Aufbruch ins dritte Jahrtausend.
Zu den umfassenden Reformen an der Theologischen Fakultät Innsbruck
Univ. Prof. Dr. Jozef Niewiadomski
Das Staunen, das sich bei so manch einem der Altcanisianer anlässlich eines Innsbrucksbesuchs einstellt, ist gerade im Hinblick auf die Wahrnehmung der Theologischen Fakultät groß. Da scheint es nach und nach nichts mehr an Vertrautem zu geben. Nicht nur die Zahl der noch bekannten Lehrenden wird immer kleiner. Im Verlauf der letzten vier Jahre wurden die Räume der Fakultät neu gestaltet. Das Ergebnis lässt sich sehen. Eine der architektonisch schönsten theologischen Lehranstalten Europas ist nun in Innsbruck zu sehen. Auch die Struktur der Fakultät hat sich geändert. Aus der Unzahl von Instituten und Lehrstühlen ist nun eine klare Struktur von fünf Instituten geworden, die für die klassischen Fächerbereiche stehen: biblische, historische, systematische, praktische und philosophische Disziplinen werden an den entsprechenden Instituten gemeinsam durch Gruppen von Forscherinnen und Forscher, Lehrerinnen und Lehrer vertreten. Die alte “Ordinarien-Universität” ist einer interdisziplinär ausgerichteten “Baustelle” gewichen. Der Name der Fakultätszeitung “Baustelle Theologie” signalisiert eben die neue Mentalität: Im Reformwillen, in den immer neu gestarteten Aufbrüchen zu neuen Ufern will die Innsbrucker Theologie am religiösen und kulturellen Markt der Zukunft kräftig mitmischen. Über dessen Verfasstheit brauchen sich die Theologen keine Illusionen zu machen. Das technisch-funktionale Denken, das zu einem naturalistischen Weltbild führt, hat sich inzwischen weitgehend auch im akademischen Milieu durchgesetzt. Hinzu kommt die Herausforderung jener Logik, die sich ganz nach den Regeln des Marktes orientiert, die Wahrheitsfrage nicht mehr stellt und einem weltanschaulichen Pluralismus erlegen ist, der auf eine Beliebigkeit hinausläuft. Im Kontext der so verstandenen Gegenwart will nun die Fakultät, wie sie dies auch in ihrem “Mission statement” formuliert, bewusst von einem christlichen (und nicht bloß religionswissenschaftlichen) Standpunkt aus “einen dauernden kritischen Dialog mit dem technisch-funktionalen Denken, den anderen Religionen und anderen christlichen Konfessionen, der neuen Religiosität und dem weltanschaulichen Pluralismus auf eine klare und intersubjektiv nachvollziehbare Weise führen”. Dieser Dialog findet seinen Niederschlag in der Ausformulierung der Forschungsprogramme und Forschungsprojekte und in der Neugestaltung der akademischen Lehre.
