"Die
Pfaffenburg muß weg"
Das
Collegium Canisianum im Jahr 1938
P. Andreas Batlogg SJ, 21. November
1998
Meine Damen und Herren,
liebe Mitbrüder, Herr Regens!
"Pfaffenburg" wurde dieses Haus genannt, im Innsbrucker Volksmund, und das war nicht böse gemeint oder abschätzig, damals, in den 20er und frühen 30er Jahren. Ein so wuchtiger Bau, 1910/11 in der Rekordzeit von 17 Monaten aus dem Boden gestampft, war ganz einfach nicht zu übersehen in einem Villenviertel. Zum Saggen gehörte die "Pfaffenburg". So wie das Löwenhaus, die Handelsakademie oder das Kloster der Ewigen Anbetung. Unübersehbar waren natürlich auch die Schwarzröcke, die täglich wie Ameisenkolonnen zwischen dem Canisianum und der Theologischen Fakultät an der Jesuitenkirche hin und her pendelten. Mehr als vierhundert junge Männer in Soutanen, über zweihundert davon wohnten im Canisianum, prägten seinerzeit das Stadtbild.
Wer der "Pfaffenburg" an den Kragen wollte, legte sich also mit einer Institution an. Man mußte klug vorgehen. Das wußten die Nazis. "Die Pfaffenburg muß weg" diese Worte durften nicht öffentlich fallen. Die Parole wäre eine Provokation gewesen. Klug waren aber nicht nur die Nazis. Klug waren auch die Jesuiten.
1. Erfahrungen mit den Nationalsozialisten im Deutschen Reich
Sie hatten ihre Erfahrungen gemacht. Daß mit Nationalsozialisten nicht zu spaßen sei, daß es nichts bringt, sich mit ihnen irgendwie zu arrangieren, das war jenseits des Karwendels sichtbar geworden. Seit Hitlers "Machtergreifung" bzw. seit seiner Machterschleichung am 30. Januar 1933 hatte sich im Deutschen Reich für beide großen Kirchen vieles rapide verschlechtert. Parteien sind verschwunden, eine echte Opposition wurde zum Fremdwort (der Reichstag war de facto kein Parlament mehr, sondern nur mehr die Bühne für Auftritte des Führers und Reichskanzlers). Und auch die Kirchen sahen sich behindert in ihrer Arbeit, trotz gegenteiliger Versprechen. Am 20. Juli 1933 hatten die Deutschen mit dem Vatikan das Reichskonkordat abgeschlossen; es sollte die Sakramentenspendung und die Glaubensverkündigung sichern. Tatsächlich wurde die katholische Kirche sukzessive behindert, und das artete bald in einen regelrechten "Kirchenkampf" aus. Der begann bereits 1935: Hausdurchsuchungen; Bespitzelungen von Priestern, groß angelegte "Devisenprozesse" (bei denen neben anderen auch P. Oswald von Nell-Breuning SJ verhört wurde), Klosterstürme, Auflösungen von Kollegien und Schulen, Behinderung der schriftstellerischen Tätigkeit, Pamphlete im "Völkischen Beobachter" und anderen Organen. Die Liste der Schikanen ließe sich erweitern... Die NS-Propaganda zog alle Register, um einzelne Priester und Ordensleute zu diskreditieren, da war jedes Mittel der Hetze und Heuchelei recht. Nur beiläufig erwähne ich, für den Jesuitenorden, die Namen Augustinus Rösch, Rupert Mayer, Alfred Delp oder Lothar König und erinnere an den "Kreisauer Kreis". (1) Nach und nach wurden auch jene Bischöfe, die in Hitler anfangs einen kleinen Messias hatten sehen wollen, zumindest nachdenklich.(2) Der Papst ist auf kühle Distanz zum Dritten Reich gegangen. Mit seiner Enzyklika "Mit brennender Sorge" vom 14. März 1937 sie wurde eine Woche später, am Palmsonntag (21. März), verlesen hat Pius XI. auf Mißbräuche des NS-Regimes reagiert.
Mit der Verhaftung zweier Jesuiten (P. Josef Spieker SJ, P. Josef Baumann SJ) wegen "Kanzelmißbrauchs" im Jahr 1935 waren "Paukenschläge für alle Jesuiten gesetzt".(3) Roman Bleistein hält fest: "Eine bei den Nationalsozialisten übliche Kurzformel der inneren Feinde des Großdeutschen Reiches lautete: Juden, Jesuiten, Freimaurer. Mit diesen Staatsfeinden sollte spätestens nach dem großen Endsieg abgerechnet werden."(4) Paradoxerweise wurde die Gesellschaft Jesu von der Geheimen Staatspolizei insgeheim bewundert.(5) Die unerbetene Zuneigung beruhte auf Klischees und Gerüchten bezüglich der Organisation des Ordens und seines offenbar legendären Nachrichtensystems. Längst hatte die Gestapo ein sogenanntes "Leitheft über den Jesuitenorden" erstellt, das der "Reichsführer SS" Heinrich Himmler im August 1937 als Geheime Veröffentlichung im Reichssicherheitshauptamt herausgab. Es heißt darin: "Wenn auch in dem bekannten Schlagwort vom schwarzen und vom weißen Papst der Jesuitengeneral als Gegenspieler des Papstes vielfach hingestellt wird, so bleibt doch die Tatsache, daß der Jesuiten-Orden selbst da, wo seine Ordensmitglieder die vatikanische Politik maßgeblich beeinflussen oder beherrschen, das Sturmbataillon des römischen Papstes darstellt."(6) Die Politische Polizei in München hatte schon Ende April 1935 eine Geheime Anweisung "Betreff: Abwehr der Jesuiten" erhalten, in der es wörtlich heißt: "Um die zersetzende und volksaufwiegelnde Tätigkeit der Jesuiten in Bayern zu verleiden, ist ihrem Auftreten höchste Aufmerksamkeit zu widmen. [...] Über das Auftreten der Jesuiten ist laufend sofort zu berichten."(7)
2. ... und in Österreich
Meine Damen und Herren! Der Blick über die Grenze wollte daran erinnern, daß Österreich, daß Tirol und daß die Jesuiten in Innsbruck nicht auf einer Insel der Seligen saßen. Politik fand statt, dieseits und jenseits der Grenzen, auch wenn man sich nicht dafür interessierte. Auch hier in Tirol hatte es längst vor dem sogenannten "Anschluß" an Hitlerdeutschland Repressalien gegeben. "Der Orkan, der die Fakultät und das Canisianum zu vernichten drohte", so P. Franz Lakner SJ beim Hundertjahrjubiläum des Canisianums (1958), "brach 1938 herein, aber er kündete sein Kommen bereits einige Jahre vorher an." (8)
Hitlers "Mein Kampf" und das pseudowissenschaftliche Werk "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" Alfred Rosenbergs waren auch hierzulande bekannt. Wer aber hatte die Bücher wirklich gelesen und wenn: Wer hatte sie durchschaut? Kurioses Detail am Rande: P. Josef Donat SJ, der an der Theologischen Fakultät Kosmologie und Psychologie dozierte er war von 1932 bis 1937 Rektor des Canisianums gewesen , kam zur zweifelhaften Ehre, vom NS-Chefideologen zitiert zu werden, (9) natürlich als Beispiel dafür, daß Jesuiten einem blinden Glaubensverständnis das Wort redeten. (10)
Seit 1933 lag die Frage eines "Anschlußes" wie ein Schatten auf dem ganzen Land. (11) Seit der Ausschaltung des Parlaments (12) am 4. März regierte der christlichsoziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, seit gut zehn Monaten im Amt, autoritär. Auch er schloß noch rasch ein Konkordat ab. (13) Er führte einen Zweifrontenkrieg gegen Nationalsozialisten und Sozialdemokraten. Am 19. Juni 1933 wurde die NSDAP verboten, am 12. Februar 1934 die Sozialdemokratische Partei. Während in Deutschland "Volksgemeinschaft" propagiert wurde, schloß der Ständestaat zwei Drittel der Bevölkerung von jeder Mitbeteiligung aus. Am 25. Juli 1934 scheiterte zwar ein von Hitlerdeutschland begünstigter Putsch der Nationalsozialisten. Aber bei der vorübergehenden Besetzung des Bundeskanzleramtes kam Dollfuß ums Leben. (14) Ihm folgte Kurt von Schuschnigg als Kanzler (Juli 1934 bis März 1938). Zur erhofften Entspannung der Lage kam es nicht. (15) Schuschnigg mußte immer wieder Zugeständnisse machen: Am 11. Juli 1936 wurde ein deutsch-österreichisches Abkommen geschlossen, das Erleichterungen für illegale Nazis brachte und die Voraussetzung zur Bildung der "Achse" bedeutete. Im Herbst desselben Jahres schlossen Hitler und Mussolini den Pakt Berlin-Rom. Damals kam "das makabre Scherzwort" auf, "diese Achse sei der Spieß, an dem Österreich braun gebraten werde".(16) Ein Jahr später schon erhielt Hitler vom Duce freie Hand im Blick auf Österreich.
