Wissenschaft und Frömmigkeit. Wie kam Edith Stein in den Karmel?
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
Die Autorin ist habilitierte Philosophin und Doktor der Theologie h.c.. Seit 1993 lehrt sie Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft an der Technischen Universität Dresden.
Es
steht geschrieben:
‘Und Abel brachte, auch er.’
Sein ‘Er’, sich selber hat er gebracht.
Nur wenn einer auch sich selber bringt, gilt sein Opfer.[1]
Bürgerin Jerusalems in Babylon: Das Leben Edith Steins
„Die heiligen Frauen: das sind Bürgerinnen Jerusalems in Babylon. Das Leid, die Schuld, die Sehnsuchtsnot der Welt häufen sich auf ihnen; das Licht vernichtet sie fast; es bricht sie. Von vielen, wenn nicht von allen, gilt das Wort: Ich wäre untergegangen, wenn ich nicht zugrunde gegangen wäre (Periissem, nisi periissem), das heißt, wie Teresa von Avila sagt: Ich lebe, weil ich immerfort sterbe, ich sterbe nicht, weil ich sterbe von Tag zu Tag.“[2]
Der Name Juden‑Christin hat seit Edith Stein ein neues Gewicht Vieles, was anderswo auseinander fällt, ist in ihr notgedrungen, aber auch unter eigenem Training zusammengehalten worden: Judentum und Christentum. Aber in ihr laufen auch zusammen: Wissenschaft und Religiosität, Intellekt und Hingabe, anspruchsvolles Denken und Demut. Zwei Gesichter, die doch eines sind: die stolze, selbstbewusste, selbstkritische Doktorin und die Braut des Lammes mit dem rätselhaft schmerzlichen und tief verinnerlichten Gesichtsausdruck auf dem Bild ihrer Einkleidung. Dazwischen liegt ein Abstand, den Edith Stein wirklich mit Blut, mit Feuer, mit Leben, mit Glück, mit holocaustum gefüllt hat.
Das ungewöhnliche Leben dieser Frau, die seit 1999 zu den drei Patroninnen Europas zählt[3], strebt in seiner ersten Hälfte steil und selbstsicher nach oben. Als siebtes Kind einer jüdischen, kleinbürgerlichen Familie am 12. 10. 1891, dem jüdischen Versöhnungstag geboren, studiert die Einserabiturientin Philosophie, Germanistik, Psychologie und Geschichte in ihrer Heimatstadt Breslau, geht dann zum konzentrierten Philosophiestudium nach Göttingen und Freiburg - ein rascher akademischer Aufstieg, der lange Zeit keine wirklichen Widerstände kennt. Die junge Frau, von Veranlagung her selbstsicher und hochbegabt, ist schon in den 20er Jahren bei der philosophischen Elite bekannt als eine Schülerin des großen, in Mähren geborenen jüdisch-protestantischen Österreichers Edmund Husserl. 1916, mitten im Krieg, hatte sie bei ihm in Freiburg „summa cum laude“ über „Einfühlung“ promoviert, und anschließend wurde sie - eine Premiere ‑ die erste deutsche (Privat-)Assistentin in Philosophie, eben bei dem „Meister“ selbst.
Edith Stein vertritt einen Typus, der uns bei heiligen Frauen nicht vertraut ist. Sie hat nicht das Mütterliche der großen Elisabeth, nicht das Sorgende der Heilerinnen Hildegard oder Walburga, sie hat auch nicht das Dienende und Zurücktretende wie die Küchenschwester Ulrika Nisch vom Bodensee, die zeitgleich mit ihr 1987 selig gesprochen wurde. Edith Stein vertritt den modernen Typus der selbstbewussten, intellektuellen Akademikerin. Sie gehört zu den ersten Frauen in der Männerdomäne Philosophie und überhaupt zu den ersten Frauen, die in den deutschen Universitäten ab 1900 nach der Öffnung für das Frauenstudium zu finden sind. Sie selbst hat immer, überzeugt von ihrer ausnehmenden Begabung, einen philosophischen Lehrstuhl angestrebt. Vier Habilitationsversuche zwischen 1918 und 1932 sind vereitelt worden.