Den wichtigsten Schritt im groß angelegten Umbau der Fakultät stellt sicher die Studienplanreform. Das staatliche Studiengesetz machte diese Reform schon deswegen notwendig, weil es die Stundenzahl erheblich kürzte (in der fachtheologischen Studienrichtung sind es nun 170 Semestersstunden zu absolvieren) und dazu noch 10% der Stunden den Studierenden zur freien Wahl überließ. Bei der Klausur zu Beginn des Studienjahres 1999/2000 hat die Fakultät einen radikalen Schritt gewagt: Anstatt einer Minimalanpassung an die gesetzlichen Notwendigkeiten, die der Beliebigkeit in der Gestaltung des Studiums doch weitgehend Tür und Tor öffnet, eine Neukonzeption der Pläne, die von einer klaren inhaltlichen Vision getragen wird. In einem langen, durchaus konfliktuellen Auseinandersetzungsprozess an der ganzen Fakultät, in unzähligen Sitzungen der Studienkommission einschließlich zweier ganztägiger Klausuren wurden zuerst die Visionen, schlussendlich auch die Konkretisierungen der - durchaus revolutionären - Pläne erarbeitet und beschlossen. Seit dem 1. Oktober 2002 sind sie nun in Kraft. Die Visionen, die ihnen zugrunde lagen, finden einen Niederschlag in den Qualifikationsprofilen; sie sollen die Entwicklung neuer Curricula motivieren. Das Studium, das durch die neuen Pläne geregelt wird, soll “die wissenschaftliche Qualifikation im Umgang mit dem Phänomen Religion” vermitteln. Angesichts zunehmender Globalisierung, der damit verbundenen Pluralität an religiösen und quasireligiösen Phänomenen, der “anything goes”-Mentalität und fundamentalistischer Tendenzen zeigt sich diese v.a. “in der Fähigkeit zu einer kritischen Reflexion alter und neuer religiöser Phänomene; in der Kompetenz, Kriterien zur Unterscheidung zwischen destruktiven und konstruktiven Spiritualitäten zu entwickeln, und in der Bereitschaft, den Standpunkt, von dem aus solche Kriterien diskutiert werden, kritisch zu hinterfragen; in der bewussten Anbindung unserer Theologie an die kirchliche Gemeinschaft und in einem klaren Bekenntnis zur katholischen Identität, zu der gerade die Werte der Religionsfreiheit, des Ökumenismus und des Dialogs der Religionen gehören” (aus den Qualifikationsprofilen der neuen Studienpläne).
Wie sieht nun die Struktur der neuen Studienpläne aus? Um diese besser verstehen zu können, ist es sinnvoll, sich zuerst die konkreten Anliegen, die der Studienkommission vor Augen standen, zu vergegenwärtigen. Sie wollen (a) den heutigen Studierenden gerecht werden, (b) die schon jetzt vorhandenen Studienrichtungen (und auch die noch möglichen) stärker differenzieren, gleichzeitig aber einen gemeinsamen Grundstock an philosophisch-theologischer Ausbildung für denkbar viele Studierende haben, (c) die Chance des möglichen theologischen Kurzstudiums, nämlich Bakkalaureats, ergreifen und (d) bei der gesetzlich vorgeschriebenen verkürzten Stundenzahl an Pflichtfächern eine gewisse Vielfalt ermöglichen. Man kann es kaum bestreiten, dass die meisten - der aus den mitteleuropäischen Ländern kommenden -Studierenden inzwischen wenig an christlicher Sozialisation erfahren haben und auch kaum über die klassische Bildung verfügen. Die alte Konzeption der Studienpläne, mit ihrer klassischen Teilung in den philosophisch dominierten ersten und den theologischen zweiten Studienabschnitt setzte vieles voraus, was die heutigen Studierenden nicht mehr mitbringen. Die fehlenden Voraussetzungen, der einmalige Durchgang durch alle Fächer und die Zersplitterung von Fächern machten eine solide, sich durch einen begründeten Standpunkt auszeichnende Ausbildung immer unwahrscheinlicher.
Demgegenüber setzen die neuen Studienpläne auf eine abgestufte und immer mehr in die Tiefe gehende Ausbildung. Das Studium fängt nun mit der sog. Studieneingangsphase an, in der auf eine interdisziplinäre Art und Weise eine elementare Einführung ins Christentum und in die katholische Theologie gegeben werden soll. Unter Beteiligung aller Institute soll bereits im ersten Semester des Studiums eine Einführung in die Philosophie, das Credo der Kirche, die Liturgie und die Heilige Schrift stattfinden. Die Kooperation unter den Lehrenden und die Kommunikation zwischen den Lehrenden und Studierenden, die v.a. die biographische Verortung der Betroffenen anvisiert, wird dabei großgeschrieben. Eine - für unsere Fakultät bisher unbekannte - Kombination von Kursen und Vorlesungen soll den Studierenden helfen, sich bereits im ersten Semester mit den wichtigsten Grundtexten christlicher Tradition vertraut zu machen und sich nicht zuletzt mit der Frage auseinanderzusetzen, ob sie sich das richtige Fach für ihr Studium ausgewählt haben.
