimischen Partnern aufzuzeigen, wie wir vor Gott existieren, unsere
Treue gegenüber dem Anruf Gottes verstehen und die Religion Jesu Christi
leben, der allein Gott die wahre und volle Ehre erweist.
17. Gewiss, unser muslimischer Partner im Leben der Nachbarschaft und des Dialogs bleibt, von Ausnahmen abgesehen, Bekenner des Islam. Wir glauben jedoch, dass ihn oder sie der Geist Gottes bewegt, in den Anrufen des Evangeliums die wahre Berufung des Menschen und das wahre Antlitz Gottes zu erkennen. Die Frage, mit der wir den Muslim, die Muslima durch unser Lebenszeugnis konfrontieren, trifft von außen auf die Frage, die sich in ihrem eigenen Gewissen vorfindet, selbst wenn ihn dieser Anruf im Gewand ihrer muslimischen Kultur erreicht.
18. Unser gelebtes Zeugnis ist im übrigen keine Einbahnstraße, denn wir entdecken unsererseits im Leben vieler unserer muslimischen Partner, jene evangelischen Haltungen, die wir, aus der Sicht des christlichen Glaubens, als eine Frucht des Geistes Gottes in ihnen erkennen.
1 Ein neuerliches Buch von Ludwig Hagemann hat folgenden Titel: „Christentum contra Islam. Eine Geschichte gescheiterter Beziehungen“.
2 J. Dupuis, Art. Evangelizzazione, in Latourelle-R. Fisichella (Hrsg.), Dizionario di Teologia Fondamentale, Assisi 1990, 409.
3 Vgl. Jean Marie Gaudeul, Called from Islam to Christ. Why Muslims Become Christians. Monarch Books 1999 (ISBN 1-85424 427 2).