Und es war auch bald soweit: Am 12. Februar 1938 wurde Schuschnigg bei einem Treffen mit Hitler in Berchtesgaden ultimativ gezwungen, einen Nationalsozialisten in die Regierung aufzunehmen. Am 20. Februar wurde erstmals einer Rede Hitlers im Österreichischen Rundfunk übertragen. Eine dramatische Ansprache Schuschniggs vor der Bundesversammlung vier Tage später konnte nichts mehr verhindern. Am 9. März kündigte er hier in Innsbruck eine Volksbefragung für den 13. März an (die dann unter Hitler am 10. April stattfinden sollte). Am 11. März dankte Schuschnigg ab. Bundespräsident Miklas ernannte am gleichen Tag nach einer eindeutigen Order aus Berlin den nationalsozialistischen Innenminister Arthur Seyß-Inquart zum Bundeskanzler. Der Einmarsch deutscher Truppen am 12. März und die Annexion konnte damit nicht mehr verhindert werden: "Jubel und Begeisterung der Österreicher beim Einmarsch der deutschen Truppen am Vormittag des 12. März übertrafen alle Erwartungen auf deutscher Seite und trugen mit zu Hitlers Entschluß bei, den Anschluß Österreichs sofort und vollständig durchzuführen [...]. Neben Begeisterung, Jubel, Zustimmung, Hoffnung auf bessere Zeiten und viel Opportunismus gab es damals auch Österreicher, die mit dem, was geschah, nicht einverstanden waren auch wenn sie weitgehend unbemerkt blieben, denn Himmlers Schergen griffen schnell zu; was blieb, waren die Jubelbilder und Hitler auf dem Heldenplatz." (17) Diese Bemerkung des Innsbrucker Zeitgeschichtlers Rolf Steininger bringt jenes andere Österreich ins Spiel, das von einer oberflächlichen Tribunalisierung der Geschichte jener unheilvollen Tage nicht zur Kenntnis genommen werden will, um alle Österreicher pauschal zu Nazis stempeln zu können. Auch Erika Weinzierl, die Doyenne der österreichischen Zunft der Zeitgeschichte, hält dagegen: "Jene 200.000 Wiener, also etwas mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung der Stadt, die sich am 15. März 1938 auf dem Heldenplatz zur jubelnden Begrüßung Hitlers einfanden, sind in das Bewußtsein der Öffentlichkeit innerhalb und außerhalb Österreichs bis in die Gegenwart eingegangen. Von den Zehntausenden von Österreichern, die noch im März von der Gestapo verhaftet wurden, von den nationalsozialistischen Terroraktionen und Rauben erfuhr die Öffentlichkeit nichts." (18) Tausende wurden jedenfalls bereits in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1938 verhaftet und in Lager oder ins KZ Dachau gesteckt.
"Österreich" war mit dem 12. März 1938 politisch von der Landkarte verschwunden. Es wurde zur "Ostmark" und später in "Donau- und Alpengaue" eingeteilt. Für Hitler war das die "Heimholung ins Reich". Mexiko war das einzige Land weltweit, das dagegen protestierte. Die von der österreichischen Bischofskonferenz unterstützte Volksabstimmung am 10. April, bei der 99,73% der abgegebenen Stimmen die vollzogene Wiedervereinigung absegneten, besiegelte den Zustand. Die Propgandamaschinierie hatte ganze Arbeit geleistet, nicht ohne Zutun der Bischöfe. Aber auch hier gilt: Wer auf der von Kardinal Theodor Innitzer mit der Paraphe "und Heil Hitler" unterzeichneten Unterstützungserklärung der Bischofskonferenz herumreitet, die überall plakatiert wurde für Reinhold Stecher "ein bedrückender Fauxpas, mit dem wir uns nie identifizieren konnten" , der sollte auch dazusagen, daß die nachfolgenden Monate den österreichischen Episkopat eines Besseren belehrten; daß im September Verhandlungen zwischen den Bischöfen und der Regierung über einen Modus vivendi abgebrochen wurden; daß ein kalter Krieg begann, der bald in offene Verfolgung umschlug. Am 8. Oktober 1938 kam es zum Sturm der HJ auf das Erzbischöfliche Palais, nachdem Innitzer tags zuvor bei einer Feier im Stephansdom vor Jugendlichen von Christus als dem Führer der Jugend gesprochen hatte. Antiklerikale und antisemitische Parolen tauchten bald als Zwillinge auf Spruchbändern auf: "Die Pfaffen an den Galgen", "Nieder mit dem Klerus", "Innitzer nach Dachau", "Zum Teufel mit den Jesuiten", "Ohne Juden, ohne Rom, wird erbauet Deutschlands Dom". Und es war Kardinal Innitzer, der als einziger Bischof im deutschen Sprachraum, wie Kardinal Schönborn dieser Tage in Erinnerung rief, 1940 eine "Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken" einrichtete, die längst nicht nur getauften Juden half, die selbst von der Israelitischen Kultusgemeinde keinen Rechtsbeistand erhielten. Geleitet wurde diese Einrichtung von dem norddeutschen Jesuiten Ludger Born (1897-1980), dem die österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger, die die Deportation und Ermordung ihrer Großmutter und der jüngeren Geschwister ihrer Mutter erleben mußte, ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Von Innitzer hielt die Tochter einer jüdischen Ärztin fest, der Kardinal sei immer wieder vorbeigekommen: "Nicht wie Wohltäter zu Waisenhausfesten zu kommen pflegen, mit einem raschen Lächeln und ebenso rasch entschlossen zu gehen. Er kam, bereit zu bleiben und nicht nur den Augenblick der Freude mit uns zu teilen." Die Hilfsstelle wurde für die 1921 Geborene zu einem Hoffnungsort: "Daß es einen Ort gab wie den Universitätsplatz oder den kleinen Anbau im zweiten Hof des erzbischöflichen Palais: ich weiß viele, für die das der einzige, und genug, für die es der letzte Beweis dieser anderen Existenz war". Und: "Bis zuletzt werden wir Dächer und Türme der Hilfsstelle von damals über uns fühlen, werden die Helfer von damals schützend in unseren Türen stehen, um die Schrecken abzuwenden oder wo das unmöglich ist, sie zu teilen."
3. Die Lage in Tirol
Tirol war von all dem nicht verschont. Schon die "Machtergreifung" war in Innsbruck mit einem mächtigen Fackelzug gefeiert worden. Aus dem Nichts kamen die Nationalsozialisten bei Gemeinderatswahlen am 7. März 1933 an die Öffentlichkeit. In Innsbruck wurden sie mit 41,2% der Stimmen stärkste Partei. Als die NSDAP 1933 und die Sozialdemokraten 1934 verboten wurden, schieden aus dem Innsbrucker Gemeinderart neun NS- und 15 sozialdemokratische Mandatare aus. Der Stadtrat und inoffizielle Gauleiter Franz Hofer wurde zwar verhaftet, konnte aber befreit werden. Die Nazis gingen in den Untergrund. "Böllerattentate, Flugzettel und Schmieraktionen, wie z. B. ein großes Hakenkreuz an den Wänden der Sattelspitze neben der Frau Hitt, ließen das Leben im Lande nicht zur Ruhe kommen."
Tirol war das erste österreichische Bundesland überhaupt, in dem der sogenannte "Anschluß" vollzogen wurde. Am 1. März hatte der Tiroler Landtag (damals: "Ständischer verfassungsgebender Landtag") noch ein Treuegelöbnis abgelegt. Schon am 11. März wurde abends gegen 21.00 Uhr die Hakenkreuzfahne am Sitz der Landesregierung gehißt. Die "Innsbrucker Nachrichten" titelten am 12. März: "Innsbrucks größter Tag Anbruch eine neuen Zeit" sowie: "Der Nationalsozialismus übernimmt die Macht im Staate! Ein vollständiger Sieg nach fünfjährigem harten Kampfe!" Am 5. April war Hitler zusammen mit Himmler in der Tiroler Landeshauptstadt. Dieselben Schützen, die vier Wochen vorher am Bahnhof Schuschnigg Transparente mit der Aufschrift "Tirol bleibt treu" entgegengehalten hatten, skandierten nun "Sieg Heil".
