Manfred Scheuer
Erwachsen glauben – Mündiges Christsein

Auszug aus der Predigt anlässlich des Seminaristentreffen 2005 in Innsbruck

Ein Waisenkind hat keine Eltern. Kinder sind allein nicht lebensfähig. Sie brauchen den Lebensraum, die Zuwendung der Eltern, die materielle und soziale Sicherheit. Ein Waisenkind gilt als Leichtgewicht ohne Rückhalt, ohne Rückgrat, ohne Fundament, ohne Basis, ohne Halt, ohne Anwalt. Er wurde im Stich gelassen; die andern machen sich davon. Mit dem Waisen hängt sprachlich durchaus das „Woaserl“ zusammen. Das ist einer, der sich nichts zutraut, der sich entschuldigt, dass er da ist.

Viele sind in der Kirche müde geworden. Nicht wenige sind intellektuell, psychisch und disziplinär enttäuscht. Der Eros für das Reich Gottes, das Feuer der Begeisterung scheinen verloschen. Vitalität, Lebens­kraft, Phantasie und Kreativität verkümmern. Das Zeugnis des Glaubens stößt nicht selten auf Gleichgültigkeit, Verdächtigung und Unterstellung. Wer heute in der Kirche oder im Auftrag der Kirche arbeitet, gilt für viele als Vertreter eines ideologischen Systems, einer lebensfeindlichen Institution. Die Kirche gehöre zu den Verliererge­sellschaften und Auslaufmodellen. Es handelt sich hier um eine Sinnkrise der zentralen christlichen Inhalte, die den Kern der Botschaft, die Gottesfrage, die Botschaft von Offenba­rung, Erlösung und Gnade betreffen. „Wie viele Glaubensmeinungen haben wir in diesen letzten Jahrzehnten kennen gelernt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele Denkweisen… Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden: vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus, und so weiter. Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich „vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen“, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Entsteht da nicht eine „Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt.“ So hat es Kardinal Ratzinger in seiner Predigt vor der Papstwahl formuliert.

Papst Benedikt XVI. fordert uns angesichts dieser Situation, im Glauben erwachsen zu werden. „Wir sind gerufen, um wirklich Erwachsene im Glauben zu sein. Wir sollen nicht Kinder im Zustand der Unmündigkeit bleiben. Was heißt, unmündige Kinder im Glauben sein? Paulus antwortet: Es bedeutet, „ein Spiel der Wellen zu sein, hin- und hergetrieben von jedem Widerstreit der Meinungen.“ (Eph 4, 14). Wer erwachsen glaubt, ist nicht mehr infantil und auch nicht pubertär. Infantil ist der, der es sich mit keinem vertun will, weil er Angst vor Liebes- und Sympathieentzug hat uns sich nicht getraut, jemandem zu widersprechen. Infantile vermeiden in ihrer Suche nach Harmonie jeden eigenen Standpunkt. Sie gehen ständig Symbiosen ein, sind jedoch unfähig zu Beziehungen unter freien und erwachsenen Menschen. Im Alltag äußert sich das im nicht fragen, nicht fordern, nicht zugreifen Können und im nicht nein sagen Können. Pubertär sind bloße Neinsager. Viele Nein-Sager haben keinen Humor, sie können nicht über sich selbst lachen, sie sind kampfwütig verbissen. Das Nein ist nekrophil, wenn es aus dem Hass oder aus einer hochmütigen Abwehrreaktion kommt. Erwachsen sind auch nicht die Wendehälse. Die Wendehälse sind überall dabei, die Widersprüche gehören zum System. Ja und Nein verkommen zu einer Frage des Geschmacks und der Laune, Leben oder Tod wird zur Frage des besseren Durchsetzungsvermögens, Wahrheit oder Lüge eine Frage der besseren Taktik, Liebe oder Hass eine Frage der Hormone, Friede oder Krieg eine Frage der Konjunktur.

