Der Priester als Brückenbauer

Vortrag zur Herz-Jesu-Festakademie im Canisianum am 7. 6. 2002

Prof. Dr. Paul Michael Zulehner
(im Canisianum: 1957 – 65)

„Als Jesus„hörte, dass man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, zog er sich nach Galiläa zurück. Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali. Denn es sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist:
Das Land Sebulon und das Land Naftali, die Straße am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan, das heidnische Galiläa: das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen.
Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“

(Mt 4,12-17)

Ich werde diesen Text über das Wirken Jesu aus dem Matthäusevangelium als Grundlage für meine pastoraltheologischen Meditationen verwenden. Dabei gilt es sich eingangs kurz zu vergewissern, was Jesus wollte. Dann aber wenden wir uns der Hauptfrage meiner Überlegungen zu, auf welchem Weg Jesus sein Ziel zu erreichen versuchte.

Das Himmelreich ist nahe“

„Das Himmelreich ist nahe“: Diese elementare Aussage signalisiert Jesu Herzensanliegen. In ihm ist es schon da. Es soll sich durch jene in der Welt verbreiten, die ihm nachfolgen: also durch seine von ihm gesammelte Jüngergemeinde, seine Kirche – durch uns.
Himmelreich meint hier etwas unorthodox umschrieben:

„Verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen“

Damit stehen wir bereits vor der Hauptfrage meiner heutigen pastoraltheologischen Meditation. Wie kümmert sich Jesus um das Kommen des Himmelsreichs, das sich ausbreiten soll inmitten der Lebenswelt der Menschen von heute: also in der jeweiligen Kultur. Die Antwort: Jesus vollzieht einen Ortswechsel von Nazaret nach Kafarnaum.
1989 hat der große Kardinal von Mailand, Carlo Maria Martini, in Rom zu einem Symposium des CCEE zum Thema Geburt und Tod als Herausforderung der Evangelisierung eine Exhorte gehalten. Er wollte den Bischöfen genau für das Anliegen der Evangelisierung der europäischen Kultur eine angemessene Geisteshaltung vermitteln und stützte sich dabei auf den von mir gewählten Text. Er forderte in seiner Homilie, deren zentrale Passage ich hier zitiere, von den Bischöfen eine ähnlichen „Ortswechsel“, wie Jesus ihn vorgenommen hat, als er von Nazaret nach Kafarnaum hinabstieg.
Hören wir Kardinal Martini, den großen Bibliker im Bischofsamt selbst:

Um die Geisteshaltung ... auszudrücken, will ich mich auf eine Stelle des Matthäusevangeliums beziehen. Am Beginn seines Wirkens – er hat bereits die Versuchungen bestanden – „verließ Jesus Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali. Denn es sollte sich erfüllen, was vom Propheten Jesaja gesagt worden ist“ (Mt 4,13f.).
Der Evangelist deutet das, was von außen besehen nichts anderes als einfacher Ortswechsel erscheint, als eine Tatsache von tiefer Bedeutung.
Was war nämlich Nazaret? Ein unbedeutender Marktflecken in Galiläa, der weder im Alten Testament noch bei Josephus Flavius noch im Talmud erwähnt ist. Es ist ein Ort ländlicher Ruhe, einfacher Lebensformen, kleiner Eifersüchteleien und begrenzter Horizonte. Im Vergleich dazu erscheint Kafarnaum als eine offene und bunte Stadt, ein Ort der Arbeit und des Handels, der Banken und des Verkehrs, Grenzstadt im Galiläa der Heiden, Sitz der römischen Verwaltung, Ort der Begegnung zwischen den Kulturen.
Auch für Jesus bedeutet der Ortswechsel nach Kafarnaum, Gewohnheiten, das Vorhersehbare zu verlassen und sich dem Wandel, den Begegnungen auszuliefern, dem, was wir heute Auseinandersetzung mit der „Moderne“, mit der „Komplexität“, mit dem „Pluralismus“ nennen. Nach Kafarnaum hinabsteigen hieß also, sich mit einer neuen Lebensweise auseinander zu setzen, mit Leuten, mit dem täglichen Leben, das gekennzeichnet ist von harter Arbeit und Leiden, von Neuem und Unsicherheit. Nicht umsonst beschreibt der Evangelist Markus den ersten Aufenthalt Jesu in Kafarnaum als eine Begegnung mit Besessenen und mit allen möglichen Kranken (Mk 1,23.30.32).
Jesus begegnet diesem Wandel nicht widerwillig, so als ob er nostalgisch Nazaret verbunden geblieben wäre. Er hat Kafarnaum so angenommen, dass man es „seine Stadt“ nennen konnte (Mk 9,1). Das hinderte ihn nicht, frei und kritisch gegenüber der Stadt zu sein. Er verschweigt nicht die Schuld, spart nicht mit Mahnungen, bis hin zur Drohung, wie man in Mt 11,23 sieht. Aber alles nimmt seinen Ausweg von einer tiefen Liebe, von einer täglichen Anwesenheit, von einem Teilnehmen am Geschick und den täglichen Leiden seines Volkes.
Etwas Ähnliches ist schon den Verbannten im fünften Jahrhundert gesagt worden, von denen im 29. Kapitel bei Jeremia die Rede ist. Sie lebten vom Heimweh nach der alten Kultur in Jerusalem, und sie fühlten sich wie Fremdlinge im Land Babylon. Der Prophet Jeremia sagt ihnen nicht, sie sollten Jerusalem vergessen. Er verbietet ihnen auch nicht, ihr Idealbild vor Augen zu haben. Er untersagt ihnen aber das Heimweh nach einer Lebensweise, die es nicht mehr gibt und niemals mehr geben wird und die sie hindert, mit Liebe in der neuen Stadt zu arbeiten, die in der Zwischenzeit, ohne dass sie es sich ausgesucht hätten, ihnen durch den Gang der Dinge anvertraut worden ist: „So spricht der Herr der Heere, der Gott Israels, zur ganzen Gemeinde der Verbannten, die ich von Jerusalem nach Babel weggeführt habe: Baut Häuser und wohnt darin, pflanzt Gärten, und esst ihre Früchte! Nehmt euch Frauen, und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt euren Töchtern Männer, damit sie Söhne und Töchter gebären. Ihr sollt euch dort vermehren und nicht vermindern. Bemüht euch um das Wohl der Stadt, in die ich euch weggeführt habe, und betet für sie zum Herrn; denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl.“ (Jer 29,4-7)
Auch Jona, nach Ninive geschickt, muss auf seine Kosten lernen, diese Stadt zu lieben und sich über ihre Bereitschaft zur Umkehr zu freuen, denn wie könnte es Gott „nicht leid sein um Ninive, die große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die nicht einmal rechts und links unterscheiden können - und außerdem so viel Vieh?“ (Jona 4,11)

Kulturation

Nicht nur Jesu Weg ist jener hinein in die zeitgenössische Kultur. Auch unsere Berufung, unser Auftrag als Kirche ist es, in einer täglichen Anwesenheit teilzunehmen am Geschick und den täglichen Leiden der Menschen. Darin geschieht Begegnung zwischen dem Evangelium und der jeweiligen Kultur, in die Gott uns hineingestellt hat. Eben diese Begegnung verdient den Namen Evangelisierung. Als solche ist sie ein Wechselspiel. Johannes Paul II. definierte Evangelisierung in einem Schreiben an die Präsidenten des CCEE im Jahre 1985. Dort heißt es: „Evangelisierung bedeutet, dass die Kirche lernt und lehrt.

Ich werde jetzt diese zwei Formen der Kulturation ein wenig näher darlegen.