Der Elektro- und Radiohändler Franz Hofer (1902-1975) wurde von Hitler am 23. Mai 1938 (als Nachfolger von Edmund Christoph) zum Gauleiter und mit Wirkung vom 1. April 1940 zum "Reichsstatthalter" ernannt. Unweit von hier, am Rennweg, neben dem Haus der Begegnung, steht heute noch die Villa (heute eine Depandance der Österreichischen Akademie der Wissenschaften), die er sich 1938/39 von einem jüdischen Mitbürger namens Schindler angeeignet hatte. Für Hofer war es natürlich unerträglich, daß sein Domizil in unmittelbarer Nähe zum Kloster der Ewigen Anbetung lag. Deshalb ließ er es am 5. März 1940 aufheben. Einer der mit Stemmeisen anrückenden Beamten soll damals gesagt haben: "Lieber zehn Männerklöster als ein Frauenkloster".
Hofer war ein Fanatiker. Als im Herbst 1938 die Verhandlungen der österreichischen Bischöfe mit dem Reichskommissar Bürckel in Wien abgebrochen wurden, "steigerten sich auch in Tirol die antikirchlichen Maßnahmen zu einem wahren Kirchensturm". Sein ganzer Ehrgeiz bestand darin, Hitler zum 50. Geburtstag (1939) ein "juden- und klosterfreies Tirol" übergeben zu können. Helmut Tschol spricht in diesem Zusammenhang von einem "mit äußerster Härte" geführten, regelrechten "Vernichtungsfeldzug gegen die Tiroler Klöster". Nicht nur in der kirchlichen Zeitgeschichte gilt es mittlerweile als erwiesen, daß die Konfrontation zwischen Kirche und NS-Staat hier in Tirol im gesamten Reichsgebiet vergleichsweise am schlimmsten ausgetragen wurde. Elf Priester wurden getötet oder starben in Haft, 13 waren im KZ und 206 wenigstens einmal inhaftiert; von den Weltpriestern war das jeder Fünfte.
4. Im Visier der NS-Behörden
Es waren zunächst mehr die in der direkten Seelsorge stehenden Jesuiten, die ins Visier der verschiedenen NS-Behörden gerieten. Da die HJ immer mehr zur Staatsjugend wurde, mußte die blühende Innsbrucker MK natürlich als staatsfeindliche Vereinigung gelten. Wer mit Jesuiten zu tun hatte, galt als besonders geimpft gegen die NS-Ideologie.
Illusionen machte man sich also gewiß keine über das, was dem Orden bevorstand, auch wenn es dafür nur vage Andeutungen in verschiedenen Informationsblättern gibt. Was sich in Deutschland abspielte, nahm auch in Österreich in den Jahren 1933 bis 1938 im verborgenen seine Entwicklung. Was im "Leitheft der SS" von 1937 oder in der Geheimen Anweisung der Münchener Polizei von 1935 über Jesuiten festgehalten ist, wurde auch von hiesigen NS-Bonzen gelesen und berücksichtigt.
Einer, der den Einmarsch deutscher Truppen am 12. März als Augenzeuge miterlebte, war der 1990 verstorbene P. Franz Payr (1907-1990), damals im zweiten Jahr seines Theologiestudiums, einer von 126 Jesuitenstudenten im Kolleg in der Sillgasse. Im Bedenkjahr 1988 gab Payr einen Bericht über das Ereignis ab, das wie ein Schauspiel inszeniert wurde und die beabsichtige Wirkung Einschüchterung der Bevölkerung ganz offensichtlich nicht verfehlte. Er sagte nämlich nicht nur, was war, sondern auch, wie ihm dabei zumute war:
"Die Besetzung Innsbrucks ging in vollständiger Ruhe vor sich, die Reichswehr zog in unsere Kaserne ein und vor der Reichswehr zogen vormittags von 11 Uhr an Kolonnen von Bauernburschen durch die Stadt herein in die Kaserne und wurden dort aufgenommen, als ob es sich um eine Rekrutierung handelte. [...] Das ganze Haus war abgesperrt und verriegelt, nur die Pforte war noch offen, da zog nachmittags um 5 Uhr die SS ein. Ein Trommelwirbel über den Rennweg herauf, zuerst hat man gar nicht gewußt, was es ist, dann der Trommelwirbel mit Pfeifergruppen und dumpfes Dröhnen. Und dann sind sie herübergezogen, die Universitätsstraße herüber: das mußte man erlebt haben! Ein langer Zug WUMM WUMM: die schwarze SS mit geschultertem Gewehr, obendrauf die Bajonette, das hat ausgeschaut wie ein Heer von Messerspitzen. Ich habe mir gedacht: Gott gnade uns, wenn die uns packen. Da sind sie über den Platz herüber in einem Stechschritt also ich sage nur: den Eindruck habe ich bis heute nicht vergessen, diese ausdruckslosen, harten Gesichter; auch die sind dann in die Kaserne eingezogen. Aber dieser Trommelwirbel usw. war natürlich psychologisch berechnet; ich glaube, er hat Innsbruck gelähmt. Dann ging erst der Jubel los."
Dem Jesuitenkolleg waren damals 192 Ordensmitglieder zugeschrieben: 52 Patres (Professoren, Seelsorger, Volksmissionare, alte Patres), 126 studierende Jesuiten der Philosophie und Theologie (Scholastiker) und 14 Brüder. Rektor (und Studienpräfekt) im Kolleg war seit August 1936 P. Florian Schlagenhaufen SJ (1892-1965), der Fundamentaltheologie dozierte. Bereits am 13. März hatte es eine erste Hausdurchsuchung gegeben. Aber schon kurz nach dem "Anschluß" fühlte er sich dem Oberenamt nicht mehr gewachsen und zog auf den Zenzenhof. Am 21. März wurde deswegen P. Hugo Rahner (1900-1968) zum Vizerektor; am 31. Juli P. Josef Andreas Jungmann SJ (1889-1975) vom Provinzial zum Rektor ernannt. Daß die "Sillgasse" schon im Laufe des Jahres 1931 "zum Gedenken an die Sudetendeutschen", wie das entsprechende Protokoll festhält (Stadtarchiv Innsbruck, Stadtratsprotokolle 1930, fol. 741) in "Straße der Sudetendeutschen" umbenannt wurde, hatte durchaus einen jesuitenfeindlichen Hintergrund gehabt, war doch die Internationalität des Kollegs schon damals gewissen politischen Gruppierungen ein Dorn im Auge gewesen.
4.1 Auswirkungen des "Anschlußes" auf die Universität
Der "Anschluß" hatte natürlich Auswirkungen auf die Universität. Unmittelbar nach dem 12. März setzte die offizielle "Gleichschaltung" ein. Am 14. März wurde der neue Rektor Harold Steinacker installiert, am 22. März wurde die Vereidigung der Hochschullehrer auf den "Führer des Deutschen Reiches und Volkes" vorgenommen. Es kam zu Säuberungen durch den NS-Dozentenbund. Auch unter der Studentenschaft kam es zu drastischen Ausschlüssen. Im Sommersemester 1938 waren bereits nur mehr vier jüdische Studenten inskribiert. Bereits Ende März wurde verfügt, ausländische jüdische Studenten dürften im laufenden Sommersemester nicht mehr inskribieren und nicht mehr zu Prüfungen zugelassen werden. Einen Monat später wurde ein Numerus clausus festgelegt, demzufolge die Quote inländischer Studierender mosaischen Bekenntnisses zwei Prozent nicht überschreiten durfte, sofern dadurch nicht sogenannte arische Studentinnen und Studenten benachteiligt würden. Im Wintersemester 1938/39 wurde die Quote auf ein Prozent gesenkt, nach der in Innsbruck besonders grausam verlaufenen sogenannten "Reichspogromnacht" vom 9./10. November 1938 der totale Ausschluß verfügt. Damit war die Universität, wie man zu sagen beliebte, "judenfrei".
Beim 300-Jahr-Jubiläum der Universität 1970 nannte der Chronist der Universitätsgeschichte im Festband zwei einschneidende Schritte während der NS-Zeit: die rassischen Säuberungen einerseits und die Aufhebung der Theologischen Fakultät anderseits, "eine Liquidation, deren Art und Weise wie Zeitgenossen erklären man keineswegs als behutsam bezeichnen konnte. Beide Aktionen wurden nicht von der Universität, sondern von der Gauleitung gestartet und durchgeführt."
4.2. ... und auf die Theologische Fakultät (1937/38)
Was draußen am Innrain geschah, konnte an der Theologischen Fakultät nicht ohne Bedeutung bleiben. So wurden auch hier Maßnahmen der neuen politischen Führung spürbar. Das Diarium der Fakultät, das vom letzten Dekan vor der Aufhebung, Josef Hofbauer SJ (1892-1972), am 8. August 1938 abgeschlossen wurde, liest sich wie die Chronik einer schleichenden, aber sehr effizienten Ausschaltung der Fakultät. Bereits eine für den 12. März anberaumte Promotion konnte nicht stattfinden, da der kommisarische Rektor (H. Steinacker) als Nichtkatholik keine theologischen Promotionen vornehmen konnte. Zum Geburtstag Hitlers am 20. April wurde eine Feierstunde "in einem festlich geschmückten Hörsaal der Alten Universitätsbibliothek abgehalten", bei der der akademische Senat mit Professorenkollegium und Studentenschaft anwesend waren, flankiert von SA- und SS-Männern der Studentenschaft. Gemeint ist kein anderer Ort als die Theologische Fakultät, deren heutiger Kaiser-Leopold-Saal bis 1924 als Bücherdepot der Universität fungierte und seit 1926 wieder ganz der Theologischen Fakultät zur Verfügung stand eine NS-Feier also Wand an Wand mit dem Jesuitenkolleg! Am 9. Mai mußten die Vorlesungen bis 10 Uhr vormittags wegen der Durchfahrt des Führers auf der Rückkehr aus Italien entfallen.