Im Glauben nimmt der Christ teil an der Vorliebe Gottes für Mensch und Welt. Glauben ist Hören und Annehmen des endgültigen Ja Wortes, der irreversiblen Zusage. Die christliche Botschaft ist eine Chiffre für schöpferische Lebensfreundlichkeit. Glaube als freies Antwortgeschehen auf die Selbstmitteilung Gottes ist der Mitvollzug dieser Option Gottes für Mensch und Welt. Er schließt eine Option und eine Lebenswahl ein. Es bedeutet - um des Ja willen - auch Abschied und Absage. Die Kraft der Entscheidung für das Reich Gottes zeigt sich im Mut zum Nein gegenüber Götzen, dem Mammon (Mt 6,19-21), gegenüber kollektiven Egoismen, zerstörenden Mächten, Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Ein Gebot der Stunde ist die Unterscheidung der Geister (1 Thess 5,21; 1 Joh 4,1) zwischen fanatischen und zerstörerischen bzw. erlösenden und befreienden Gottesbildern, zwischen Jesus Christus und Verführern, zwischen dem Geist und dem Ungeist.

Jesus lässt uns nicht als Waisenkinder zurück. Der Geist als Beistand führt uns zu den Quellen des Glaubens. Er erinnert uns – gegen das Vergessen und gegen die Verkalkung – an das lebendige Wort Gottes. „Wer die Schrift kennt, kennt Gottes Herz.“ (Gregor der Große) „Wer die Schrift nicht kennt, kennt Christus nicht.“ (Hieronymus) „Das Evangelium ist das Buch des Lebens des Herrn und ist da, um das Buch unseres Lebens zu werden. ... Die Worte der menschlichen Bücher werden verstanden und geistig erwogen. Die Worte des Evangeliums werden erlitten und ausgehalten. Wir verarbeiten die Worte der Bücher in uns, die Worte des Evangeliums durchwalken uns, verändern uns, bis sie uns gleichsam in sich einverleiben. ... Wenn wir unser Evangelium in Händen halten, sollten wir bedenken, dass das Wort darin wohnt, das in uns Fleisch werden will, uns ergreifen möchte, damit wir – sein Herz auf das unsere gepfropft, sein Geist dem unsern eingesenkt – an einem neuen Ort, zu einer neuen Zeit, in einer neuen menschlichen Umgebung sein Leben aufs neue beginnen.“ (Madeleine Delbrel) 

Der Geist führt uns zu den Quellen. Es ist die Kraft des Geistes, der Jesus in der Eucharistie wirklich gegenwärtig werden lässt. Gerade die Eucharistie ist uns gegeben als Trost, Wegzehrung, Nahrung auf dem Weg und Brot des Lebens. Sie entspricht nicht einfach unseren Bedürfnissen. Die Eucharistie ist das Sakrament der Demut Gottes, der Verborgenheit und des Inkognito Gottes in Jesus Christus. „Wenn der Mensch kein Kind mehr ist und wenn Gott ihn mit der Labung seiner Lieblichkeit gestärkt hat, dann, wahrlich, gibt man ihm gutes, hartes Roggenbrot, denn er ist ein Mann geworden und zu Tagen gekommen. Dem erwachsenen Menschen ist harte kräftige Speise nützlich und gut; er braucht keine Milch und kein (weiches) Brot mehr. ... Ei nun, fasse Mut! Der Herr ist sicherlich nahebei; und halte dich an den Stamm des wahren, lebendigen Glaubens; es wird (schon) bald gut werden.“ (Johannes Tauler)

 