Kulturation der Kirche

Die Kirche hat nicht immer von der Kultur gelernt. Ich greife ein einzelnes Beispiel heraus, nämlich die Missionierung des Igbolandes in Nigeria. Der Priester Celestin Ekkenia aus diesem Stamm hat soeben seine Doktorarbeit darüber geschrieben. An einer Stelle seiner engagierten Doktorarbeit heißt es: „Früher hatten die europäischen Missionare die Bibel, und wir hatten das Land. Heute haben wir die Bibel, und die Europäer haben das Land.“
Ekkenia hat herausgearbeitet, wie Evangelisierung oftmals lief: zugleich aber macht er klar, dass sie so nicht gehen kann. Denn, so seine Kritik, es wurde ein europäisiertes Christentum eingepflanzt, jenes Christentum, in dem die Missionare (wie Jesus in Nazaret) daheim waren. Sie stiegen nicht nach Kafarnaum hinab.
Der Preis dafür war sehr hoch. Denn das Christentum hat die, die gläubig wurden, der Kultur und ihren Reichtümern entfremdet. Es entstand nach und nach die tragische Alternative: Entweder bist du ein Christ oder ein Igbo...
Im Zuge dieser Missionierung, die zugleich eine Entkulturation der Bevölkerung mit sich brachte, haben die Missionare viele Reichtümer der alten Igbo-Kultur übersehen: den Umgang mit Ahnen, die entfaltete Kultur der Trauer, die hohe Solidarität zwischen den Generationen, die tiefe Kultur des Feierns.

Kulturation durch die Kirche

Mit der Forderung einer Kulturation der Kirche – dass also die Kirche immer auch von den Reichtümern der Kultur zu lernen hat, ist aber nicht mitgesagt, dass sie alles übernehmen und keine prophetischen Änderungen vornehmen soll. Denn jede Kultur ist ambivalent, sie hat heile, aber auch heillose Anteile. So haben schon einige afrikanische Doktoranden über das Kulturgut der Polygamie gearbeitet. Dabei habe ich die Versuchung beobachtet, diese altehrwürdige Einrichtung aus ökonomischen Gründen wie aus Gründen der klugen Ordnung des Zusammenlebens der Geschlechter nur positiv zu bewerten. Wird dabei aber nicht übersehen, welche Rolle Frauen in solchen alten männerzentrierten Kulturen zukommt?
In welchen Bereichen ringen aber heute unsere Kulturen? Wo sind die Kirchen herausgefordert. Im Zuge der Kulturation, der lehrenden Mitgestaltung der Kultur, in die wir hineingestellt sind, stellen sich heute zumeist zwei große Themen – jenes der Spiritualität und jenes der Solidarität. Hier kommen auf die Kirchen große Aufgaben zu.

Den Kirchen kommen hier beträchtliche Aufgaben zu. Sie hat viele Instrumente, um solche gesellschaftliche Aufgaben der Kulturation der Welt aus der Kraft des Evangeliums voranzubringen:

Und wir, die Priester?