Im Sommersemester 1938 wurden nach und nach Professoren unter dem Anschein der Legalität, der neuen Gesetzgebung folgend, in Pension geschickt; die Denunziation eines Fakultätsbediensteten verhinderte die Besetzung der Lehrkanzel für Neutestamentliche Bibelwissenschaft und zwang den Nominierten, P. Paul Gaechter, zur Emigration; der im Konkordat geregelte Berufungsmodus wurde seitens des NS-Dozentenbundes zu unterlaufen versucht.
Das Ende war offenbar längst geplant. Das Finale furioso, die Aufhebung der Theologischen Fakultät, erfolgte mit dem 20. bzw. dem 22. Juli. Unmittelbar danach wurde die Fakultät regelrecht geplündert: Die Vorstände anderer Institute der Universität konnten sich bedienen und aussuchen, was sie für ihre Bibliotheken haben wollten. Stumme Zeugen dieser Beutezüge sind heute noch jene Bücher in der Jesuiten- oder in der Fakultätsbibliothek, die Stempel der Institute für Klassische Philologie oder für Pädagogik tragen.
4.3 Die Welt schaut auf Innsbruck wegen des Canisianums
Es klingt vielleicht merkwürdig, trifft aber die Sache genau: Die Welt schaute auf Innsbruck wegen des Canisianums, der Theologischen Fakultät und des Jesuitenkollegs. Ihr Schicksal hängt engstens zusammen.
Die Theologische Fakultät hatte einen relativ hohen ausländischen Höreranteil. Das mußte dem "völkischen" Geist des Nationalsozialismus regelrecht zuwiderlaufen. Anderseits verdankte die Gesamtuniversität gerade den Theologen ihren hohen Bekanntheitsgrad in aller Welt. In allen 81 Jahren ihres Bestehens (1857-1938) zusammen waren rund 24.000 Hörer an der Theologischen Fakultät eingeschrieben gewesen, 16.000 davon hatten dem Canisianum angehört und verteilten sich über vier Kontinente. Maßnahmen mußten also klug koordiniert sein. Im Wintersemester 1937/38 hatte die Fakultät 453, im Sommersemester 1938 448 Hörer, etwa die Hälfte davon stellte das Canisianum.
4.3.1 Das Canisianum zwischen 1933 und 1938
Obwohl die Einführung der Tausend-Mark-Sperre im Sommer 1934 den Zustrom neuer Theologiestudierender (vor allem aus Deutschland) unterbunden hatte, nahm die Zahl der Konviktoren nur wenig ab: Waren es 1934 noch 260 (bei 481 Hörern insgesamt) gewesen, so 1938 immerhin noch 235 (wobei allerdings nur mehr zwei Deutsche das Studienjahr 1937/38 begonnen hatten). Das Mitliederverzeichnis des Priestergebetsvereines (dem nicht alle ehemaligen Canisianer angehörten), weist insgesamt 2973 Mitglieder und Freunde in folgenden Staaten aus: Albanien, Argentinien, Belgien, Brasilien, Dänemark, Deutsches Reich, England, Frankreich, Irland, Italien, Jugoslawien, Kanada, Luxemburg, Österreich, Polen, Rumänien, Rußland, Schweiz, Tschechoslowakei, Ungarn und USA. Zum Zeitpunkt der Aufhebung gab es ca. 4000 lebende Canisianer (davon eben fast zwei Drittel als Mitglieder des Priestergebetsvereines). Viele davon waren in hohen kirchlichen Positionen. Sie schauten auf Innsbruck.
Die Bezeichnung "Pfaffenburg" fürs Canisianum hatte Mitte der 30er Jahre eine andere Bedeutung bekommen: eine gehässig-negative. Es waren die vom Deutschen Reich her bekannten Tricks, die ihre kalkulierbare Wirkung hatten: Einschüchterungsversuche, Verleumdungen, gezieltes Streuen von Gerüchten. Ein Priester oder Ordensmann, der der Homosexualität bezichtigt wurde, war beschädigt. Sowas "saß", gemäß dem Motto: "Semper aliquid haeret" irgendwas wird schon hängenbleiben. Und wer erst einmal punziert ist, der bleibt es, dem traut man nicht mehr so ganz. Das war NS-Agitation! Und so wie ab 1938 das Innsbrucker Servitenkloster als "homosexuelle Lasterhöhle und als Waffenversteck verleumdet wurde", so wurde auch der eine oder andere Jesuit beschuldigt. Es gab Überfälle aufs Canisianum, es gab Hausdurchsuchungen, es gab Brandanschläge (auch auf den Taxerhof). Hakenkreuz-Schmierereien waren noch das Geringste. Das Korrespondenzblatt durfte im Deutschen Reich schon ab Januar 1936 nicht mehr erscheinen.
Die Jesuitenkommunität des Canisianums zählte im Jahr 1938 14 Mitglieder: P. Lakner war seit 1937 Rektor, P. Michael Hofmann seit 1926 (und zuvor schon von 1900 bis 1919) Regens. Mit den Patres Dander und Donat hatte man zwei aktive, mit P. Gatterer einen emeritierten Professor im Haus, dazu kamen einige Seelsorger und Brüder. Der Spiritual, P. Josef Meindl, starb sozusagen rechtzeitig: am 5. März 1938, noch nicht ganz 50jährig. Es ist ihm so etwas erspart geblieben!
Für ihn kam, frisch aus dem Terziat, P. Dominikus Thalhammer. Seine erste Exhorte, bald nach dem "Anschluß", hinterließ einen starken Eindruck und wurde deswegen nahezu vollständig (im April 1938) im Korrespondenzblatt abgedruckt. Seine Worte über "Kirche und Priester in neuer Zeit" stehen für das kollektive Verhalten der Jesuiten in Innsbruck: "Wir nehmen die Veränderungen, die der politische Umsturz gebracht hat, einfach als Gegebenheiten hin, und fragen uns nur, welche Forderungen und Folgerungen sich für uns Priester und Priesterkandidaten daraus ergeben. Die Frage müssen wir uns stellen. Denn unsere Aszese ist nicht die des weltflüchtigen Mönches, sondern des Priesters, der in dieser Welt arbeiten muß." Thalhammer gibt auch die Stimmung im Canisianum unter den Konviktoren wieder: "Die Ereignisse der letzten Wochen haben Sie alle seelisch stark in Anspruch genommen. Es ist das nicht zu verwundern. [...] Ich kann mir vorstellen, daß mancher aus Ihnen mit den Ereignissen noch nicht innerlich fertig geworden ist." Und dann gibt er Punkte zur Unterscheidung zu bedenken. Seine eigene, unerschütterliche, für mich wahrhaft erstaunliche Haltung ist die: "Danken wir Gott, daß wir in eine solche Zeit hineingeboren wurden, wo nur die Entscheidung gilt: Held oder Feigling. [...] Mit der Größe der Aufgabe wächst auch die Größe der Gnade und Kraft. Der Herr ist mit uns und bei uns. [...] Wer bisher zuerst Patriot und dann erst Priester und Priesterkandidat war, dem ist heute eine Welt zusammengebrochen. Die Frage ist nur, ob diese Einstellung die rechte war."
P. Lakner war am 9. März nach Rom abgereist, zur (28.) Generalkongregation des Ordens. P. Hofmann war während seiner Abwesenheit Vizerektor. Allerdings hat Lakner, wie die Akten der Generalkongregation festhalten, am 16. März wegen der dramatischen Lage in Österreich die Erlaubnis erbeten und auch bekommen, heimzufahren, desgleichen P. Josef Miller, der Provinzial der Österreichischen, und Augustinus Rösch, Provinzial der Oberdeutschen Provinz. Sie kehrten zwar nach einigen Tagen wieder zurück, aber die beiden Provinziäle ließen sich am 7. und am 29. April nocheinmal von den Beratungen dispensieren und sahen sich gezwungen, wegen der angespannten Lage nicht mehr nach Rom zurückzukehren. Lakner hatte für die jährliche Romfahrt der Canisianer (1938 waren es 25 Teilnehmer) am 13. April noch eine Audienz beim Papst arrangiert, bei der Pius XI. auf die "gegenwärtigen schweren Zeiten" für das Konvikt nördlich des Brenners einging. Das war tags darauf prompt im "Osservatore Romano" auf Seite 1 nachzulesen.