Der Heilige Geist als Beistand ist das Band der Freundschaft mit Jesus. „Ich weiß, dass Stunden der Bedrängnis, der Erschöpfung und der Ratlosigkeit, der Überforderung und der Enttäuschung zum heutigen Leben der Priester gehören… Welche Arznei kann ich euch in dieser Lage anbieten? Nicht äußere Vermehrung von Aktivitäten, nicht krampfhafte Anstrengung, sondern eine tiefe Einkehr in die Mitte eurer Berufung, eben zu jener Freundschaft mit Christus und zur Freundschaft miteinander. Durch sie will Christus selber als der Freund aller in eurer Mitte und in der Mitte eurer Gemeinden sichtbar werden. ‚Nicht Knechte nenne ich euch, sondern Freunde.’“ (Johannes Paul II., Predigt in Fulda 1980) „Vertieft Eure Freundschaft mit Christus: Das Priesterseminar ist auf seine Weise eine Fortsetzung der engen apostolischen Gemeinschaft rund um Jesus. Eure Freundschaft mit Christus, dem Herrn Eurer kostbaren Berufung, und Eure Bereitschaft, ihm in der hierarchischen Gemeinschaft der Kirche zu folgen, muss stets vertieft werden. Dazu will Euch das Leben im Priesterseminar helfen und anleiten. Es gilt, täglich neu eine persönliche Antwort auf die entscheidende Frage Christi zu geben: Liebst du mich? Studium und Gebet, der regelmäßige Empfang des Bußsakraments und die ehrfürchtige Teilnahme am eucharistischen Opfer sind unerlässliche Mittel auf dem Weg der Heiligung.“ (Johannes Paul II., Ansprache vor Wiener Seminaristen 2004)

Und auch für den neuen Papst ist die Freundschaft mit Jesus zentral: „Erwachsen ist nicht ein Glaube, der den Wellen der Mode und der letzten Neuheit folgt; erwachsen und reif ist ein Glaube, der tief in der Freundschaft mit Christus verwurzelt ist. Diese Freundschaft macht uns offen gegenüber allem, was gut ist und uns das Kriterium an die Hand gibt, um zwischen wahr und falsch, zwischen Trug und Wahrheit zu unterscheiden. Diesen erwachsenen Glauben müssen wir reifen lassen, zu diesem Glauben müssen wir die Herde Christi führen. Und dieser Glaube – der Glaube allein – schafft die Einheit und verwirklicht sich in der Liebe.“

 Der Heilige Geist lässt uns Rede und Antwort stehen für die Hoffnung, die uns erfüllt. Theologisch sollten wir keine unmündigen, infantilen Waisenkinder, keine „Woaserl“ sein. Der Priester der Zukunft wird eine theologische Persönlichkeit sein, d.h. eine theologische Urteilskraft haben, oder er wird nicht mehr sein. Es wäre fatal, wenn wir unser Selbstverständnis als Seelsorger aus den gerade üblichen Moden, aus den Zeitungen beziehen würden. Schon aus Selbstachtung des pastoralen Dienstes darf der Stil der denkerischen Auseinander­set­zung nicht von außen her aufgezwungen werden. Wichtig wäre, und das erwarten auch die Menschen von Priestern, dass sie geistige und geistliche Persönlichkeiten sind, deren Selbstbewusstsein aus der Wahrheit Gottes kommt. Was ist damit gemeint? Für eine theologische Persönlichkeit steht die Frage nach Gott im Mittelpunkt des Nachdenkens. Sie ist von Gott, der alle Wirklichkeit bestimmt, angerührt, ergriffen, ja fasziniert. Dabei ist der Theologe ein Existenzdenker. In der Theologie ist die ein­malige Lebensgeschichte wieder zu erkennen und zu verantworten. Es wäre fatal, wenn wichtige Lebensbereiche tabuisiert und ausgeklammert werden, z. B. Leid, Schuld, Krankheit oder Tod. Eine theologische Per­sönlichkeit sollte vorleben, dass sie von der Gnade und vom Trost Gottes lebt.

Der Heilige Geist als Beistand ist der Geist der Sendung und des Aufbruchs, er lässt Neuland unter die Füße nehmen. Die Freundschaft mit Jesus und die Sendung sind zutiefst miteinander verbunden, sie durchdringen und bedingen einander. Es ist derselbe Geist, der die Kirche sammelt und eint und der sie sendet, das Evangelium „bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1, 8) zu verkünden. "Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe." (Lk 4,16-19) Der Geist lässt Mauern und Barrieren überwinden, er dynamisiert die oft eng gezogenen Grenzen. Er schenkt die Bereitschaft zum Wagnis, zum Abenteuer; er schließt die Fähigkeit ein, sich auf Unbekanntes einzulassen.