Auf diese elementare Einführung baut nun die systematische Darlegung des Stoffes durch die Fächer des sog. Basisstudiums auf. Das Basisstudium bildet den Inbegriff der “Innsbrucker Revolution”; es wagt den Versuch, die Gesamtheit der theologischen Fächer in einem Ausmaß von 70 Semesterwochenstunden zu bewältigen. Auf eine kompakte Art und Weise führt es in die einzelnen Fächer ein, ermöglicht also einen Überblick über den Gegenstand des Studiums und vermittelt so eine verantwortbare theologische Grundkompetenz für die Studierenden aller theologischen Studienrichtungen. Der „nackte“ Stundenraster der einzelnen Fächer des Basisstudiums wird zwar einige überraschen oder gar schockieren. Schon im Vorfeld der Innsbrucker Entscheidungen gaben ja die Kritiker zu bedenken, dass es unmöglich sei, dieses oder jenes Fach im Ausmaß von einer Minimalstundenzahl zu studieren. Die meisten Kritiker gingen dabei unbefragt von der vertrauten Fächerkonzeption aus und fragten sich höchstens, was man bei der Stundenreduktion gerade noch auslassen könnte, ohne dass das Fach zur Unkenntlichkeit entstellt wird. Mit einer solchen Logik wird man aber dem Innsbrucker Basisstudium nicht gerecht. Dieses will ein neues Konzept der Fächer und der Curricula! Die kulturellen Veränderungen, die oben angesprochenen wissenschaftspolitischen Verschiebungen und auch die Veränderungen kirchlicher Lehre erzwingen diese geradezu. Interessanterweise sind es heutzutage eher die Universitäten, die durch ihre zementierten Curricula (gerade im Bereich der Geisteswissenschaften und der Theologie) sich dem Wandel entziehen, anstatt im Wandel die Vordenkerrolle zu spielen.
Die “trockenen” Überlegungen sollen durch das - vielleicht - brisanteste Beispiel farbiger werden. Wie soll nun im Kontext des so konzipierten Basisstudiums Dogmatik gelehrt werden? Das Stundenkontingent sieht dafür gerade sechs Semesterwochenstunden (weitere sechs kommen im Vertiefungsstudium der Fachtheologen dazu). Die seit Jahrhunderten bewährte Form der Einteilung des Stoffes in die Traktate könnte aufrechterhalten werden bei der Grundentscheidung, jedes Traktat im Ausmaß von einer Semesterwochenstunde anzubieten und einige Traktate ins Grundstudium, andere ins Vertiefungsstudium zu legen (was nicht unbedingt zielführend ist); die andere Möglichkeit wäre, auf einige der Traktate zu verzichten und die Dogmatik selektiv im Studium anzubieten. Die radikalste Lösung heißt aber: Abschied vom Traktatenschema und Aufbau eines neuen Curriculums. Nach mehreren Klausuren mit allen Mitarbeitern des Faches “Dogmatische Theologie” haben wir nun ein Basiscurriculum in Dogmatik erarbeitet, das vom biblischen Fundament her eine Gesamtschau der kirchlichen Lehre darzulegen sucht (dies entspricht dem Wunsch des Zweiten Vatikanischen Konzils - Optatam totius 16 - die Dogmatische Theologie primär als “Heilsgeschichtliche Dogmatik” zu betreiben). Es beinhaltet drei Bausteine von jeweils zwei Semesterwochenstunden: (1) Jesus Christus im dramatischen Ringen um Heil und Wahrheit; (2) Der Glaube der Kirche im Blick auf die Dramatik der Kirche; (3) Der Glaube der Kirche im Blick auf die Dramatik der Welt. Der methodische Zugang einer “dramatischen Theologie”, wie sie in Innsbruck in den letzten Jahren entwickelt wurde, integriert im Curriculum ausdrücklich die Frage, wie die einzelnen kirchlichen Aussagen sich wechselseitig ergänzen oder kritisch eingrenzen, und ob es im Laufe der Geschichte zu dramatischen Brüchen und Reinterpretationen gekommen ist. Durch die kirchliche Lehre hindurch soll für die Studierenden das christliche Glaubensgeheimnis des trinitarischen Gottes in seiner faszinierenden Kraft aufleuchten und es soll die innere Einheit des Handelns Gottes in Christus, in der Kirche, in anderen Religionen und in der Welt einsichtig werden. Gerade die methodische Ausrichtung macht es möglich, die christliche und kirchliche Lehre mit den kulturellen und gesellschaftlichen Grundvorstellungen unserer Zeit in einem dramatischen Dialog zu konfrontieren, um einerseits Ideologien und Mächte, die einen götzenhaften Charakter haben, zu kritisieren, anderseits aber auch zu fragen, wie die überlieferte Lehre im veränderten Kontext glaubwürdig ausgesagt werden kann.