Die Lage war zweifellos ernst. Um die Gemüter im Ausland zu beruhigen, schickten die Innsbrucker Jesuiten an die Katholiken-Zentrale in Washington ein Telegramm, das in nordamerikanischen Zeitungen veröffentlicht wurde Und schon in der April-Ausgabe ihres Korrespondenzblattes druckten sie eine Erklärung ab, derzufolge die Konviktsleitung die Behörden um eine "Zusicherung des offiziellen Schutzes, den alle in Oesterreich weilenden Ausländer, besonders aber die aus dem Auslande hergekommenen Hochschulstudierenden, mit Recht in Anspruch nehmen können" gebeten habe. Der Text schließt lapidar: "Dieser kurze Bericht wurde deshalb der zuständigen Behörde vorgelegt und von ihr genehmigt." Da scheint schon durch: Ohne Behörden ging jetzt gar nichts mehr, jeder Schritt wurde beobachtet. "Pfaffen" waren gefährlich, eine "Pfaffenburg" möglicherweise Kaderschmiede für Aufwiegler.
Natürlich waren sämtliche Zusicherungen der Behörden das Papier nicht wert, auf dem sie standen. Aber man wußte offenbar, daß das Ausland aufmerksam Notiz nahm von den Einflüssen, die die NS-Politik auf die Universität, auf die Fakultät und damit aufs Canisianum nehmen sollte. In der Schweiz war es das sollte noch immense Bedeutung bekommen zur Gründung des Vereins "Schweizer Innsbrucker Altkonviktoren" gekommen. Doch man empfahl trotz der Versprechen staatlicher Stellen, keine Schweizer mehr nach Innsbruck zu schicken. Ausländer wollten die Behörden nicht.
4.3.2 Das Ende
Ich komme zum Ende dieses Hauses. Die Taktik war natürlich klar: Ohne Fakultät keine Vorlesungen, ohne Vorlesungen keine Ausbildung, ohne Ausbildung keine Studierenden. Und auf einen Schlag wäre man über 400 Theologen los geworden, dazu ihre Professoren und Ausbildner. Man mußte nur also nur Gebäude aufheben und konfiszieren. Aber möglichst unauffällig. Die Nazis wollten die Fakultät still und leise während der Sommerferien verschwinden lassen. Aber so einfach ging das nicht. Papst Pius XI. hat nämlich bereits am 15. August 1938 eine kirchliche Hochschule päpstlichen Rechts errichtet, mit zwei Fakultäten, einer philosophischen, die im Jesuitenkolleg, und einer Theologischen, die im Canisianum untergebracht war. Geändert hatten sich also nur die Räumlichkeiten, und die Priesterausbildung schien damit gesichert.
Man kann sich vorstellen, daß dieser ich würde es nennen: vatikanische Überraschungscoup den Gauleiter zum Kochen brachte. Die Ausbildung, staatlich verunmöglicht, sollte kirchlich weitergehen. Am 24. Juli wurde das Canisianum außerdem auch Diözesanpriesterseminar; es mietete sich im Nordtrakt des Canisianums ein, Regens war (seit 1936) Paulus Rusch der von 1927 bis 1934 selbst Konviktor gewesen war. Einige Räume des Canisianums wurden an die Apostolische Administratur Innsbruck-Feldkirch vergeben.
Die neuen Verhältnisse wurden in der ersten Ausgabe des Korrespondenzblattes für das Studienjahr 1938/39 sofort publik gemacht. Der Rektor des Canisianums, P. Lakner, war gleichzeitig Rektor der neuen Theologischen Fakultät. Die Professorenschaft war identisch mit jener aus dem Sommersemester 1938, Dekan der Theologischen Fakultät war Hugo Rahner SJ, Dekan der Philosophie Johannes Kleinhappl SJ. Die in der Oktober-Ausgabe des Korrespondenzblattes berichteten Reaktionen von Altkonviktoren, die in die Hunderte gehen, bezeugen eindrucksvoll, wie sehr auf die Entwicklungen der letzten Monate im Ausland geachtet worden waren. Kriegsgerüchte im August und September 1938 bewirkten freilich, daß 40 Anmeldungen für das Canisianum, vor allem aus Übersee, storniert wurden. Im Wintersemester 1938/39 gab es 156 Canisianer, davon 46 Neueingetretene; dazu kamen 72 Seminaristen, die Scholastiker aus dem Jesuitenorden stellten 117 Mann. Insgesamt waren an der Pontifica Facultas Theologica 412 Studierende aus 43 Diözesen und sechs Orden, davon waren 56 Priester.
Die Sache sollte sich jedoch nur als Zwischenlösung herausstellen. Berlin und Wien fühlten sich provoziert. Mit der Beschlagnahme des Canisianums würde der Priesterausbildung buchstäblich der Boden unter den Füßen entzogen. Ende August/Anfang September fand im Canisianum noch eine international besuchte Ferienakademie über die hier in Innsbruck inaugurierte sogeannte "Verkündigungstheologie" statt auch das erzeugte eine den Nazis nicht geheuer vorkommende Publizität. Anfang September ging den Jesuiten eine vertrauliche Mitteilung eines Finanzbeamten zu, die Schließung des Canisianums sei beschlossene Sache, es existiere darüber bereits ein Akt in Wien. Zunächst begann ganz normal das Wintersemester. Am 15. Oktober wurde der 35jährige Rusch, erst seit 1933 Priester, zum Titularbischof und Apostolischen Administrator von Innsbruck-Feldkirch ernannt, blieb aber Regens und im Canisianum wohnhaft. Sechs Wochen später rächten sich die Nazis.
Per Einschreiben verfügte Gauleiter Hofer, datiert mit 21. November 1938, das ist heute vor 60 Jahren, der imposante Gebäudekomplex sei dem Oberfinanzpräsidium als Amtssitz zu übereignen. Das Dokument im jüngsten Korrespondenzblatt abgedruckt, das Original ist hinten ausgestellt wurde P. Lakner von Beamten übergeben. Es ist darin von einer "Zuschreibung des Canisianums für Zwecke des Ausbaues des Oberfinanzpräsidiums" die Rede. "Enteignung" oder "Aufhebung" sind demnach Begriffe der Jesuiten. Wem die sogenannte Vergütung von RM 28.000, zukam, konnte ich nicht eruieren. Vielleicht der Partei?
Die sofortige Räumung konnte nach Verhandlungen auf mehrere Monate gestreckt werden, sodaß der allerletzte Teil erst am 1. März 1939 übergeben wurde. Die Jesuiten waren auf den Fall der Fälle vorbereitet. Schon im Sommer 1938 war in Italien, Frankreich und in der Schweiz (Montana oder Sitten) sondiert und nach Ausweichquartieren gesucht worden. P. Lakner reiste am 22./23. November wegen eines Hinweises einer möglichen Verhaftung über München in die Schweiz und traf letzte Vorbereitungen. Am 23. November teilte P. Hofmann als Regens die Verfügung der Gauleitung den versammelten Konviktoren mit und konnte das Asyl im Ancien Hôpital in Sitten nennen, das ein Altkonviktor, der Bischof von Sitten, Victor Bieler, angeboten hatte. Ausreisen konnten nur Ausländer, nicht reichsdeutsche Konviktoren. Der erste Troß der etwa 80 Konviktoren brach schon am 28. November über den Brenner, Mailand, Simplon ins Wallis auf, die beiden anderen Gruppen folgten an die darauffolgenden Tagen. Der Ablauf des Exodus ist dann in einer eigenen Beilage des Korrespondenzblattes detailliert beschrieben ("In exitu ...", "In adventu ..."). Das Exil dauerte bis 1945/46.
Es war schon eine kleine Staatsaktion: Alte österreichische Beamte, die den Jesuiten wohlwollend gegenüberstanden, hatten den Patres die notwendigen Pässe beschafft und dafür gesorgt, daß ein Teil der Bibliothek und des Mobiliars ohne Schwierigekeit mit transferiert werden konnte. Fünfzehn Eisenbahnwaggons waren allerdings nicht zu übersehen, sodaß es nicht verwundern kann, daß die Übersiedlung in der Schweiz zum Politikum hochstilisiert wurde und wegen des Jesuitenverbots Probleme auftauchten. Bereits am 14. Dezember konnte im Exil in der 7000 Einwohner-Stadt (nach Exerzitien) der Vorlesungsbetrieb wieder aufgenommen werden. Allerdings gab es Schwierigkeiten mit dem Schweizer Bundesrat. Jesuiten waren ja in der Schweiz verboten. Die Sache kam bis in den Bundesrat. Sie mußten exklaustriert (das war zwischen Bischof Bieler, P. General und Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli abgesprochen) bzw. säkularisiert werden, d. h., auf die feierlichen Gelübde, oder, wie P. Hofmann aus Sitten an eine Sr. Ignatia schrieb, die "drei Zäune" (13. März 1939) verzichten. Formelll unterstanden sie der Jurisdiktion des Bischof von Sitten/Sion.