Wir wenden uns auf dem Hintergrund der bisherigen Überlegungen den Priestern zu: also dem was viele von uns sind bzw. die hier in diesem Haus in kompetenter Weise seit 90 Jahren ausgebildet werden.
Ich werde hier keine umfassende Theologie des Priesteramtes vorlegen. Dazu gibt es an der hiesigen Fakultät Berufenere. Worum es mir aber geht ist herauszuarbeiten, welche Fähigkeit Priester haben sollen in einer Kirche, in der Evangelisierung im Modus des Lernens und Lehrens geschieht, wodurch die zweifache Kulturation in Gang kommt: die Entwicklung des kirchlichen Lebens durch die Reichtümer jener Kultur, in der die Kirche wirkt, sowie die Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens aus der Kraft des Reichtums des eingemischten Evangeliums.
Natürlich ist die ganze Kirche und in ihr jedes Mitglied dafür verantwortlich, dass ihre Gemeinschaften in der Spur des Evangeliums bleiben. Aber die Kirche bestellt dazu auch in den Gemeinschaften, die sich der Kultur öffnen, amtlich Personen, welche die Quelle des Evangeliums offen halten. Sie stellen sicher, dass die ihnen anvertrauten kirchlichen Gemeinschaften in der Spur des Evangeliums bleiben. Das sind vor allem die Bischöfe, dann aber in ihrem Auftrag die lokal bestellten Priester.
Diese Aufgabe der Priester setzt voraus, dass sie eine hohe Evangeliums-Kompetenz besitzen. Priester sollten randvoll sein mit dem Evangelium. So wie das Evangelium dem Bischof bei seiner Weihe auf das Haupt gelegt wird, so sollte es jedem Priester am Herzen liegen. Das Evangelium gehört zugleich meditiert und mit allen bibeltheologischen Erkenntnissen studiert.
Wenn es dann aber darum geht, dass das Evangelium zur Welt kommt, sich einmischt in die Entwicklung der Kultur, dann ist es die andere Aufgabe der Priester sicherzustellen, dass die uns anvertrauten Gemeinschaften „nach Kafarnaum hinabsteigen“. Das heißt, dass unsere Gemeinden sich nicht selbstzufrieden abschließen, sondern in der alltäglichen Lebenswelt der Menschen anwesend sind, also teilnehmen am Geschick und den täglichen Leiden der Menschen. Die Menschen kennen zu lernen, das beginnt mit Aufmerksamkeit, mit dem Hinschauen, auf die Freuden und Hoffnung der Menschen ebenso wie auf ihre Trauer und Leiden. Von Gott selbst heißt es in Ex 3,7: „Gesehen, ja gesehen habe ich das Elend meines Volkes in Ägypten, gehört, ja gehört habe ich die laute Klage über ihre Antreiber. Ich kenne ihr Leid.“ Gott zeichnet daher jene Aufmerksamkeit aus, welche ein zentrales Moment an solidarischer Liebe ist. In Kirchengemeinden leben daher Menschen, die vom Leid der Menschen nicht wegschauen, sondern hinschauen, die sich nicht abwenden, sondern zuwenden.
Wer einerseits randvoll ist mit dem Evangelium, andererseits eintaucht in das alltägliche Leben der Menschen, der kann eine Brücke schlagen zwischen der alltäglichen Lebenswelt der Menschen, ihrer Kultur und dem Evangelium. Das macht Priester zu Brückenbauern. Die Urkompetenz der Priester ist daher, dass sie „pontifikal“ sind, in der Lage, Brücken zu bauen.
Wenn wir den Priester als Brückenbauer verstehen, dann werden auch schon zwei Versuchungen klar, mit denen Priester zu kämpfen haben. Ich stütze mich dabei auf die Unersuchung von 2500 zentraleuropäischen Priestern

Versuchung: sich von der Welt zurückzuziehen

Da ist die erste Versuchung, die ich die klerikale nenne. Es ist der Rückzug in die kirchliche Sonderwelt. Priester, die sich klerikal zurückziehen, sind daran erkennbar, dass sie an der Welt und ihrer Lebenskultur tief leiden. Die Welt wir von ihnen nur als heillos gesehen. Solche Priester sind zumeist weltfremd. Sie neigen dazu, Priester nur für Ihres gleichen zu sein, Priester für die gar nicht wenigen Weltenttäuschten. Sie werden leicht ungerechte Weltkritiker. Sie ziehen sich – um wieder Kardinal Martini zu zitieren – in die idyllische Sonderwelt „von Nazaret“ zurück. Mit den weltkritischen Teilen der eigenen Kirche sind sie dagegen in einer blind-unkritischen Weise loyal.

Versuchung: sich von der Kirche zurückzuziehen

Es gibt aber umgekehrt auch die modernistische Versuchung: Sich angesichts der Kluft zwischen Kultur und Evangelium zumindest von der Kirche zurückzuziehen. Solche Priester sehen einäugig nur das Gute an der Welt. Zugleich sind sie gezeichnet von einem tiefen Leiden an der konkreten Kirche, an der sie nichts Gutes sehen. Auf Grund ihrer unkritischen Loyalität zur Welt verweltlichen sie. Aus „Geistlichen“ werden „Zeitgeistliche“, so schon vor Jahrhunderten der Regensburger Bischof und Pastoraltheologie Johann Michael Sailer. Diese werden in der Folge ungerechte Kirchenkritiker, welche die Fremdheit der Kirche beklagen und nichts Gutes mehr an ihr sehen.