Auf dem Grundstock des Basisstudiums bauen nun in verschiedenen Studienrichtungen unterschiedlich gestaltete Vertiefungen des theologischen Wissens auf. Die Vertiefung in der “Fachtheologie” geschieht zuerst durch die festgelegten Vertiefungsfächer. In einem zweiten Durchgang werden noch einmal alle zentralen philosophischen und theologischen Fächer auf einem höheren Niveau “absolviert”. Dieser Vorgang der Gegensteuerung gegen die gegenwärtigen Trends zur Beliebigkeit ist von eminenter Bedeutung, zielt er doch auf die Erarbeitung und Vertiefung eines klaren Standpunktes auf dem Boden katholischer Identität. Die fachtheologische Studienrichtung ist jenes Studium, das gemäß den kirchlichen Dokumenten (Sapientia Christiana, Rahmenordnung für die Priesterausbildung) die geforderten Qualifikationen einer Berufsvorbildung zur Zulassung für die Priesterweihe vermittelt. Von den zukünftigen Amtsträgern ist neben der Basiskompetenz im Umgang mit theologischem Wissen doch besondere Kompetenz gefordert. So will die Fakultät in diesem Zusammenhang zu einer inhaltlichen Kompetenz verhelfen. Sie soll sich zeigen: (1) In der geschärften Sensibilität für die Vielfalt kirchlicher Dienste und Ämter. Da die Sendung der Kirche in den pastoralen Dienst in der Gestalt des gemeinsamen und des Weihepriestertums erfolgt, bereitet das Studium durch wissenschaftliche Bildung auf den pastoralen Dienst vor; (2) in der Erkenntnis der interkulturellen Ausfaltung des Glaubens. Gerade eine stark international geprägte Fakultät stellt einen Ort dar, an dem die echte katholische Einheit erlebt, reflektiert und eingeübt werden kann; (3) in der spirituellen Haltung, die in der biblischen Tradition ihre Wurzeln hat, Christsein in katholischer Gestalt verantwortlich zu leben sucht und die für den kirchlichen Dienst nötige kommunikative Kompetenz entfaltet. Die Einübung der Kompetenz findet sowohl in den Pflichtvertiefungsveranstaltungen als auch in den für diesen Zweck extra konzipierten Modulen statt.
In der “Katholischen Religionspädagogik” geschieht die Vertiefung - im Unterschied zur Fachtheologie - ausschließlich durch die sog. Vertiefungsmodule des zweiten Studienabschnittes. Diese kombinieren auf eine kreative Art und Weise die traditionellen Fächer, ermöglichen den Studierenden nicht nur eine gewisse Wahlfreiheit des Stoffes, sondern gezielte Spezialisierungen (im Bereich einzelner Fächergruppen) im Hinblick auf die berufliche Praxis. In der Studienrichtung “Lehramt Katholische Religion” geschieht die Vertiefung durch die Fachdidaktik, die zur Gänze als kooperative Fachdidaktik in der Koordination mit einem anderen theogischen Fach konzipiert wurde.