Weil sich die Auflösung des Canisianums in Innsbruck in Etappen vollzog und mehrmals hinausgezögert werden konnte, blieben die inländischen Konviktoren (Reichsdeutsche) und die Seminaristen noch für einige Wochen im Haus. Infolge der teilweisen Räumung waren etwa 20 Konviktoren ins Jesuitenkolleg übersiedelt, wo weiter Vorlesungen (zu denen auch Auswärtige Zutritt hatten) stattfanden, weswegen wiederum einige Jesuitenstudenten der Philosophie bis Weihnachten auf den Zenzenhof zogen oder nach Gallarate bei Mailand auswanderten. Nach weiteren Räumungen gingen die Konviktoren ein "Rumpf-Canisianum" auf den Zenzenhof. Ein Chronist schrieb: "Hinter uns versank eine kleine Welt."
Rusch hatte inzwischen am 30. November vom Salzburger Fürsterzbischof Sigismund Waitz in St. Jakob die Bischofsweihe erhalten. Abends fand ihm zu Ehren eine Akademie statt. Weil der Papst seine Ernennung ohne vorherige Verständigung der Reichsbehörden vorgenommen hatte, verweigerten die staatlichen Stellen dem neuen Bischof die Anerkennung, beantworteten Eingaben an die Gauleitung überhaupt nicht oder retournierten sie mit dem Vermerk "Kaplan" Rusch. Gauleiter Hofer schikanierte den neuen Bischof bis Kriegsende nach Strich und Faden. Am Tag der Bischofsweihe mußte jener Trakt, in welchem das Priesterseminar provisorisch untergebracht war, geräumt werden. Zwar wurde es in einen anderen Teil des Hauses verlegt, doch als auch der von den Jesuiten verwendete Bereich beschlagnahmt wurde, mußten die Diözesantheologen das Haus verlassen.
Im Jesuitenkolleg gingen die Vorlesungen weiter, weil die Hälfte der Professoren ja da blieb. Erst als im Oktober 1939 auch das Kolleg aufgehoben wurde und alle Jesuiten "Gauverbot" erhielten, zerstreuten sich auch die letzten. Der eine Teil der Fakultät existierte weiter in Sitten, der andere in Wien in einer Art Notstudium.
Daß das Canisianum während des Kriegs kein einziges Mal beschädigt wurde, ja daß (bis auf eine kleine Bombe an der Ecke Kaiserjägerstr./Kapfererstr.) keine einzige Fliegerbombe auf den Saggen fiel, das hatte seinen Grund. P. Lakner wollte 1958 die Identität jenes Altkonviktors noch nicht nennen, der sich bei den Amerikanern für die Verschonung des Canisianums eingesetzt hatte. 1996 wurde dann in der Tiroler Kulturzeitschrift "Das Fenster" unter den Protokollen der Luftangriffe auch ein Brief an P. Josef A. Jungmann von 1957 veröffentlicht. Absender war Prälat Walter Fansacht aus Chicago. Er schrieb Jungmann, amerikanische Jesuiten hätten den damaligen Erzbischof von New York, Kardinal Francis Spellman davon überzeugen können, sich bei US-Präsident Roosevelt dafür zu verwenden, daß dieser Stadtteil, der Saggen, nicht bombardiert werde. Die Vorstellung wirkt heute etwas kurios. Selbst im Weißen Haus in Washington wurde das Schicksal der "Pfaffenburg" von Innsbruck zu Thema! Wenn den Nazis schon die Vertreibung gelungen war "Die Pfaffenburg muß weg" , so sollte wenigstens das Gebäude erhalten bleiben.
Heute stört das Canisianum niemandem mehr. Das könnte auch tragisch verstanden werden. Vielleicht wird der Bau heutzutage als Last empfunden, aber die Institution als solche? Priesterausbildung im internationalen Kontext? So wäre zu fragen, ob Gedenken wie das heutige wirklich an Fragestellungen unserer Zeit rühren oder ob wir nur die Profiteure des Mutes unserer Vorfahren sind und das Schicksal vergangener Generationen beschwören. Wie paßt doch der eine Satz aus der Exhorte Pater Thalhammers vom März 1938 dazu: "Die Frage müssen wir uns stellen."
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Anmerkungen:
(1) Vgl. R. Bleistein: Deutsche Jesuiten im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, in: M. Sievernich G. Switek (Hgg.): Ignatianisch. Eigenart und Methode der Gesellschaft Jesu. Freiburg i. Br. 1990, 478-494; ders.: Jesuiten im Kreisauer Kreis, in: Stimmen der Zeit 200 (1982) 595-607.
(2) R. Bleistein: Katholische Bischöfe und der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, in: Stimmen der Zeit 207 (1989) 579-590.
(3) R. Bleistein: Deutsche Jesuiten im Widerstand (s. Anm. 1), 479.
(4) Ebd.
(5) Ebd. 478: "Da er [der Jesuitenorden] von manchen Nationalsozialisten ob seiner Organisation und Internationalität bewundert wurde, hätte er im Schlagschatten dieser merkwürdigen Zuneigung unangefochten bleiben können. Da in ihm aber der Anspruch der katholischen Kirche für viele unübersehbar wird, lag eine Konfrontation mit einem totalitären System von Anfang an nahe."
(6) Zit. nach R. Bleistein: Augustinus Rösch. Leben im Widerstand. Frankfurt am Main 1998, 78.
(7) Zit. nach A. Rösch: Kampf gegen den Nationalsozialismus. Hg. von R. Bleistein. Frankfurt am Main 1985, 461f. (Dokument 1).
(8) F. Lakner: Die große Krise. 1933-1958, in: Festschrift zur Hundertjahrfeier des Theologischen Konvikts Innsbruck 1858-1958. [Innsbruck 1958], 43-60, hier 43.
(9) Daran erinnerte sich der frühere Bischof von Innsbruck im Rückblick auf eine Begegnung mit Rosenberg in einem Lazarett in Litauen: Rede vom 10. März 1988 an der Theologischen Fakultät Innsbruck. Vgl. R. Stecher: "Denke an die Tage der Vergangenheit, lerne aus den Jahren der Geschichte", in: Das Fenster. Tiroler Kulturzeitschrift 22 (1988) H. 43, 4234-4239, bes. 4236.
(10) A. Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit. München 1934, 122: "Und der moderne Theoretiker jesuitischer Wissenschaft, Dr. J. Donat, Professor in Innsbruck, erklärt j e d e n Zweifel an Glaubenswahrheiten als unstatthaft." Verwiesen ist auf Donats Schrift "Die Freiheit der Wissenschaft. Ein Gang durch das moderne Geistesleben" (Innsbruck 1910, 31925).
(11) Vgl. R. Steininger: Der Anschluß Stationen auf dem Weg zum März 1938, in: Th. Albrich K. Eisterer R. Steininger (Hgg.): Tirol und der Anschluß. Voraussetzungen, Entwicklungen, Rahmenbedingungen 1918-1938 (Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte, Bd. 3). Innsbruck 1988, 9-42; R. Luza: Der Widerstand in Nord- und Osttirol 1938-1945. In: A. Pelinka A. Maislinger (Hgg.): Handbuch zur neueren Geschichte Tirols. Bd. 2/1. Innsbruck 1993, 313-346.
(12) Dollfuß nutzte den aufgrund eines formalen Abstimmungsfehlers erfolgten Rücktritt aller drei Präsidenten des Nationalrats zu dessen Aussschaltung aus. Er regierte mit Hilfe des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgsetzes von 1917. Am 1. Mai 1934 wurde die Verfassung des Ständestaats proklamiert. Gesetzgebung und Verwaltung waren nicht mehr getrennt. Mussolini schlüpfte in die Rolle des Protektors der austrofaschistischen Diktatur.
(13) Die 1931 begonnenen, fast erledigten Verhandlungen wurden erst am 5. Juni 1933 zum Abschluß gebracht. Weil zur Zeit des Ständestaats abgeschlossen, wurde diese völkerrechtliche Vereinbarung zwischen der Republik Österreich und dem Vatikan in seiner Verbindlichkeit zunächst seitens sozialdemokratischer Politiker und in weiterer Folge von den Nationalsozialisten nur mit Vorbehalten anerkannt (vgl. E. Weinzierl: Prüfstand. Österreichs Katholiken und der Nationalsozialismus. Mödling 1988, 153).