Priester als Brückenbauer

Es gibt aber auch jene Gestalt des Priesters, welcher die letztlich in dieser Weltgeschichte nie behebbare Spannung zwischen Evangelium und Kultur durchhält. Sie haben eben eine belastbare pontifikale Kompetenz. Sie sehen wohl auch das Heillose in der Welt, übersehen aber auch das Gute nicht, das Gott durch seinen Geist in der Welt wirkt – mit uns, ohne und, manchmal gegen uns (so die philippinischen Bischöfe vor Jahren).
Ein pontifikaler Priester sieht zugleich das Heillose in der Kirche, übersieht aber auch das Gute nicht, das aus der Kraft Gottes in den kirchlichen Gemeinschaften gewachsen ist.
Was ihn also auszeichnet ist eine kritische Loyalität sowohl zur modernen Kultur wie zur alten Kirche.

Das „Kreuz“ der pontifikalen Priester

Auf dem Hintergrund solcher Zusammenhänge wird deutlich, dass Priester als Brückenbauer in einer ständigen Spannung leben. Es ist spirituell möglich, diese unentrinnbare Spannung als das Kreuz des Priesters zu bezeichnen. Der Priester, der sowohl dem Evangelium wie der Kultur sich aussetzt, ist zwischen beiden ausgespannt. Seine schwerste Versuchung ist es, von diesem Kreuz herabzusteigen ohne am Kommen der Himmelreichs auf einem leichteren, bürgerlicheren Weg mitzuwirken.
Der griechische Dichter Nikos Kazantzakis hat sich dieser Versuchung in einem seiner besten Romane gestellt. Dieser trägt den Titel „Die letzte Versuchung“ (1988), ein Buch, das unverstanden von der katholischen Filmkritik später vom herausragenden Regisseur Scorsese verfilmt worden ist.
Jesus ist schon ans Kreuz genagelt. In seiner Agonie überkommt ihn die Wahnvorstellung, dass er nicht auf dem Weg des Kreuzes, sondern ohne dieses auf einem bequemeren, bürgerlichen Weg die Welt ebenso erlösen könne.
Eben dieses andere, einfachere, bürgerlichere Leben lässt Kazantzakis Jesus inmitten des Todeskampfes durchlaufen. Jesus verliebt sich in Maria von Magdala, hat mit ihr Kinder, wird ein berühmter Rabbi, mit hohem Ansehen im Tempel und unter den Pharisäern und Schriftgelehrten, vom Volk bejubelt. – Suchen nicht auch manche von uns einen priesterlichen Dienst ohne das Kreuz zwischen Kultur und Evangelium tragen zu müssen?
Dann aber lässt Kazantzakis Judas auftreten, und gestaltet dessen tragische Rolle, die er als Verräter in der Leidensgeschichte hat, zu jenem wahren Freund Jesu um, der ihm letztlich hilft, seiner wahren Berufung treu zu bleiben. Damit er nämlich nicht vom Weg des Kreuzes abkommt, verrät er Jesus an seine Feinde. Er macht damit den Weg frei, dass Jesus ans Kreuz kommt und für uns nach seinem Tod mit einer Lanze sein Herz für die Welt geöffnet wird.
Nur ein Priester, der das Kreuz der Spannung zwischen moderner Kultur und ererbtem Evangelium produktiv durchhält, erfüllt den ihm von Gott zugedachten Auftrag im Dienst am Evangelium.


Literatur:
Zulehner, Paul M./Hennersperger, Anna: „Sie gehen und werden nicht matt“ (Jes 40,31). Priester in heutiger Kultur, Ostfildern 2001. – Zulehner, Paul M.: Priester im Modernisierungsstress. Forschungsbericht der Studie PRIESTER 2000 , Ostfildern 2001. – Zulehner, Paul M./Lobinger, Fritz: Um der Menschen und der Gemeinden willen. Plädoyer zur Entlastung der Priester, Ostfildern 2002.