Ein absolutes Novum der Lehrpraxis bilden die sog. Vertiefungsmodule. Sie stellen das Ergebnis der Grundentscheidung der Studienkommission dar, die Vertiefungsstunden in den Studienrichtungen: Fachtheologie und Katholische Religionspädagogik nicht 100%-ig festzulegen, sondern eine gewisse Anzahl an Stunden frei zu halten für die freiere Gestaltung des Studiums. Wie bereits oben erwähnt wurde, reserviert schon das staatliche Studiengesetz 10% der Stunden des gesamten Studienplanes für die freie Gestaltung des Studiums für alle Studierenden. Dies müssen nicht unbedingt Stunden aus dem Fach, das studiert wird, sein; so kann ein Fachtheologe beispielsweise 17 Semesterwochenstunden an medizinischen Lehrveranstaltungen aus einer beliebigen medizinischen Fakultät als Erfüllung dieser Notwendigkeit nachweisen. Um der Versuchung der Beliebigkeit vorzubeugen, wollen wir gezielt für modulierte (thematisch und methodisch zusammenhängende) Lehrveranstaltungen (auch unter Studierenden anderer Fakultäten) werben. Es gibt ja einen gewissen Hunger nach Orientierungswissen, der sich nicht durch schnelle Fertigkeitsrezepte der Wochenendkurse und Vorträge sättigen lässt. Viele der Module werden bewusst im Kontext des “Mission statement” der Fakultät konzipiert und auf den Dialog mit den kulturpolitisch relevanten Phänomenen ausgerichtet. Mit der Einführung von Pflichtmodulen im Studium der Theologie (ein Modul hat das Ausmaß von sechs Semesterwochenstunden) soll der Appetit für diese Studienform unter den Theologiestudierenden geweckt werden. Anderseits soll durch diese Studienform auch die spezifische Berufsprofilierung (wie z.B. die Ausrichtung auf das kirchliche Weiheamt unter den Fachtheologen) und die Interdisziplinarität gefördert werden. So sind in den Studienplänen folgende Module vorgesehen: Fakultätsmodule, Diplomarbeitsmodule, Wahlfachmodule und Vertiefungsmodule (für die Studienrichtung Katholische Religionspädagogik). Die Fakultätsmodule dienen ausdrücklich der Förderung der Interdisziplinarität an der Fakultät. Zwei Module stehen in diesem Zusammenhang gegenwärtig zur Auswahl: “Sakramententheologie interdisziplinär” und “Kirche im ökumenischen und interreligiösen Dialog”. Von Arbeitsgruppen konzipiert werden sie unter Beteiligung aller Institute durchgeführt. Die Modulierung des großen Teils von Lehrveranstaltungen bringt eine enorme Herausforderung für die Lehrenden mit sich. Die Lehrveranstaltungen müssen nun langfristig geplant und die Initiativen zur fächerübergreifenden Modulierung ergriffen werden. Eine gezielte Kombination der Wahlfachmodule ermöglicht den Studierenden eine Zusatzqualifikation, die im Diplomprüfungszeugnis aufgenommen werden kann.