(14) P. Michael Hofmann schrieb ihm einen glühenden Nachruf: Religiosität des ermordeten Bundeskanzlers Dr. Engelbert Dollfuß, in: Korrespondenz des Priestergebetsvereines im theologischen Konvikte zu Innsbruck 69 (1935) 10-15.
(15) Vgl. seinen Rechenschaftsbericht: Im Kampf gegen Hitler. Die Überwindung der Anschlußidee. Wien 1988 (Neuauflage). Schuschnigg wurde verhaftet und landete im KZ Sachsenhausen. Nach Kriegsende emigrierte er in die USA, wo er in Saint Louis eine Professur erhielt. 1967 ließ er sich in Mutters bei Innsbruck nieder.
(16) R. Steininger: Der Anschluß (s. Anm. 11), 28.
(17) Ebd. 34.
(18) E. Weinzierl: Der österreichische Widerstand 1938-1945. In: Dies. K. Skalnik (Hgg.): Das neue Österreich. Geschichte der Zweiten Republik. Graz 1975, 11-29, hier 12.
(19) Text in: M. Liebmann: Theodor Innitzer und der Anschluß. Österreichs Kirche 1938. Graz 1988, 109. Es handelt sich bei dem Dokument um einen Begleitbrief an Gauleiter Joseph Bürckel zur Unterstützungserklärung der österr. Bischöfe.
(20) "Denke an die Tage der Vergangenheit ..." (s. Anm. 9), 4235.
(21) Die Wiener Diözesanarchivarin Annemarie Fenzl hat bei einer Gedenk-Ausstellung zufällig das Konzept der Rede Innitzers entdeckt, das "vorsichtiger" ist als die dann tatsächlich gehaltene, von Zeitzeugen bestätigte Predigt, in der die berühmten Worte "Christus ist euer Führer" fallen; vgl. Kathpress-Tagesdienst Nr. 234 vom 9. 10. 1998, S. 2. Vgl. auch E. Weizierl: Prüfstand (s. Anm. 13), bes. 143-160.
(22) Zit. nach: M. Liebmann: Theodor Innitzer und der Anschluß (s. Anm. 19), 59.
(23) Vgl. Kathpress-Tagesdienst Nr. 234 vom 9. 10. 1998, S. 2-3.
(24) Vgl. L. Born: Die Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken in Wien. Hg. von L. Groppe. Wien 1978 (Ms.); F. Loidl: Geschichte des Erzbistums Wien. Wien 1983, 328.
(25) I. Aichinger: Kleist, Moos, Fasane. Frankfurt am Main 1996, 30: "unser Pater, der Äpfel oder Nüsse über den Tisch warf, der nach den schwierigsten Augenblicken des Tages fragte, und wie man ihnen beikommen könne, der gelassen den Platz vor der geheimen Polizei kreuzte, die Brücken, wann immer es ihm nötig erschien; seine Helferinnen, die uns zu Schwestern oder Müttern wurden, oder zu beidem, die heimlichen Proben zu unseren Festen, zu denen manchmal der Kardinal kam, als Gastgeber der Hilfe und als ihr Gast." Mit dem "Platz vor der geheimen Polizei" ist der Morzinplatz gemeint, zwischen Ruprechtskirche und Donaukanal gelegen, wo das Gestapo-Hauptquartier war.
(26) Ebd.
(27) Ebd. 27.31. Der Universitätsplatz war der Sitz des Provinzialats der Gesellschaft Jesu.
(28) F.-H. Hye: Die politischen Kräfte in Innsbruck von 1918 bis 1938, in: Tirol und der Anschluß (s. Anm. 11) 143-168, hier 156.
(29) Ebd. 157.
(30) Protokoll über die letzte Sitzung des Tiroler Landtags vor dem "Anschluß", in: Das Fenster. Tiroler Kulturzeitschrift 22 (1988) H. 43, 4209-4211.
(31) Dokumentiert in: Tirol und der Anschluß (s. Anm. 11), Photo Nr. 46.
(32) Zit. nach Th. Albrich: "Gebt dem Führer euer Ja!" Die NS-Propaganda in Tirol für die Volksabstimmung am 10. April 1938, in: Tirol und der Anschluß (s. Anm. 11) 505-537, hier 507.
(33) Vgl. J. Riedmann: Das Bundesland Tirol (1918-1970), in: J. Fontana [u. a.]: Geschichte des Landes Tirol. Bd. 4/2. Bozen/Innsbruck 1988, 998-1001; DBE 5 (1997), 109.
(34) J. Gelmi: Die Kirche Tirols seit 1918, in: A. Pelinka A. Maislinger (Hgg.): Handbuch zur neueren Geschichte Tirols. Bd. 2/2. Innsbruck 1993, 456.
(35) H. Tschol: Verfolgung und Widerstand der katholischen Kirche Tirols in den Jahren 1938 bis 1945, in: Das Fenster. Tiroler Kulturzeitschrift 19 (1985) H. 38, 3774-3779, hier 3775.
(36) Ebd. Vgl. auch J. Gelmi: Die Kirche Tirols seit 1918 (s. Anm. 34), 443-463, bes. 455.
(37) H. Tschol: Verfolgung und Widerstand der katholischen Kirche Tirols (s. Anm. 35), 3775.
(38) Angaben nach ebd. 3777.
(39) Zit. nach: Blätter der österreichischen Jesuiten 61 (1988), Nr. 3, September: "1938 und die Folgen", S. 9. An der Nordseite des Jesuitenkollegs, wo die Bibliothek noch heute untergebracht ist, befand sich eine (mittlerweile geschleifte) Kaserne, wo heute der Neubau der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät steht. Der martialische Auftritt der SS führte über den Rennweg, an Landestheater und Hofburg vorbei zur Kaserne. Historische Bilder dokumentieren die Beobachtungen Payrs in: Tirol und der Anschluß (s. Anm. 11), Photos: 62-64). Zwei Tage nach dem Anschluß wurde das österreichische Bundesheer auf den "Führer" vereidigt; vgl. E. A. Schmidl: Die militärische Situation in Tirol im März 1938, in: Tirol und der Anschluß (s. Anm. 11), 481-504.
(40) Vgl. Nachrichten der österreichischen Provinz S.J., Nr. 2, März-April 1938, 18 (Hausbericht Coll.[egium] Max.[imum]). Da mit 31. Juli dem Festtag des hl. Ignatius, an dem traditionellerweise neue Personalentscheidungen bekanntgegeben wurden ein neuer Rektor ernannt wurde, scheint H. Rahners viermonatige Oberenzeit im Provinzkatalog nicht auf. Jungmann ist bei seiner Amtseinführung auf den "Ernst der Zeit" eingangen (zit. nach: Nachrichten der österreichischen Provinz S.J., Nr. 4, Juli-August 1938, 35).
(41) Auch war das Kolleg (wie auch das Canisianum) schon anläßl. der Hungerdemonstrationen Anfang Dezember 1919 mehrmals Ziel von Ausschreitungen und Plünderungen gewesen. Details und Nachweise bei: A.. Batlogg: Die Theologische Fakultät Innsbruck zwischen "Anschluß" und Aufhebung (1938), in: Zeitschrift für Katholische Theologie 120 (1998) 164-183, hier 180, Anm. 65.
(42) Zum Folgenden vgl. A. Batlogg: Die Theologische Fakultät Innsbruck (s. Anm. 41), 164-183; E. Coreth: Das Jesuitenkolleg Innsbruck. Grundzüge seiner Geschichte, in: ZKTh 113 (1991) 140-213; ders.: Die Theologische Fakultät Innsbruck. Ihre Geschichte und wissenschaftliche Arbeit von den Anfängen bis zur Gegenwart. Innsbruck 1995; K. H. Neufeld: "Aufhebung" und Weiterleben der Theologischen Fakultät Innsbruck (1938-1945). Fakten, Reaktionen und Hintergründe während des Zweiten Weltkriegs, in: ZKTh 119 (1997) 27-50; H. Rahner: Die Geschichte eines Jahrhunderts. Zum Jubiläum der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck 1857-1957, in: ZKTh 80 (1958) 1-65.
(43) Nach und nach wurden 54 der 159 Hochschullehrer vom Dienst enthoben: 14 an der Philosophischen, zehn an der Medizinischen, sechs an der Juridischen und im Juli alle 24 an der Theologischen Fakultät; vgl. H. Walser: Schule und Universität im Bundesland Tirol, in: Handbuch zur neueren Geschichte Tirols 2/2 (s. Anm. 34), 405-441, hier 435.
(44) Vgl. M. Gehler: Die Studenten der Universität Innsbruck und die Anschlußbewegung 1918-1938 (s. Anm. 11), 105.
(45) F. Hölbing: Geschichtlicher Überblick, in: 300 Jahre Universitas Oenipontana. Die Leopold-Franzens-Universität zu Innsbruck und ihre Studenten. Hg. von der Österreichischen Hochschülerschaft an der Universität Innsbruck. Innsbruck 1970, 9-85, 71.