Zu dieser emanzipierten Frau gehört auch psychologischer Scharfblick. Ihre Freunde liebten sie, schätzten sie und wichen ein wenig ihrer kritischen Zunge aus ‑ wie sie es selbst vermerkt. Rasch und treffsicher, „entzückend boshaft“[4], konnte sie die Schwäche eines Menschen in einer Pointe aufspießen. Aber diese junge Frau erfährt ab 1917 Veränderungen durch große Leiden. Dazu gehört der Erste Weltkrieg: Die überzeugte Patriotin, die Preußin Edith Stein ‑ und sie blieb Schlesierin, Preußin und Deutsche bis zu Auschwitz ‑ leidet unter dem Schicksal des Weltkriegsausganges, auch unter dem Schicksal der vermissten und gefallenen Kommilitonen - wie etwa Adolf Reinachs, des bewunderten Lehrers. Sie leidet in den Jahren 1917 bis 1921 auch an zwei vergeblichen Annäherungen; sie liebt, und ihre Liebe wird weder durch Roman Ingarden noch durch Hans Lipps erwidert. Das universitäre Arbeitsfeld hat sich ihr seit der eigenen Kündigung bei Husserl 1918 verschlossen; sie versucht sich privat, auch in Breslau, als Philosophin ohne Anstellung. Die andrängende Sinnfrage kann ihr die Philosophie nicht mehr beantworten. Sie sucht ein tieferes Leben, und sie sucht mit Schmerzen.
Drei bis vier Jahre wandert sie durch die christliche Literatur; zwischen 1918 und 1921 tastet sich Edith Stein durch eine Wüste. Sie liest das Neue Testament, sie greift nach der Gestalt Jesu, sie liest Luther. Als Agnostikerin aus den akademischen Kreisen der Zeit konnte sie zunächst nur den Protestantismus als Alternative innerhalb der christlichen Konfessionen sehen. Der Katholizismus, den sie aus Breslau kannte, war für die Dienstboten, so formulierte ihre Schwester Erna später, etwas Merkwürdiges, Unverstandenes, Abergläubisches. Sie liest das Brevier und Augustinus, sie liest schon Teresa von Avila ‑ all das beschäftigt sie; ihr Kopf arbeitet, das Herz noch nicht.
Am Ende dieser Suche, am Ende auch der ausgestandenen Lebensenttäuschungen, taucht ihr Entschluss zur Taufe auf ‑ in einer einzigen Nacht im Juni 1921 in Bergzabern. Hier ist es Teresa von Avila (aus Gründen, die wir nicht kennen), die in ihrer „Vida“ über alles hinweg, was Edith Stein zu dieser Zeit schon intellektuell erarbeitet hatte, zum ersten Mal auch ihr Innerstes erreichte. In dieser einen Nacht fallen drei Entscheidungen: Christin zu werden, Katholikin zu werden, Karmelitin zu werden. Zunächst kommt es freilich nur zu Taufe und Firmung (1922) und zu einer Lehrerinnenexistenz im Lyzeum in Speyer, wo die rastlos zwischen Freiburg, Beuron, Speyer, Breslau als „Gyrovage“ Reisende ‑ wie sie selbstkritisch sagt ‑ am längsten wohnte (1923-1931): Ort ihrer Wandlung in ein unauffälliges, zurückgenommenes und sehr nach innen gewendetes Leben.
Sie verlässt Speyer erst, als sie auf Anraten ihrer Freunde in einen größeren Wirkungskreis eintritt. Aber das Deutsche Institut für wissenschaftliche Pädagogik in Münster, wo sie 1932/33 lehrt, wird ihr durch das „Gesetz zur Wiederherstellung des deutschen Berufsbeamtentums“ im Frühjahr 1933 verschlossen, und nun erfüllt sie sich den verborgenen, bisher zurückgestellten Wunsch nach dem Karmel. Edith Stein hatte zwei Zuhause: in Breslau das Haus ihrer Mutter Auguste, geborener Courant, dieser Frau, die im Porträt der Tochter in vielen Zügen enthalten ist: die große, starke, gläubige Jüdin, die ein Leben lang darunter litt, dass sie ihren Glauben an keines ihrer Kinder weitergeben konnte.