Die Konzeption eines sich stufenweise vertiefenden Studiums (auf die Studieneingangsphase folgen die Fächer des Basisstudiums, dann die Vertiefungsfächer und die auf Interdisziplinarität und Synthese angelegten Vertiefungsmodule, schlussendlich das Diplomarbeitsmodul, das den Studierenden eine gezielte Vorbereitung und Begleitung der Diplomarbeit durch eine wissenschaftstheoretische Einführung in das Fach und eine Spezialisierung je nach Thema ermöglicht) stellt ein Novum an den Theologischen Fakultäten dar. Einerseits ermöglicht sie eine gemeinsame Basis für alle Studierenden (Priesteramtskandidaten, Laientheologen und Theologinnen, Religionslehrer und Lehrerinnen), fördert damit die Kommunikation und Gemeinschaft, anderseits differenziert sie die Studierenden am rechten Ort und an der richtigen Stelle. Den besonders interessierten, begabten und fleißigen Studierenden ermöglicht diese Konzeption des Studiums die Absolvierung mehrerer Studienrichtungen (inkl. des Magisteriums in Philosophie an der Theologischen Fakultät) und Zusatzqualifikationen in kurzer Zeit.
Sie findet ihre Vollendung im Doktoratsstudium. Auch in diesem Zusammenhang hat sich die Fakultät teilweise zu einer Neukonzeption entschlossen. Das Doktorat setzt nicht nur die im Diplomstudium erworbenen Kompetenzen voraus; es vertieft diese im Hinblick auf die Fähigkeit, Theologie als akademische Disziplin zu lehren. Deswegen fördert das Studium eine verstärkte wissenschaftsgeschichtliche und wissenschaftstheoretische Kompetenz sowie eine wissenschaftspolitische Sensibilität für die Frage nach dem Stellenwert der Theologie im kirchlichen und gesellschaftlichen Kontext. Um diesem Anliegen gerecht zu werden sehen nun die Studienpläne für alle Innsbrucker Doktoranden die Fächer: Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsdidaktik als Pflichtfächer vor. Auch diese Fächer werden - analog zur Studieneingangsphase - von der Gesamtfakultät “verantwortet”. Kontextbezogen - im Hinblick auf das konkrete Dissertationsprojekt - werden in diesen Fächern die Doktoranden v.a. in methodische Probleme ihrer Disziplinen eingeführt, aber auch in die Eigenart, wie die Theologie in Innsbruck betrieben wurde und gegenwärtig betrieben wird. Ein Doktorat aus Innsbruck soll noch mehr ein unverwechselbares Gütesiegel bekommen. Da viele unserer Absolventen nach dem Doktoratstudium an den Fakultäten weltweit unterrichten, sollen sie auch Wissenschaftsdidaktik lernen. Nicht im Kontext abstrakt gehaltener pädagogischer Veranstaltungen, sondern im Rahmen der interdisziplinären Fachdidaktik, die sich von vornherein als theologische Disziplin versteht. Weiterhin sieht das Doktoratsstudium die Wahl eines Pflichtfaches (Fach der Dissertation) und eines Wahlfaches vor. In beiden Fächer sind Forschungsseminare und das Rigorosum zu absolvieren. Die Dissertation ist eine wissenschaftliche Arbeit, die einen eigenständigen Beitrag zum Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnisse zum behandelten Thema leistet. Ihr Thema kann aus einem der an der Fakultät dozierten Fächer genommen werden oder hat in einem sinnvollen Zusammenhang mit einem dieser Fächer zu stehen. Der Studierende ist berechtigt, das Thema vorzuschlagen oder das Thema aus einer Anzahl von Vorschlägen der zur Verfügung stehenden Betreuerinnen und Betreuer auszuwählen. Unter den Zulassungsbedingungen zum Doktoratstudium sind nur noch die entsprechenden Kenntnisse in Latein, Griechisch und Hebräisch zu erwähnen. In unterschiedlichem Umfang und in unterschiedlicher Intensität können angemessene Kenntnisse dieser Sprachen in den Fächern der systematischen, historischen und biblischen Theologie Zugangsbedingungen für verschiedene Lehrveranstaltungen sein und je nach der Thematik der Dissertation auch Voraussetzung für das Doktorat (Hebräisch ist nur noch für die biblischen Fächer als Zulassungsbedingung zu sehen).