(46) Die Aufzeichnungen des Studienjahres 1937/38 sind ediert bei A. Batlogg: Die Theologische Fakultät Innsbruck (s. Anm. 41), 171-179.
(47) M. Gehler: Die Studenten der Universität Innsbruck und die Anschlußbewegung 1918-1938, in: Tirol und der Anschluß (s. Anm. 11), 103.
(48) Vgl. A. Batlogg: Die Theologische Fakultät (s. Anm. 41), 174: "20. April fand die Geburtstagsfeier des Führers Adolf Hitler im Hörsaal 3 der theol. Fakultät statt, da die Aula maxima der neuen Universität durch militärische Einquartierung belegt war; unsere Fakultät blieb von Einquartierung verschont." Vom 3. April bis 9. Mai waren allerdings, abweichend vom gesetzlichen Termin, Osterferien: "Das alte österr. Bundesministerium f. Unterricht hatte auf Ersuchen des P. Provinzials gestattet, die Osterferien heuer probeweise so zu legen, daß Ostern ungefähr in die Mitte fiel, also 14 Tage vor u. 3 Wochen nach Ostern." (ebd.). Am 30. Juli 1935 war in einer Universitäts-Studienordnung eine neue Einteilung des Studienjahres festgelegt worden; vgl. dazu: Korrespondenz des Priestergebetsvereines ... 70 (1935) 40. Da keine Zeitzeugen aus dem Jesuitenorden mehr vorhanden sind, läßt sich nicht sagen, ob sich die Jesuitenprofessoren von der Feier fernhalten konnten.
(49) Erscheinungsdatum: Februar 1939.
(50) Vgl. R. Bleistein: Nationalsozialische Kirchenpolitik und katholische Orden, in: StZ 203 (1985) 159-169.
(51) H. Tschol: Verfolgung und Widerstand der katholischen Kirche Tirols (s. Anm. 35), 3775.
(52) Vgl. F. Lakner: Die große Krise (s. Anm. 8), 45.
(53) Vgl. den Nachruf: P. Johannes Gualb. Meindl S.J. im Herrn entschlafen, in: Korrespondenz des Priestergebetsvereines ... 72 (1938) 49-51.
(54) Dominikus Thalhammer SJ (1902-1965) wurde am 17./18. März 1938 habilitiert und erhielt die venia legendi für das Fach Aszetik; vgl. A. Batlogg: Die Theologische Fakultät Innsbruck (s. Anm. 41), 173.
(55) In: Korrespondenz des Priestergebetsvereines ... 72 (1938) 1938, 55-58, hier 55.
(56) Ebd.
(57) Ebd. 58.
(58) Vgl. Acta Romana Societatis Iesu 9 (1938) 19: "Iam inde a die 16 martii, id est ab actione 5a, ob gravissimas rerum publicarum in Austria mutationes, a Congregatione facultatem ad tempus abeundi petierant et obtinuerant P. Iosephus Miller et P. Franciscus Lakner, Praepositus alter, alter Elector Provinciae Austriae; itemque P. Augustinus Rösch, Praepositus Provinciae Germaniae Superioris; qui omnes post aliquot dies reversi sunt. Sed mox Praepositus Provinciae Austriae primum, die 7 aprilis (act. 25), ac dein Germaniae Superioris, eandem ob causam rursus abire coacti sunt, non iam reversuri."
(59) Zit. nach dem Bericht in: Vierteljahresbericht des theologischen Konviktes zu Innsbruck 72 (1938) 9f.
(60) Vgl. Nachrichten aus der Österreichischen Provinz S.J., Nr. 2, März-April 1938, S. 19 (Hausbericht Innsbruck-Canisianum). Die Vereinigung der Altinnsbrucker in den USA zählte im Juli 1938 immerhin 343 Mitglieder, die über das "Korrespondenzblatt" ständig mit ihrer ehemaligen Ausbildungsstätte verbunden waren (Zahlen nach: Korrespondenz des Priestergebetsvereines ... 72 (1938) 36).
(61) Neugestaltung in Oesterreich, in: Korrespondenz des Priestergebetsvereines ... 72 (1938) 68.
(62) "Wie sieht die neue Alma mater aus?", in: Korrespondenz des Priestergebetsvereines ... 73 (1938) 14-15. Die Studienordnung orientierte sich an der Apostolischen Konstitution "Deus scientiarium Dominus" von 1931, nach der sämtliche kirchliche Grade vergeben werden konnten.
(63) Zit. nach: ebd. 11.
(64) Vgl. das Schreiben des Staatskommissars Plattner an Fürsterzbischof Waitz und das Geheimdossier des Wiener Ministerialrats Krüger in: F. Lakner: Die große Krise (s. Anm. 8), 47, Anm. 15 u. 16.
(65) S. Leitner: Aufhebung des Canisianums durch die Nationalsozialisten am 21. November 1938, in: Korrespondenzblatt des Canisianums 131 (1997/98) H. 2, 21-23, hier 23.
(66) Immerhin weist nachfolgende Bemerkung eine Richtung: " Konzediert wurde eine Mietvergütung in jährlicher Höhe von RM 28.000, die im Rahmen eines Mietvertrages offenbar die Freiwilligkeit und Legalität der Aktion suggerieren sollte" ( DIETER MARC SCHNEIDER: Verfolgung, Widerstand und Emigration der Innsbrucker Jesuiten in den Jahren 1938 und 1939, Ein Fallbeispiel zur Geschichte der christlichen Emigration unter dem Nationalsozialismus, in: MANFRED BRIEGEL WOLFGANG FRÜHWALD (Hgg.): Die Erfahrung der Fremde. Kolloquium des Schwerpunktprogrammes "Exilforschung" der Deutschen forschungsgemeinschaft. Weinheim 1988, 141-162, hier 145).
(67) Th. Happacher: Innsbruck von 1939-1945, in: Ignatiusbote. Mitteilungen des Ignatiusbundes für seine Mitglieder und Freunde 19 (1946), Juli 1946, H. 1-2, 9-15, hier 10: "Drei Monate vor der Aufhebung des Canisianums, wo noch alle Behörden bis zum Reichsstatthalter hinauf uns mit Worten heiligster Überzeugung versicherten, das Canisianum werde wegen der vielen Ausländer nie aufgehoben werden, erschien ein hoher Beamter im Sprechzimmer des Canisianums und erklärte, sein Gewissen dränge ihn, uns mitzuteilen, daß der Akt über die Beschlagnahme des Canisianums von der Gauleitung bereits ausgefertigt sei und der Erledigung harre."
(68) Bieler und Clemens August Graf von Galen, Bischof von Münster, hatten 1937 ein Ehrendoktorat der Innsbrucker Theologischen Fakultät verliehen bekommen.
(69) 38 Amerikaner, 10 Engländer, 10 Schweizer, 9 Ungarn, mehrere Italiener, Franzosen, Rumänen, sogar ein Japaner; allerdings waren auch einige von der Apostolischen Administratur Innsbruck-Feldkirch darunter; wie das möglich war, konnte ich nicht eruieren.
(70) Vgl. F. Lakner: Die große Krise (s. Anm. 8), 49.
(71) Vgl. ebd. 49-54 sowie K. H. Neufeld: Die Brüder Rahner. Eine Biographie. Freiburg i. Br. 1994, 145-158.
(72) Nachrichten der österreichischen Provinz S.J., Nr. 1, Jänner-März 1939, 5.
(73) Vgl. Die letzten Wochen im alten Heim, in: Korrespondenzblatt des Priestergebetsvereines ... 73 (1939) 8-10.
(74) Ebd. 8.
(75) J. Gelmi: Die Kirche Tirols seit 1918 (s. Anm. 34), 454. Vgl. dazu den Briefwechsel in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (Hg.): Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934-1945. Bd. 2 . Wien 1984, 175-184.
(76) Sie fanden dann vorübergehend Aufnahme im Servitenkloster Volders, in einer Pension in Matrei am Brenner und gingen schließlich nach Sankt Georgen am Längsee in Kärnten. Vgl. J. Gelmi: Die Kirche Tirols seit 1918 (s. Anm. 34), 455. Im Verordnungsblatt der Apostolischen Administratur Innsbruck-Feldkirch war die Räumung des Canisianums zum 1. März 1939 angezeigt (Jahrgang 1939, 2 lfd. Nr. 28, S. 44).
(77) F. Lakner: Die große Krise (s. Anm. 8), 56.
(78) L. Schönherr: Die amerikanischen Luftangriffe auf Innsbruck im Jahre 1944, in: Das Fenster. Tiroler Kulturzeitschrift 29 (1996) H. 60/61, 5727-5751, hier 5734, Anm. 9 (Erklärender Einschub der Redaktion mit Abdruck des Briefes).