Das zweite Zuhause wurde die Kirche und näherhin der Karmel. Ihre Bekannte seit 1932, Gertrud von le Fort, tief beeindruckt von ihrer Erscheinung, schrieb 1952: „Es ist nicht zufällig, wenn in unseren Tagen der verborgenste aller Orden, der Orden unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, gleichsam die Pforten seiner Klausur auftut und die Stimme seines gewaltigen Schweigens mitten in einer Welt erhebt, die doch scheinbar ihm so fern steht. Es ist nicht zufällig: diese dem Geist des Karmel scheinbar so fremde Welt unserer Tage ist im Grunde gerade ihm in ihren tiefsten Notwendigkeiten zugeordnet. Denn wenn sich diese Welt heute entschließen muss, auf der ganzen Linie ihrer Existenz nur noch um die letzten Antworten zu ringen, weil ja alle vorletzten vom Untergang erfasst oder doch von ihm bedroht erscheinen, so heißt dies im Grunde die Einstellung auf das Geheimnis des Karmel als letzte Zuflucht - als Zuflucht auch noch in der Zufluchtslosigkeit! Im Karmel findet die Welt unserer Tage die Reihe der unerbittlichen Abschiede, wie sie heute von ihr verlangt werden, religiös vorgelebt - sie findet die ihr selbst so notwendige, vor nichts mehr zurückschreckende Verfügungsbereitschaft gegenüber den heute mehr denn je verhüllten Ratschlüssen Gottes - sie findet die Möglichkeit, in jede Nacht gläubig einzutreten als eben nicht mehr ihre eigene Nacht, sondern als die Nacht Gottes - im Karmel findet sie auch das unverständlichste ihrer Leiden gewürdigt, durch Aufopferung an die Ewige Liebe einbeschlossen zu werden in die Teilnahme am Erlösungsleiden des Kreuzes.“[5]
Edith Steins Leben hat sich nach einer steilen Aufwärtsbewegung, der Karriere an der Universität, nach unten und innen gekehrt. Alles, was an ihr unausgereift war, zu spitz, zu hell, zu selbstsicher, wird ihr in der zweiten Hälfte aus den Händen gewunden, oder ‑ um es vorsichtiger zu sagen ‑ sie trainiert, von sich selbst loszukommen. Es gibt die verschlossene, die kluge, die beherrschte, die Meisterdenkerin Edith Stein. Es gibt auch die warme, mütterliche, anderen Freundschaft und Halt gebende Karmelitin Edith Stein. Der Karmel war ein Ort, an dem sie sich in ungeahnter Weise noch einmal löste, wie vielleicht nie zuvor in ihrem bürgerlichen Leben. Als die 42jährige, noch erschöpft von ihrem überaus schmerzlichen und endgültigen Abschied von der Mutter in Breslau, drei Tage nach ihrem Geburtstag, am 15. Oktober 1933, die Schwelle des Karmels St. Josef in Köln als Postulantin überschritt, begann ein klar abgesetzter Lebensabschnitt. Dass der Lebensabschnitt der letzte sein würde, war deutlich, denn er war als endgültiges Ziel erhofft und erbetet; dass er jedoch nur kurz sein würde, knapp neun Jahre, war nicht vorauszusehen. In den Briefen dieser Karmeljahre erscheint ein doppelter Zug. Die Zeit ab 1933 ist geistlich ebenso fruchtbar wie politisch düster; menschlich wird sie immer lastender. So sehr das Glück des inneren Weges spürbar wird, weil „der Herr mich wieder als kleines Kind behandelt“, so sehr wird zugleich das sich über der Familie und über dem jüdischen Volk zusammenziehende Unheil spürbar. In einem Brief von 1938 erscheint zum ersten Mal die Gestalt der „kleinen Esther“, die zum Sinnbild des eigenen Betens, Drängens, Leidens für die anderen wird.[6] Der menschliche Leidensweg verbindet sich ununterscheidbar mit dem religiösen. Die von Gnade durchleuchteten Tage in Köln verschatten sich. Nach der „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 mit der Zerstörung der Synagogen und jüdischen Geschäfte wird die Flucht ins Ausland unabweislich.
Freilich zeigen die Briefe auch die eine nachdrückliche Tatsache an, dass Edith Stein nicht nur von der letzten Woche ihres Martyriums her gelesen werden kann. Wie die Basler Ärztin und Mystikerin Adrienne von Speyr in ihrem Allerheiligenbuch hellsichtig bemerkte, liegt die öffentliche Sendung Edith Steins bereits im Schritt aus der Welt der Wissenschaft in den Karmel.[7] 1933 ist das Jahr, in welchem die vom familiären Trennungsschmerz verdunkelte, dennoch zielsichere Entscheidung zur endgültigen Hingabe fällt - alles Spätere ist darin im Kern eingeschlossen, auch die Erkenntnis, dass der „Aufstieg auf den Berg Karmel“ einen Abstieg bedeute. Der Abstieg führt ins Verborgene: in das nicht mehr unterbrochene Zwiegespräch mit dem Herrn ebenso wie in die „Tiefe der Seele“, um einen wiederholten Ausdruck aus den theoretischen Schriften Edith Steins anzuführen.