Die oben angesprochenen Anliegen, die der Studienkommission als Leitfaden bei der Erarbeitung der neuen Studienpläne dienten, führten zu einer einschneidenden organisatorischen Entscheidung. Die bisherigen Strukturierung des Studiums in einen mehr philosophisch ausgerichteten - vier Semester dauernden - ersten Studienabschnitt und einen - sechs Semester dauernden - theologisch fokussierten zweiten Abschnitt wurde nun aufgegeben. Angesichts der kulturpolitischen Lage gibt es heutzutage nicht mehr die Philosophie, die problemlos als Voraussetzung theologischer Fächer unterrichtet werden kann. Gerade um des Dialogs willen ist es notwendig, die stärkere Verzahnung des theologischen mit dem philosophischen Wissen zu betonen. Auf diese Weise kann die Christliche Philosophie gezielter profiliert und theologisches Wissen rationaler verantwortet werden. So finden sich nun die vertiefenden philosophischen Fächer im 2. Studienabschnitt, während der erste Studienabschnitt bereits die Gesamtheit der theologischen Fächer anbietet. Die Einteilung der Semester lautet nun umgekehrt: sechs plus vier. In den ersten sechs Semestern wird das Basisstudium samt einiger Vertiefungsmodule absolviert, der zweite Studienabschnitt dient nur der gezielten Vertiefung, dem Schreiben der Diplomarbeit und den Abschlussprüfungen.
Diese Änderung deutet schon auf die vorläufig letzte Neuerung des Studienbetriebs in Innsbruck. Es ist die geplante Einführung des theologischen Bakkalaureats (die gesetzliche Entscheidung über die Einführung des Studiums im Herbst 2003 wird im Verlauf des SS 2003 fallen). Die Diskussion über das Bakkalaureat in der Theologie scheidet freilich die Geister. Wo die einen den Untergang der theologischen Wissenschaft vermuten, prognostizieren die anderen den Aufbruch zu neuen Ufern. Unsere Fakultät verfällt nicht der apokalyptischen Stimmung. Den Untergangsvisionen setzt sie mutige Schritte in Richtung Erneuerung des Lehrbetriebs entgegen. Mit der Einrichtung des Bakkalaureatstudiums wollen wir nicht nur strategisch auf die EU-Linie einlenken. Wir sind zuerst überzeugt, dass es einen enormen gesellschaftlichen Bedarf nach einem akademischen Kurzstudium gibt. So sehen wir zuerst jenen Studierenden entgegen, die sich aus den Kreisen der berufstätigen Zeitgenossen rekrutieren könnten. Auch Studierende anderer Fakultäten sind als mögliches Klientel willkommen. Wie bereits erwähnt sehen die österreichischen Studienpläne ja in allen Studienrichtungen die Absolvierung von 10% freier Wahlfächer vor. Ist das nicht ein guter Grundstock für ein Bakkalaureatstudium in einem anderen Fach? Warum nicht in der Theologie? Als Betriebswirt oder Jurist mit einer Zusatzqualifikation eines Bakkalaurius in Sachen Religion ist man im Zeitalter der wiederverzauberten Gesellschaft nicht nur für den Arbeitsmarkt besser qualifiziert. Angesichts der “anything-goes”-Mentalität auf der einen und fundamentalistischer Tendenzen auf der anderen Seite will ja das Theologiestudium auch die Fähigkeit zu einer kritischen Reflexion alter und neuer religiöser Phänomene vermitteln. Die kulturelle Breitenwirkung einer wissenschaftlich reflektierten Theologie in verschiedene Gesellschaftsbereiche hinein ist gerade in unserer Gegenwart ein demokratiepolitisches Desiderat sondergleichen. Ein kulturpolitischer Umschwung im Hinblick auf die Einschätzung vom Wert der Studien ist ja in diesem Kontext nicht nur wünschenswert, sondern auch notwendig. Haben in den letzten Jahrzehnten die Fachtheologen mit einer Selbstverständlichkeit sondergleichen gerade wegen dem “Ankommen am Markt” an eine Zusatzausbildung gedacht, so werden in Zukunft hoffentlich auch die Informatiker und Mediziner an eine Zusatzausbildung in Theologie denken. Aber auch der Kreis der “traditioneller Anrainer” unserer Fakultät wird erweitert. Die kirchlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die bisher nicht genügend theologisch ausgebildet wurden (z.B. ständige Diakone, Jugendleiter und Leiterinnen, Seelsorgerinnen im kategorialen Bereich wie Krankenhaus u.ä.), schlussendlich auch Religionslehrer und Lehrerinnen an den Pflichtschulen können - wenn sie an einen pastoralen Beruf denken - nun an der Universität Fuß fassen. Nicht um dort ihren Glauben zu verlieren. Nein! Um diesen rational auch denken und verantworten und die katholische Identität auch schätzen zu lernen. Schließlich gehören ja zu ihr auch die Werte der Religionsfreiheit, des Ökumenismus und des Dialogs der Religionen.