Karmel war Glück, Angekommensein, aber ein Glück, von dem sie ahnt, dass es Leiden bedeutet. Sie stimmt dem Leiden zu, noch ohne seine Form zu kennen. Sie begreift es wohl erst in den letzten Jahren als die eigentliche Kreuzesnachfolge, begründet in der „Blutsverwandtschaft“ mit Jesus. Und so macht sie, längst bevor sie dem leiblichen Martyrium ausgeliefert wird, ein innerliches Martyrium durch. Erich Przywara SJ, der sie in den 20er Jahren geistlich begleitete, sprach schon 1952 zu ihrem 10. Todestag von einem „Antlitz des Einsturzes“[8].
Edith Steins zweite Lebenshälfte wendet sich im Karmel endgültig ins Unsichtbare zurück, auch ins Unhörbare. Ihre großen Arbeiten waren bis 1933 gedruckt[9]; alles Spätere verschwindet in der Schublade[10]. Ende 1938, nach der Kristallnacht vom 9. November, wechselt die Karmelitin Teresia Benedicta a cruce nach Holland, in der Hoffnung, dort den Nationalsozialisten zu entgehen. Sie wird aber am 2. August 1942 mit ihrer mittlerweile auch katholisch gewordenen Schwester Rosa, die im Kloster mithalf, verhaftet.
Die Fakten der letzten Woche: das Ende eines Martyriums
Edith Steins Lebensende entzieht sich fast ganz ins Dunkel. In ihrem Porträtbild von 1938 (das während der Heiligsprechung an der Front von St. Peter hing) verdichtet sich freilich einiges zur Sichtbarkeit: „Für diejenigen, die Edith von früher her kannten, war die Photographie, die dicht vor ihrer Flucht aus dem Kölner Karmel in den Holländer Karmel Echt aufgenommen wurde, so fremd, dass wir das Bild fast nicht ansehen konnten. Ihr einfaches, unschuldiges, fast immer fröhliches und liebliches Wesen war durch Leiden ganz entstellt“, schrieb Hedwig Conrad-Martius, Freundin, Conphilosophin und Taufpatin Edith Steins nach dem Krieg[11]. Nach der Besetzung Hollands im Mai 1940 durch die Nazis wird deren Zugriff auch dort spürbar.
Theodor Haecker schrieb am 13. September 1941 in seine Tag- und Nachtbücher: „Heute ist bekannt gegeben, dass ab 19. September jeder Jude auf der linken Seite seiner äußeren Kleidung einen gelben Stern, den Stern Davids, des großen Königs, aus dessen Geschlecht der Menschensohn, Jesus Christus, die zweite Peron der Trinität, dem Fleische nach geboren ist, zu tragen habe. Es könnte die Zeit kommen, dass die Deutschen im Auslande auf der linken Seite ihrer äußeren Kleidung ein Hakenkreuz, also das Zeichen des Antichrist, tragen müssen. Durch ihre Verfolgung der Juden nähern sich nämlich die Deutschen innerlich immer mehr den Juden und deren Schicksal. Sie kreuzigen ja heute Christus zum zweiten Mal, als Volk! Ist es nicht wahrscheinlich, dass sie auch ähnliche Folgen durchzuleben haben werden?“[12]
Teresia Benedicta versucht, für ihre als Laienhelferin tätige Schwester Rosa und sich selbst im Schweizer Karmel von Le Pâquier Aufnahme zu finden, was von den dortigen Behörden zu lange hinausgezögert wird. Am 26. Juli 1942 lassen die niederländischen Bischöfe ein gemeinsames Hirtenwort gegen die Judenverfolgung verlesen. Eine Woche später werden in einem Racheakt die katholischen Juden, vor allem Ordensangehörige verhaftet und in Sammellager verschleppt. Auch Edith Stein wird binnen weniger Minuten am Sonntag, den 2. August 1942, von der Gestapo abgeholt; vor dem Einsteigen ermutigt sie Rosa: „Komm, wir gehen für unser Volk.