Die umfassenden Reformen haben Ängste im Hinblick auf die Mobilität der Studierenden hervorgerufen. Entgegen den Unkenrufen gilt es festzuhalten, dass die jetzige Konzeption des Studiums mobilitätsfreudiger ist. Zum einen sind die Pflichtstunden erheblich reduziert und die nachzuweisenden Leistungen formalisiert (neben dem Stundenausmaß und der Note gibt es nun in der ganzen Europäischen Union die sog. ECTS-Punkte: European Credit Transfer System, die das Arbeitsausmaß bei der erbrachten Leistung auf formale Art und Weise dokumentieren). Zum anderen hat die Fakultät klare Richtlinien im Hinblick auf die Übernahme und Integration der Studierenden aus anderen Fakultäten beschlossen. Die große Anzahl an Wahlfachstunden, die nun in Innsbruck zu absolvieren ist, garantiert, dass die meisten Leistungen der Heimathochschule problemlos anerkannt werden. Da die Fachprüfungen des Basisstudiums ein sehr niedriges Stundenausmaß vorsehen (die meisten Fachprüfungen sind im Ausmaß von zwei, die größten im Ausmaß von sechs Semesterwochenstunden vorgesehen) ist eine differenzierte Anerkennung auch in diesem Zusammenhang möglich. Auf jeden Fall wird sich die Fakultät bemühen. in jedem einzelnen Fall einen sinnvollen Anschluss an das Innsbrucker System zu finden.
Mit den umfassenden Reformen unseres Studienprogramms zeigt die Fakultät, dass sie der gängigen Entwicklung in der theologischen Szene einen Schritt voraus ist. Sie ermöglicht ein fundiertes Studium bei gleichzeitig großer Flexibilität und gezielter Qualifizierung. Die Tatsache, dass die Studienplanreform in Innsbruck nicht isoliert durchgeführt wurde, sondern im Gesamtzusammenhang einer umfassenderen Fakultätsreform stand und die Entscheidung für ein klares “Mission statement” der Fakultät im Rahmen der Hochschulreform, die dem Trend zur Beliebigkeit im religiösen und weltanschaulichen Kontext entgegen steuert, lassen uns hoffen, dass unsere Theologie auch weiterhin einen unverzichtbaren Beitrag zum interdisziplinären Gespräch von akademischen Disziplinen leistet und auf diese Art und Weise ein Anwalt des Humanum in unserer Gesellschaft wird. Und dies, weil sie der erlösenden Wahrheit verpflichtet bleibt. Unser Bekenntnis zur „bewussten Anbindung unserer Theologie an die kirchliche Gemeinschaft“ und „zur katholischen Identität, zu der gerade die Werte der Religionsfreiheit, des Ökumenismus und des Dialogs der Religionen gehören“ ist für die Innsbrucker Theologinnen und Theologen ja kein Lippenbekenntnis. Es inkarniert sich ja tagtäglich im Lehr- und Forschungsbetrieb. Es lohnt sich also, nach Innsbruck zu kommen!