“ Eingeliefert ins Sammellager Amersfort findet Edith Stein dort ihre Freundinnen Dr. Ruth Kantorowicz und Alice Reis, deren Taufpatin sie 1930 in Beuron gewesen war; anwesend ist auch die tiefreligiöse Ärztin und Dominikanertertiarin Dr. Lisa Maria Meirowsky aus Köln. Zu dieser Gruppe gehören noch andere namentlich bekannte Gefährten[13]. Edith Stein bildet darin eine Mitte gesammelter Ruhe. Einige Tage später wird sie im Durchgangslager Westerbork gesehen, wie sie für Kinder sorgt und anzusehen war „wie eine Pietà ohne Christus“, von einem tiefen Kummer durchtränkt. Ein jüdischer Mitarbeiter wird sie vor dem Abtransport aus Westerbork am 7. August 1942 fragen, ob er noch etwas zu ihrer Rettung unternehmen solle. Sie wehrt ab: „Tun Sie das nicht, warum soll ich eine Ausnahme erfahren. Ist dies nicht gerade Gerechtigkeit, dass ich keinen Vorteil aus meiner Taufe ziehen kann? Wenn ich nicht das Los meiner Schwestern und Brüder teilen darf, ist mein Leben wie zerstört.“[14] Ein Lebenszeichen von ihr, ein Zettelchen mit dem Vermerk ad orientem, stammt noch von einem Halt des Personenzuges (nicht eines Viehwaggons, wie man manchmal lesen kann) während des Transportes auf dem pfälzischen Bahnhof von Schifferstadt - dann verlieren sich die Spuren aller genannten Namen gemeinsam ins Dunkel, vermutlich in eine Gaskammer von Auschwitz am 9. August 1942.
Auf Sr. Benedictas Schreibtisch in Echt fand man nach dem Abtransport ihr letztes, unvollendetes Werk, die Kreuzeswissenschaft, liegen. Darin stehen Sätze wie der folgende: „[Er] öffnet die Schleusen der väterlichen Barmherzigkeit für alle, die den Mut haben, das Kreuz und den Gekreuzigten zu umarmen. In sie ergießt sich sein göttliches Licht und Leben, aber weil es unaufhaltsam alles vernichtet, was ihm im Wege steht, darum erfahren sie es zunächst als Nacht und Tod.“[15] Das mag die neue/alte Deutung des Unheilen sein, für die Edith Stein heute steht. Kein einziges Verbrechen ist damit entschuldigt oder im Nachhinein religiös geschönt. Es gehört aber zu Edith Steins Geistigkeit, und diese ist gerade in ihrer Nüchternheit bezwingend, ihrem Tod „den Gott mir zugedacht hat“ (so der Wortlaut ihres Testaments[16]) zuzustimmen und darin das Kreuz selbst zu begrüßen, ja es gerade im Zeichen des Verbrechens unmissverständlich zu erkennen. Dass dies Edith Steins Nahrung und mehr als das: Trost war, lässt sich am gesammelten Ernst ihrer letzten Tage erkennen.
Erinnerlich ist die erregte Debatte, die schon ihrer Seligsprechung 1987 vorausging und seit Oktober 2002 durch Daniel Goldhagens erneute Attacke[17] wieder aufflammte: Starb Edith Stein als Jüdin oder als Christin den Martyrertod? Es gehört zur historischen Redlichkeit zu sagen, dass sie als Jüdin abtransportiert und getötet wurde; es gehört aber zur selben historischen Redlichkeit zu sagen, dass sie dieses Schicksal bewusst in der Nachfolge Jesu trug; ja, dass sie sich als Opfer auch für die endgültige Wendung ihres Volkes zu Christus verstand.[18] Man mag dieses Selbstverständnis ablehnen - für sie selbst lässt es sich aber nicht abstreiten. Im Kontext Edith Steins berühren die etwas pauschaliert vorgetragenen Überlegungen zur „Judenmission“, erarbeitet von einem Gremium im Auftrag der US-amerikanischen Bischofskonferenz, zumindest einseitig und der Sachfrage und Sachfülle nicht gerecht werdend.[19]
Paul Celan (1920-1970)
BENEDICTA
Zu ken men
aroifgejn in himel arajn
Un fregn baj got zu’s darf asoj sajn?
Jiddisches Lied
Ge-
trunken hast du,
was von den Vätern mir kam
und von jenseits der Väter:
- - Pneuma.
Ge-
segnet seist du, von weither, von
jenseits meiner
erloschenen Finger.
Gesegnet: Du, die ihn grüßte,
den Teneberleuchter.
Du, die du’s hörtest, da ich die Augen schloß, wie
die Stimme nicht weitersang nach:
‘s mus asoj sajn.
Du, die du’s sprachst in den augen-
losen, den Auen:
dasselbe, das andere
Wort:
Gebenedeiet.
Ge-
trunken.
Ge-
segnet.
[1] Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, 609.
[2] Reinhold Schneider, Heilige Frauen, in: Schneider, Pfeiler im Strom, Wiesbaden 1958, 166.
[3] Mit Caterina von Siena und Birgitta von Schweden wurde sie am 1. Oktober 1999 von Johannes Paul II. zur Mitpatronin Europas ernannt.
[4] Edith Stein, Aus dem Leben einer jüdischen Familie, ESGA (=Edith Stein Gesamtausgabe) 1, Freiburg 2002, 151. Vgl. dort ihre rückblickende Selbstkritik.
[5] Gertrud von le Fort, Zu den Briefen in den Karmel. Marie Antoinette de Geuser, Briefe in den Karmel, in: le Fort, Aufzeichnungen und Erinnerungen, o.O. Zürich/Köln (Benziger) 1952, 51f.
[6] Br. 573 an Petra Brüning vom 31. 10. 1938, ESGA 3, 333.
[7] Adrienne von Speyr, Edith Stein, in: von Speyr, Das Allerheiligenbuch. Erster Teil, Einsiedeln (Johannes) 1966, 249f.
[8] Erich Przywara, Die Frage Edith Stein (1952), in: Przywara, In und Gegen, Nürnberg 1955, 61ff.
[9] Vgl. ESGA 5 - 16, Freiburg (Herder) 2002ff.
[10] Vor allem ESGA 17 und 18, die beiden letzten großen Arbeiten: Wege der Gotteserkenntnis und Kreuzeswissenschaft.
[11] Hedwig Conrad-Martius, Edith Stein: Erkenntnis, Entscheidung und Martyrium einer Christin unserer Tage. Erinnerungen. Ms., gesendet im Bayerischen Rundfunk am 21. September 1958, 1.
[12] Theodor Haecker, Tag- und Nachtbücher 1939-1945, München (Kösel) (1947) 31959, 263.
[13] Ihre Schicksale sind bewegend nachgezeichnet durch Anne Mohr/Elisabeth Prégardier, Passion im August, Annweiler (Plöger) 1995; darunter sind zum Beispiel die bewundernswerten sechs Geschwister Löb, alle Ordensleute, aber auch die zwei jungen Schwestern Goldschmidt aus München und vier Österreicherinnen: Mutter und drei Töchter Bock.
[14] Zitiert von Johannes Paul II. bei der Heiligsprechung am 11. Oktober 1998, in: Osservatore Romano (dt.), 12.11.1998.
[15] Kreuzeswissenschaft. Studie über Johannes vom Kreuz, hg. v. U. Dobhan, Freiburg (Herder) 2002, ESGA 18, 226.
[16] ESGA 1, Freiburg 2002, 375.
[17] Daniel Goldhagen, Die katholische Kirche und der Holocaust, Berlin (Siedler) 2002, worin der Autor auch Edith Stein als „Opfer“ der Kirche darstellt.
[18] ESGA 1, Freiburg 2002, 375. Vgl. Kap. III „Versöhnung durch Sühne“, in: H.-B. Gerl, Unerbittliches Licht. Edith Stein: Philosophie - Mystik - Leben, Mainz (Grünewald) 3. A. 1999, 34 - 40.
[19] Veröffentlicht im September 2002. Die Absicht des Schreibens richtet sich zurecht gegen eine aggressiv vorgetragene, „fundamentalistische“ Judenmission vor allem freikirchlicher Gruppen in den USA. Doch bleiben dabei wichtige theologische Einsichten zum grundsätzlichen Charakter der christlichen Mission, zu der die Worte Jesu im NT selbst verpflichten, außer Acht. Vgl. die Kritik von Rudolf Pesch, in: Die Tagespost vom 9.2002.